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Rennenkampff

Die Schlacht bei Tannenberg 1914

Feldherren

General der Kavallerie
Pavel Karlowitsch
Edler von Rennenkampff

17. April 1854 - 1918
Oberbefehlshaber der
1. russischen Armee,
General-Adjutant des Zaren

Die Familie
stammt wahrscheinlich aus der Gegend um Münster / Osnabrück aus dem Hause Mittendorf (Mittendorpe). Der Name ten (vom) Remenkampe wird dort urkundlich erwähnt. Der Ausdruck "Kamp" (Kampus) bedeutet Feld. Remenkampe war also eine Flurbezeichnung für einen Landstrich, der dem Kloster Vennenberg (Vinnenberghe) gehörte. Auf einer Urkunde über den Verkauf eines Anwesens aus dem Jahre 1482 wird ein Johann ten Remenkampe als Zeuge angeführt. Zeugen solcher Art waren zu der Zeit vertrauenswürdige und hoch angesehene Personen. In diese Zeit muss der Erwerb des Hofgutes auf dem Remenkampe (Rehfeld ?) gefallen sein. Mit der Zeit ging die Flurbezeichnung auf die Familie über und wurde zu deren Namen.

Aus dem genealogischen Handbuch der Livländischen Ritterschaft geht hervor, dass im Jahre 1575 ein Jürgen Rennenkamp in Riga als Schneider und Krämer auftritt. Seine Nachkommen erwarben sich alsbald Ansehen und kamen in hohe Ämter der Hansestadt Riga, denn 1685 wird ein Georg Rennenkampff als Kaufmann und Dockmann (Schiffsbauer, Werftbesitzer) und danach als Oberbauherr und Stallherr der Stadt erwähnt. 1695 ist er dann Ratsherr und Oberkämmerer (Chef der Finanzverwaltung).
Der baltische Zweig der Rennenkampfs gehörte vor dem 1. Weltkrieg zu den wohlhabendsten Familien im Baltikum. Bei der Enteignung durch die Kommunisten im Jahre 1919 besaß sie 21 Güter mit 44.000 Hektar in Estland und 2 Güter beiderseits der Neva zwischen St. Petersburg und dem Ladogasee mit zusammen 25.000 Hektar. Unter den Großgrundbesitzern Estlands lagen sie an 5. Stelle nach den Familien Stackelberg, Maydell, Schilling und Ungern.

Pavel Karlovitsch von Rennenkampf
beendete 1873 seine Ausbildung an der Infanterieschule. 1882 absolvierte er erfolgreich die Generalstabsausbildung. Im Jahre 1900 war er Kommandeur einer Kavalleriebrigade und nahm an der Niederschlagung des Boxeraufstandes in China teil. Während des Russisch-Japanischen Krieges (1904-05) war er Kommandeur einer Kavallerie-Division und hat sich dort seine ersten Lorbeeren verdient.
Ab 1913 war er Kommandeur des Militärbezirks Wilna. Die Truppen dieses Militärbezirks bildeten den Kern der bei Kriegsbeginn von ihm geführten 1. Armee.

Warum blieb Rennenkampf stehen?
Zur damaligen Zeit war man in Militärkreisen sehr verwundert, warum die 1. russische Armee nicht zum Angriff vorging, um der in erhebliche Schwierigkeiten geratene 2. Armee zu helfen. Nach den Feierlichkeiten in Insterburg über den Sieg Rennenkampfs bei Gumbinnen kehrte der Oberbefehlshaber der Nordwestfront, General Shilinski, nach Wolkowysk zurück. Hier liegen schon zwar ungenaue, aber bedrohliche Nachrichten von der Samsonow-Armee vor. Danach greifen die Deutschen bei Bischofsburg, Gilgenburg und Soldau heftig und mit überraschend starken Kräften an. Die schweren Kämpfe dauern unvermindert an. Shilinski gelingt es nicht, Samsonow an den Fernsprecher zu bringen. Die Telefonposten können ihm nur melden, der Armeeführer sei soeben vorbeigeritten, oder General Samsonow wäre nicht zu erreichen, er ritte die Schlachtfelder ab.
In dieser ernsten Lage rafft sich Shilinski zu einem neuen Befehl an Rennenkampf auf. Mit ähnlichen Worten, wie die deutsche Armeeführung General von François beschwört, den Befehl schnell und genau auszuführen, um "sich unsterbliche Verdienste um die Armee zu erwerben", so greift auch hier Shilinski zu Worten, die mehr eine Bitte als einen Befehl ausdrücken: "Sie müssen jetzt angreifen, wir stehen vor der Entscheidung. Von Ihrem Verhalten wird es abhängen, ob die Armee Samsonow noch gerettet, das deutsche Heer von Ihnen bedroht und aufgerollt werden kann. Es ist keine Minute mehr zu verlieren, wenn Sie sich den sicheren Sieg nicht entgehen lassen wollen. - Der Großfürst (er wird wieder einmal als Druckmittel genannt) würde es nicht begreifen, wenn diese meine Mahnung ungehört bleiben würde." Dass Shilinski jetzt die Umgruppierung der deutschen Armee klar geworden ist, geht aus dem Schlusssatz des Befehls hervor: "Die Abteilungen, die vor Ihrer Front zurückgingen, sind mit der Bahn an die Front der Samsonow-Armee gefahren worden und greifen bei Bischofsburg und Gilgenburg an. Allenstein ist von uns besetzt. Helfen Sie also Samsonow durch Vorgehen Ihres linken Flügels, soweit wie möglich, gegen Bartenstein und Ihrer Kavallerie in der Richtung auf Bischofsburg. Das VI. Korps hat Anweisung, von Sczepanken auf Passenheim vorzugehen."
Ein russischer Funker hat an diesem Nachmittag Glück, es gelingt ihm, einen um 4 Uhr 10 nachmittags aufgegebenen Funkspruch vom Gouvernement der Festung Königsberg aufzufangen. Als der Großfürst Nikolai Nikolajewitsch diese Depesche bekommt, glaubt er zuerst an eine Finte seitens des Feindes, denn aus diesem Funkspruch geht nicht nur hervor, dass weder Truppenversammlungen in der Festung Königsberg stattgefunden haben noch stattfinden, sondern dass der letzte kampftaugliche Mann und jedes nur brauchbare Geschütz an die Südfront gebracht worden ist. - Königsberg ist also so gut wie unbesetzt und kaum mehr armiert, Rennenkampf steht somit seit Tagen vor einer offenen Stadt.

Für den Soldaten in führender Stellung ist alles tragbar, nur nicht die Ungewissheit. Diese ist jetzt von der Führung der deutschen Armee allmählich gewichen, Rennenkampf kann nicht mehr die Niederlage Samsonows abwenden, bestenfalls kann er die Sieger in der Ausbeutung ihres Erfolges stören, mehr aber nicht. Schon jetzt wird von Hindenburg und seinem Stab ein Plan besprochen, wie man nach der Zerschlagung der Samsonow-Armee Rennenkampf angreifen wird.
Wenn dieser Name im Hauptquartier fällt, so gibt es nur Kopfschütteln. Oberstleutnant Hoffmann hat immer wieder seinen Mitarbeitern erklärt, dass er Rennenkampf persönlich aus dem Mandschurischen Feldzug her kenne, dass er versichern könne, dass dieser General einer der fähigsten Köpfe unter den russischen Militärs sei, ein Mann voller Energie und Rücksichtslosigkeit, tapfer und angriffslustig, wie er es im Russisch-Japanischen Krieg (1904/05) ungezählte Male bewiesen habe. Es sei einfach nicht auszudenken, was ihn jetzt bewegen könne, stehen zu bleiben. Er hört täglich den Kanonendonner der Schlacht, er weiß, dass seine Nachbararmee dem sicheren Untergang entgegengeht, und dennoch rührt er sich nicht vom Fleck. Obgleich er inzwischen erkennen muss, dass vor ihm kein Gegner mehr stehen kann. Er meldet auch am 27. August an Shilinski: "Die abmarschierenden deutschen Truppen zu erreichen, gelang nicht. So schnell marschierte der Gegner zurück." Und trotz dieser Erkenntnis unternimmt Rennenkampf nichts, um Samsonow zu entlasten. Auf die dringlichen Appelle seines Vorgesetzten Shilinski, auf die Befehle des Generalissimus, des Großfürsten Nikolai Nikolajewitsch, antwortet er mit den stereotypen Worten: "Ich greife ja an." In Wirklichkeit schickt er seine Reiterei im Kreis herum.

Rennenkampf hat unzweifelhaft die befestigte Deime-Stellung maßlos überschätzt, man kann ihm auch zubilligen, dass er die Festung Königsberg für viel stärker gehalten hat, als sie tatsächlich war. ("Einen Teufel werde ich tun und Königsberg in meinem Rücken lassen") Vielleicht hat er durch die verschiedenartigen Uniformen seiner deutschen Gefangenen geglaubt, dass aktive Regimenter in der Festung versammelt seien. Denn der Gouverneur von Königsberg, Gen.Lt. von Pappritz, hatte mit oder ohne List die Uniformen der Lehrschmiede und anderer militärischer Institute, in denen Angehörige auswärtiger Regimenter in Königsberg Lehrgänge absolvierten, seinen Landwehrleuten überlassen. Dadurch wird das Verhalten Rennenkampfs während dieser Tage in keiner Weise entschuldigt. Es bleibt vielmehr jedem militärischen Denken unverständlich, warum er so handelte. Kein Sachverständiger konnte daher bis heute das Rätsel um Rennenkampf lösen.
Ludendorff und Hoffmann haben es offen ausgesprochen - und zwar ganz unabhängig voneinander -‚ dass sie den Verdacht nicht loswerden könnten, Rennenkampf habe mit Absicht Samsonow nicht helfen wollen. Folgerichtig suchen beide die Ursache in jenem Vorgang, der sich bei Liauyang neun Jahre zuvor im Russisch-Japanischen Krieg abgespielt hatte. Damals kam es zu jenem Renkontre auf dem Bahnhof in Mukden, wo Samsonow Rennenkampf offen beschuldigte, ihn bei der Verteidigung der Yentai-Kohlenminen in Stich gelassen und seine sibirische Kosaken-Division in höchste Gefahr gebracht zu haben. Die Versöhnung in der Snamenka zu Beginn des Krieges scheint darum nur eine impulsive Geste besonders von Seiten Rennenkampfs gewesen zu sein. Der feudale Generaladjutant des Zaren hat den von Juden abstammenden Samsonow nie für ganz voll genommen und auf ihn herabgesehen. Der ehrgeizige und sensible Samsonow dagegen mag das empfunden und gefühlt haben. So ist die Schlacht bei Tannenberg (In der russischen Geschichtsschreibung "Schlacht bei Soldau) eine Fortsetzung der Schlacht von Liauyang. Wer aber die Vorgänge von Soldau-Tannenberg aufmerksam verfolgt hat, ist nicht ganz von dieser Theorie überzeugt, weil sie zu viel Unwahrscheinlichkeiten und Widersprüche in sich trägt.

Marquis de Laguiche, der französische Attaché im russischen HQ hat für die Haltung Rennenkampfs seine eigene Erklärung. Er hat dem französischen Oberkommandierenden, General Joffre damals gemeldet, dass nach seiner Ansicht der Balte Rennenkampf von den Deutschen bestochen sei. Eine solche Deutung wäre bei den zweifelhaften Geschäften Rennenkampfs an sich denkbar und möglich. Im Zusammenhang aber ist diese Lösung zu absurd, als dass auf sie weiter eingegangen zu werden braucht. Joffre selbst hat auch nie an diese Version geglaubt. Vielmehr hat er über Rennenkampf in vertrautem Kreise gesagt: "Voilà un général, que l'on ne peut pas qualifier de sans peur et sans reproche !" (Die Umschreibung für: "Ein General ohne Furcht und Tadel")

Es ist ein eigenartiges Bild, das hier festgehalten werden soll:
Während Samsonow auf einem abgehetzten Kosakenpferd todmüde mit seiner fliehenden Armee durch die Wälder von Willenburg galoppiert und den letzten freien Weg zur Grenze sucht, sitzt General von Rennenkampf im Hotel "Dessauer Hof" in Insterburg und trinkt unbekümmert seinen Lieblingschampagner - den ihm die Schlösser Ostpreußens liefern mussten - den guten, alten "Mumm Cordon-Rouge".

Sein Leben endete tragisch. Während der Oktoberrevolution wurde er von Roten Garden 1918 als Fischer getarnt am Schwarzen Meer entdeckt und erschlagen.