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Luettich

Die Schlacht bei Tannenberg 1914

Die Feldherren - Ludendorff

Der Handstreich von Lüttich


Nach dem Befehl des Kaisers zur Mobilmachung am 1. August begab sich Ludendorff den Bestimmungen entsprechend von Straßburg nach Aachen zur 2. Armee. Dort sollte er die Stelle des Oberquartiermeisters einnehmen. Man setzte ihn zunächst als Verbindungsoffizier im Stab des Generals von Emmich ein. Dieser hatte die Aufgabe, mit 6 Brigaden leichter Infanterie (Jäger) die belgische Stadt Lüttich einzunehmen um den Weg nach Belgien hinein für die deutschen Armeen des nördlichen Flügels frei zu machen. Chef des Stabes dieser Stoßgruppe war Oberst Graf von Lambsdorff. Ludendorff sollte das Vorgehen beobachten und anschließend dem Armeestab die Lage melden.
Am frühen Morgen des 4. August 1914 wurde die belgische Grenze überschritten. Bei dem Ort Visé kam es zum ersten Gefecht mit belgischen Truppen. Das Kavalleriekorps von Marwitz sollte in diesem Bereich die Brücken über die Maas sichern. Diese waren jedoch schon zerstört. Dies verzögerte das Unternehmen.
Die Stadt Lüttich war durch 8 vorgelagerte Forts gesichert. Das Fort "La Chartreuse" stammte aus früherer Zeit und war nicht besetzt. In der Nacht vom 5. zum 6. August begann der Vormarsch durch die Forts nach der Stadt Lüttich hinein. Gegen Mitternacht verließ General vom Emmich Hervé. Sie ritten nach Micheraux zur 14. Infanteriebrigade unter Gen.Mj. von Wussow, etwa 3 km nordwestlich des Forts Fléron. Auf der Straße sammelten sich in tief dunkler Nacht die Truppen. Plötzlich fielen Schüsse aus einem Haus. Es kam zu Kämpfen. Obwohl aus dem nahen Fort die Straße einzusehen war, blieb dort alles ruhig. Ein Wunder.
Um 1:00 Uhr begann der Vormarsch. Es ging nördlich am Fort Fléron vorbei über Retinne hinter die Fortlinie und dann auf die am Rande der Stadt Lüttich gelegenen Höhen der Chartreuse. Dort sollte die 14. Inf.Brig. am nächsten Morgen sein. Die anderen Brigaden (34., 27., 11., 43. und 38.) sollten um die gleiche Zeit an verschiedenen Stellen den Stadtrand erreichen, nachdem sie ebenfalls den Fortgürtel durchbrochen hatten.
Als die Kolonne den Ort Retinne erreichte, wurde sie beschossen. Anscheinend hatten sie den falschen Weg eingeschlagen. Es kam zu Kampfhandlungen mit belgischen Einheiten die immer heftiger wurden. Lassen wir ihn selbst erzählen:
"Ich sah den Pferdeburschen des Generals von Wussow mit dessen Pferden. Er meinte, der General sei gefallen. Mit geringer Begleitung schlug ich den richtigen Weg, die Chaussee nach Queue du Bois, ein. Plötzlich ein Feuerschein vor mir, Ein Kartätschenschuss prasselte die Straße entlang, wir blieben unverletzt. Nach wenigen Schritten stießen wir auf einen Haufen toter und verwundeter deutscher Soldaten. Es war die Spitze (der Kolonne) mit Gen.Mj. von Wussow. Ein früherer Kartätschenschuss musste sie getroffen haben. Ich sammelte die nach und nach eintreffenden Soldaten des Jäger - Bataillons 4 und des Infanterie - Regiments 27 und beschloss, die Führung der Brigade zu übernehmen. Zunächst galt es, die Geschütze zu beseitigen, welche die Straße beschossen. Die beiden Hauptmänner von Harbou und Brinkmann vom Stab schoben sich mit einigen Soldaten durch die Hecken und Gehöfte zu beiden Seiten der Chaussee an die Geschütze heran. Die Besatzung ergab sich, der weitere Weg war frei. Wir gingen vor und traten bald darauf in Queue du Bois in einen schweren Häuserkampf. Es wurde allmählich hell. Die beiden Hauptmänner, der Kommandeur des 4. Jägerbataillons, Major von Marcard, der Kommandeur der II. Abteilung des Feldartillerie - Regiments 4, Major von Greiff, sein Adjutant Oberleutnant Neide, einige Soldaten und ich schritten vorweg. Eine Feldhaubitze und später eine zweite wurden in gleiche Höhe vor geholt. Sie säuberten die Straße und schossen in die Häuser rechts und links. So kamen wir langsam vorwärts. Ich musste oft die Mannschaften, die nur zögernd vorgingen, ermahnen, mich nicht alleine gehen zu lassen. Endlich lag das Dorf hinter uns. Die Bevölkerung war übrigens geflüchtet. Es handelte sich um Kämpfe gegen die reguläre belgische Armee.
Beim Heraustreten aus dem Dorf erkannten wir nach der Maas zu eine in Richtung Lüttich marschierende Kolonne. Ich hoffte, es wäre die 27. Inf.Brig. (die aus Richtung Norden kommen sollte). Es waren aber Belgier, die über die Maas abzogen. Inzwischen verstärkten sich die bei mir befindlichen Kräfte durch das Eintreffen zurückgebliebener Soldaten. Der Durchbruch durch die Frontlinie war gelungen. Das Infanterie - Regiment 165 unter Oberst von Oven rückte geschlossen heran. General von Emmich traf ein. Der Vormarsch auf die Chartreuse wurde fortgesetzt. General von Emmich stellte mir noch Teile der weiter südlich angesetzten 11. Jägerbrigade zur Verfügung in der Annahme, dass auch sie durchgebrochen sei. Der Weitermarsch fand ohne Zwischenfälle statt. Im Angesicht der Werke an der Nordfront Lüttichs erstiegen wir aus dem Maastal die Höhen östlich der Chartreuse. Als die Brigade dort eintraf, war es etwa 2:00 Uhr am Nachmittag geworden. Die Geschütze wurden gegen die Stadt gerichtet. Ab und zu wurde ein Schuss abgegeben, teils als Signalschuss für die anderen Brigaden, teils um den Kommandanten und die Stadt willfährig zu machen. Ich musste sorgfältig mit der Munition umgehen, sie war sehr knapp geworden. Die Truppe war erschöpft und durch den zersetzenden Kampf teilweise stark mitgenommen. Die Offiziere hatten ihre Pferde verloren, die Feldküchen waren zurückgeblieben. Ich ließ die Brigade rasten und verpflegte sie, so gut es ging, durch Beitreibungen aus den umliegenden Häusern.
Bald erreichte General von Emmich wieder die Brigade. Von den Höhen östlich der Chartreuse hatten wir eine schöne Aussicht über die Stadt. Sie lag zu unseren Füßen. Aus ihr heraus, auf dem jenseitigen Ufer der Maas, erhob sich die Zitadelle. Dort wurden plötzlich weiße Fahnen gesetzt. General von Emmich wollte einen Parlamentär hinsenden. Ich schlug vor, den feindlichen zu erwarten. Der General blieb bei seinem Entschluss. Hauptmann von Harbou ritt in die Stadt. Um 7:00 Uhr abends kam er wieder: Die weiße Flagge wäre gegen den Willen des Kommandanten gezeigt worden.
Zum Einmarsch in Lüttich war es zu spät geworden. Eine schwere Nacht stand bevor. Inzwischen hatte ich die Brigade sich einrichten lassen. Unsere Lage war ungemein ernst. Von den anderen Brigaden kam keine Nachricht, auch von der 11. nicht. Meldereiter waren nicht durchgekommen. Es wurde immer klarer: Die Brigade befand sich allein im Fortgürtel, abgeschlossen von der Außenwelt. Wir mussten mit feindlichen Gegenangriffen rechnen. Besonders unbequem waren für uns etwa 1000 belgische Gefangene. Als erkannt wurde, dass die vor uns liegende Chartreuse, ein altes Festungswerk, unbesetzt war, sandte ich eine Kompanie mit diesen Gefangenen dorthin. Der Kompaniechef muss an meinem Verstand gezweifelt haben.
die Nervosität der Truppe steigerte sich bei Einbruch der Dunkelheit. Ich ging die Fronten ab und ermahnte die Leute zur Ruhe und festen Haltung. Das Wort "Wir sind morgen in Lüttich" richtete sie auf.
General von Emmich mit seinem Stab fand in einem kleinen Bauernhof Unterkunft. Ich werde die Nacht vom 6. / 7. August nie vergessen. Es war kalt. Meine Sachen hatte ich zurückgelassen. Major von Marcard gab mir seinen Umhang. gespannt lauschte ich, ob irgendwo ein Kampf hörbar würde. Ich hoffte immer noch, dass wenigstens die eine oder andere Brigade die Fortlinie durchbrochen hatte. Alles blieb still, nur alle halbe Stunde fiel ein Haubitzenschuss auf die Stadt. Die Spannung war unerträglich. Gegen 10 Uhr abends gab ich einer Jäger - Kompanie unter Hauptmann Ott den Befehl, die Maasbrücken in Lüttich zu besetzen, um sie für weiteren Vormarsch in der Hand und eine Sicherung für die Brigade weiter vorn zu haben. Der Hauptmann sah mich an und ging. Die Kompanie erreichte ohne Kampf ihr Ziel. Meldungen kamen nicht zurück.
Es wurde Morgen. Ich ging zu General von Emmich und besprach mit ihm die Lage. Der Entschluss einzurücken stand fest, nur den Zeitpunkt wollte sich der General noch vorbehalten. Während ich die Aufstellung der Brigade verbesserte und versuchte, die Vormarschstraße der 11. Brigade zu erreichen, erteilte mir sehr bald darauf der General von Emmich den Befehl zum Einmarsch in Lüttich. Oberst von Oven hatte die Vorhut. Der Rest der Brigade mit den Gefangenen folgte in gewissen Abstand, General von Emmich mit seinem Stab und ich mit dem Brigadestab an dessen Anfang. Während des Einmarsches ergaben sich viele umher stehende belgische Soldaten.
Oberst von Oven sollte die Zitadelle besetzen. Meldungen veranlassten ihn, dies nicht zu tun, sondern den Weg in Richtung des Forts Loncin, im Nordwesten der Stadt, einzuschlagen und sich an diesem Ausgang von Lüttich aufzustellen. In der Annahme, dass Oberst von Oven auf der Zitadelle sei, fuhr ich mit dem Adjutanten der Brigade in einem belgischen Kraftwagen, den ich mir nahm, dorthin voraus. Kein deutscher Soldat war dort, als ich eintraf. Die Zitadelle war noch in feindlicher Hand. Ich schlug an das verschlossene Tor. Es wurde von innen geöffnet. Die paar hundert Belgier ergaben sich mir auf meine Aufforderung. Die Brigade rückte nun an und besetzte die Zitadelle, die ich sofort zur Verteidigung einrichtete. Meine selbst übernommene Aufgabe war damit beendet."

Nun begab er sich zum Stab der 2. Armee und unterrichtete diesen von der Lage. Dann suchte er die anderen Brigaden auf, um auch deren Lage festzustellen, was ja eigentlich seine ursprüngliche Aufgabe war. Dann leitete er den Artillerieaufmarsch gegen die Forts ein. "Ich kam 90 Stunden nicht aus den Kleidern" schrieb er.
Er war wie immer. Ständig anwesend, wollte alles alleine machen. Ohne ihn geht es nicht. Warum übernimmt er die Brigade, nachdem ihr Kommandeur gefallen war? Die Übernahme des Kommandos durch den Stellvertreter bei Ausfall des Kommandeurs ist ganz klar geregelt.
Und die Einnahme der Zitadelle?
Als er in der Annahme, sie sei von der Einheit des Oberst von Oven bereits eingenommen, auf die Zitadelle zufuhr, konnte er gar nicht mehr zurück, als er merkte, dass da noch Belgier sind. Frechheit siegt, dachte er, und es funktionierte. Er erklärte dem belgischen Kommandanten, dass deutsche Truppen bald eintreffen werden um die Zitadelle zu stürmen. Um unnötiges Blutvergießen zu vermeiden, solle er sich ergeben. Die Belgier sahen keine Chance, das Blatt zu wenden.
Jedenfalls wurde er für den Orden "Pour le Merite" vorgeschlagen. Mit der Verleihung zögerte man allerdings. So ein "Verdienst" war es nun auch wieder nicht, dachte man an höherer Stelle. Als man ihn dann zwei Wochen später zur 8. Armee nach Ostpreußen berief, bekam er den Orden. Man wollte ihn wohl etwas motivieren.