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Reichspräsident

Die Schlacht bei Tannenberg 1914

Die Feldherren - Hindenburg

2. Reichspräsident

Otium cum dignitate
"Ehrenvollen Ruhestand" wünschten und gewährten schon die alten Römer ihren verdienten Staatsmännern und Feldherren. Als der fast zweiundsiebzig jährige Feldmarschall wieder nach Hannover zurückkehrt, darf man erwarten, dass ihm nun endlich ein ruhiger, wohlverdienter Lebensabend bevorsteht.
Die Stadt Hannover hatte ihrem Ehrenbürger inzwischen auf Lebenszeit eine Villa in der Seelhorststraße zur Verfügung gestellt. Hier hat Frau von Hindenburg das künftige Heim vorbereitet. Während der Unruhen in den Novembertagen 1918 spricht Frau von Hindenburg im Rathaus vor, auf dem die rote Fahne aufgezogen ist. Sie teilt ihre Bereitschaft mit, auf das Ehrenheim zu verzichten. Aber der neue sozialdemokratische Oberbürgermeister will das nicht gelten lassen. Er versichert, auch die Republik wisse durchaus was sich gehört, und so erwartet den in den Ruhestand zurückkehrenden Feldmarschall nicht nur eine riesige Menschenmenge vor dem Hauptbahnhof, sondern auch ein wohlvorbereitetes Heim.
Der Versuch, wieder ein zurückgezogenes unbeachtetes Privatleben aufzunehmen, wie er es vor 1914 geführt hat, misslingt freilich. So strikt auch der Diener an der Wohnungstür mitteilt "Seine Exzellenz empfängt nicht" - es melden sich zu viele Besucher, die dennoch gerne zugelassen werden: Ausländer, Deutsche aus aller Welt, alte Kriegskameraden. Oft wird es zu viel: "Ich bin im Begriff, zu Tode korrespondiert und besucht zu werden."

Vor dem Untersuchungsausschuss
Am 18.November 1919 wurde Hindenburg zusammen mit Ludendorff vor den Untersuchungsausschuss des Reichstages geladen, der die Vorgänge beim Kriegsausbruch prüfen und feststellen wollte, ob das Reich Friedensmöglichkeiten während des Krieges unbeachtet gelassen habe. Der Ausschuss setzte sich aus Reichstagsabgeordneten aller Parteien zusammen.
Als Hindenburg in Berlin eintraf, wurde er von Tausenden von Menschen begeistert gefeiert. Eine Ehrenwache der Reichswehr zog vor dem Haus auf, in dem er Quartier genommen hatte. Der Jubel begleitete ihn auf seinem Weg zum Verhör im Reichstag. "Nicht hingehen!" rief die Menge.
Ein merkwürdiges Schauspiel: Der "Untersuchungsausschuss" will eigentlich anklagen, nun aber, beim Eintritt der Generale erheben sich alle Anwesenden im Saal. Auch die Ausschussmitglieder können sich dem nicht entziehen.
"Herr Feldmarschall", sagt der Vorsitzende verlegen, "wir hatten Ihnen die Unbequemlichkeit dieser Reise nicht zumuten wollen, aber General Ludendorff hat besonderen Wert darauf gelegt." Hindenburgs Antwort ist nur ein Zeichen an Ludendorff, der zunächst eine gemeinsame Rechtsverwahrung verliest; dieser Ausschuss sei eine "den Rechtsbegriffen aller Kulturländer widersprechende juristische Abnormität."
"Wenn wir uns gleichwohl zur Eides- wie zur Aussageleistung entschlossen haben, so geschieht dies lediglich, weil ein seiner Geschichte und vierjähriger Kriegsleistung nach so starkes Volk wie das deutsche ein Anrecht darauf hat, völlig klar zu sehen, wie die Ereignisse sich in Wirklichkeit, unverzerrt durch Parteienhass und Parteivorurteile, abgespielt haben. Nur an der Wahrheit kann das deutsche Volk wieder gesunden, und darum, aber auch nur darum allein, sind wir zur Eidesleistung und Aussage bereit."

Dann erhebt sich Hindenburg und entfaltet ein Manuskript; eilig unterbricht ihn der Vorsitzende: Der Feldmarschall möge keine Ausarbeitung verlesen, insbesondere keine Werturteile abgeben; sie seien grundsätzlich untersagt. Hindenburg wirft einen erstaunten Blick auf den Redner, dann nimmt er seinen Text fester in die Hand und liest. Er nennt den zurückliegenden Weltkrieg "ein Ereignis ohne Beispiel in der Geschichte" und fährt mit erhobener Stimme fort:
"Ein General, der seinem Lande den Sieg nicht erstreiten will, darf nicht das Kommando übernehmen oder doch nur beim gleichzeitigen Auftrag, zu kapitulieren. Solchen Auftrag hatten wir nicht erhalten. Wir hätten auch bei solchem Auftrag die Übernahme der Obersten Heeresleitung abgelehnt. Der deutsche Generalstab ist im Sinne des großen Militärphilosophen Clausewitz erzogen. Wir sahen den Krieg als die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln an. Unsere Friedenspolitik hat versagt. Wir wollten keinen Krieg und bekamen doch den größten .."
Der Vorsitzende findet, dass hier mit der Glocke eingegriffen werden muss. "Hier ist ein Werturteil. Ich erhebe gegen diesen Satz Einspruch!" Der Feldmarschall bemerkt gelassen: "Dann lasse ich die Weltgeschichte darüber entscheiden"; er nimmt seinen Text wieder vor. Während das Heer seine Pflicht getan habe, hätten sich in der Heimat Parteiinteressen breit gemacht. Heer und Flotte seien planmäßig zersetzt worden. Scharf wendet er sich wieder gegen die Kriegsschuldlüge:
"Ich weiß nur das Eine mit absoluter Gewissheit; das deutsche Volk wollte den Krieg nicht, der deutsche Kaiser wollte ihn nicht, die Regierung wollte ihn nicht, der Generalstab erst recht nicht, denn er kannte besser als sonst jemand unsere unendlich schwierige Lage in einem Krieg gegen die Entente."
Immer wieder versucht der Vorsitzende, Hindenburg zu unterbrechen. Der kümmert sich nicht mehr darum. Schließlich ruft er zornig in den Saal: "Die Geschichte wird über das, was ich hier nicht weiter ausführen darf, das endgültige Urteil sprechen!"
Als der Ausschuss versucht, Ludendorff zu belasten, braust Hindenburg auf: "Ich bin entrüstet über das, was meinem treuen Gehilfen und Berater hier nachgesagt worden ist. Er ist stets für den Frieden eingetreten, aber allerdings nur für einen ehrenvollen, und den hofften wir damals durch einen deutschen Sieg zu erringen. In diesem Sinne haben wir gearbeitet bei Tag und Nacht. Ich weiß nicht, ob die Herren eine derartige Verantwortung fürs Vaterland kennen, wie wir sie jahrelang im Herzen haben tragen müssen!"
Als Hindenburg und Ludendorff den Reichstag verlassen, jubelt ihnen eine riesige Menge zu. Vor dem Bahnhof Zoologischer Garten steht eine Ehrenkompanie der Reichswehr; von Tausenden von Menschen umringt. Während Hindenburg sich von den Offizieren verabschiedet, gellen einige kräftige junge Stimmen über den Platz: "Hindenburg muss Reichspräsident werden." Der alte Marschall stutzt, sieht prüfend zu den rufenden Studenten, dann wendet er sich rasch um, als ob er einen Gedanken von sich abschütteln wollte. Der Feldmarschall kehrte wieder nach Hannover zurück, aber die ersehnte Ruhe wollte sich nicht einstellen, weder in Hindenburgs Heim, noch in Deutschland. Immer wieder muss er Verleumdungen entgegentreten.

Aber es geht nicht nur um Propaganda und um Vergangenheitsstreit, sondern um immer ernstere Tatsachen der Gegenwart: Der Versailler Vertrag war am 10. Januar 1920 in Kraft getreten. Manche hatten geglaubt, wenn das Diktat nur erst unterschrieben sei, würde sich alles als halb so schlimm erweisen. Diese Hoffnungen wurden bald bitter enttäuscht. Die Alliierten forderten rücksichtslos die buchstabengetreue Erfüllung, sie bestanden auf ihrem Papier und ließen keine Zeile davon ab.
Elsass-Lothringen, das Memelland, Danzig, Westpreußen, Posen, das Hultschiner Ländchen wurden, wie im Vertrag bestimmt, ohne jegliche Volksbefragung von Deutschland abgetrennt. In Eupen-Malmedy war von einer wirklichen Abstimmung nicht zu sprechen. Wer für Deutschland seine Stimme abgeben wollte, musste sich registrieren lassen. Nur wenige fanden dazu den Mut. So wurde das Gebiet, trotz deutschen Protestes, Belgien zugesprochen.
In Oberschlesien war eine Volksabstimmung vorgesehen. Englische, französische und italienische Soldaten sollten sie überwachen. Die Polen fürchteten, dass die Oberschlesier sich für Deutschland entscheiden würden, und warteten darum den Tag der Stimmabgabe nicht ab. Starke polnische Insurgentenverbände drangen, von den französischen Abstimmungstruppen nicht gehindert, in das reiche Industriegebiet ein. Als sich in der Abstimmung dann erwies, dass sich 61 Prozent der Oberschlesier für das Verbleiben ihrer Heimat bei Deutschland entschieden hatten, erneuerten die Polen ihren Einmarsch. Schließlich beschloss eine Kommission des Völkerbundes trotz des eindeutigen Abstimmungsergebnisses, dass Oberschlesien auseinandergerissen werden sollte: Der östliche Teil fiel an Polen, Deutschland durfte nur den westlichen Teil behalten.
Als die Grenzen neu gezogen waren, hatte Deutschland insgesamt verloren:
10 Prozent seiner Bevölkerung
13 Prozent seines Gebietes
14,6 Prozent seiner Weizen-
und 17,7 Prozent seiner Roggenanbaufläche
26 Prozent der Steinkohlevorkommen und
75 Prozent der Eisenerze.
Aber der Friedensvertrag bestimmte bekanntlich nicht nur die Abtrennung deutscher Gebiete, er forderte auch Reparationszahlungen und -lieferungen. Am 27. April 1921 setzte die Reparations-Kommission fest, dass Deutschland 132 Milliarden Goldmark an die Sieger zu zahlen habe. Das war mehr als die gesamten damaligen Goldvorräte der ganzen Welt.

Die Wahl
Am 28. Februar 1925 starb nach kurzer Erkrankung der Reichspräsident Friedrich Ebert, erst 54 Jahre alt. Er war 1919 noch von der Nationalversammlung gewählt worden. Inzwischen war die neue Reichsverfassung in Kraft getreten. Danach musste das Staatsoberhaupt direkt vom Volk gewählt werden. Die Amtszeit dauerte 7 Jahre.
Die politischen Parteien mussten nun auf die Schnelle dem Wahlvolk einen geeigneten Kandidaten vorstellen. Die Wahl war auf den 29. März 1925 angesetzt.
Der Wahlkampf begann. Die Deutsch - Völkischen und die so langsam aufkommenden Nationalsozialisten unterstützten die Kandidatur Ludendorffs. Entsetzt las Hindenburg davon in der Zeitung. "In alter Treue" schrieb er seinem ehemaligen Generalquartiermeister und "lieben Freund" zutiefst besorgt: "Ziehen Sie Ihre Kandidatur umgehend zurück. Anstatt zu einigen, was sehr nottut, zersplittern Sie wieder die mit viel Mühe vereinten nationalen Kreise in entscheidender Stunde. Und dabei ist Ihre Wahl aussichtslos; Sie blamieren sich also ... das Vaterland ist durch Ihren Schritt in Gefahr! Erfüllen Sie daher meine vielleicht letzte Bitte in diesem Leben, die ich nicht nur um Deutschlands, sondern auch um Ihretwillen an Sie richte!" Natürlich hörte der völkisch gesinnte, 60jährige General nicht auf den alten Weggefährten und erlitt fürchterlichen Schiffbruch. Im ersten Wahlgang vom 29. März erhielt Ludendorff lediglich 1,1% der Stimmen.
Die Sozialdemokraten hatten den preußischen Ministerpräsidenten Braun nominiert, das katholische Zentrum seinen Vorsitzenden Marx, die Demokraten den Universitätsprofessor Hellpach, die Kommunisten ihren Parteiführer Thälmann; sogar die Bayerische Volkspartei empfahl einen eigenen Kandidaten, Heinrich Held, für den Posten des Reichspräsidenten. Nur die bürgerlichen Rechtsparteien, die "Deutsche Volkspartei" und die "Deutschnationale Volkspartei" hatten sich auf einen gemeinsamen Vorschlag geeinigt; sie traten mit dem Oberbürgermeister von Duisburg Dr. Jarres hervor, der bei der Wahl mit 10,4 Millionen Stimmen (38,8%) mit Abstand an der Spitze lag, aber die in diesem Wahlgang erforderliche absolute Mehrheit nicht erringen konnte. Die Wahlbeteiligung lag bei 68,9%.
Bereits für vier Wochen später - auf den 27. April - war der nun erforderliche zweite Wahlgang angesetzt. Zunächst zogen die Parteien der "linken Mitte" die notwendige Folgerung: die Sozialdemokraten und die Demokraten verzichteten auf ihre eigenen Kandidaten und beschlossen, ihren Wählern nun den Zentrumsführer Dr. Wilhelm Marx als künftigen Reichspräsidenten zu empfehlen. Nach den Ergebnissen des ersten Wahlganges ließ sich unschwer vorhersehen, dass durch diese Zusammenfassung Marx einen sicheren Vorsprung vor Dr. Jarres gewinnen würde. Diese einfache Rechnung war zu deutlich, um nicht auch die "Deutschnationalen" und die "Deutsche Volkspartei", die Partei des Außenministers Stresemann, peinlich zu überraschen. Ihre Wahlstrategen erkannten, dass sie Dr. Marx einen neuen, stärkeren Kandidaten entgegenstellen mussten, wenn sie nicht am 27. April eine Niederlage einstecken wollten.
Zu oft war in der Zwischenzeit in der deutschen Öffentlichkeit immer wieder der Name Hindenburg in Verbindung mit dem Reichspräsidentenamt genannt worden. Als eine Delegation des Wahlbündnisses in Hannover anreiste, um den alten Marschall zur Kandidatur an Stelle des Dr. Jarres zu bewegen, lehnte dieser ab. Auch weitere Versuche hatten keinen Erfolg. Erst eindringliche Gespräche mit Admiral Tirpitz konnten ihn umstimmen. Hier saß der Marschall nicht einer Kommission redegewandter Parteileuten gegenüber, sondern dem Schöpfer der alten Kriegsmarine, dem weißhaarigen Großadmiral.
Im 2. Wahlgang am 27. April gewann Hindenburg die Wahl zum 2. Reichspräsidenten Deutschlands. Bei einer Wahlbeteiligung von 77% votierten für Hindenburg 48,3%, für Marx entschieden sich 45,3% und für Thälmann 6,4%.

3. Dienstantritt
Am 10. Mai steht im Hauptbahnhof Hannover erneut ein Sonderzug bereit. Hindenburg verlässt - zum letzten Mal - die Stadt seines Ruhestandes; von jetzt ab steht er bis zur Todesstunde wieder im Dienst.
Der Zug wird in Berlin zum Bahnhof Heerstraße geleitet. Hier empfängt ihn der Reichskanzler Luther und die Reichsregierung. Draußen aber auf der breiten Heerstraße, am Großen Stern, am Brandenburger Tor, in der Wilhelmstraße erwarten Hunderttausende jubelnder Berliner den dritten Einzug Hindenburgs in die Reichshauptstadt.

Der überzeugte Monarchist soll als Staatsoberhaupt der jungen deutschen Republik vereidigt werden. Als solches wird er mit bestem Gewissen bestrebt sein, getreu einer besonderen deutschen Tugend vor allem seine Pflicht zu erfüllen, so, wie er es auch bisher stets in seinem Leben getan hat.
Beim feierlichen Diner im Präsidentenpalais schließt er seine Ansprache mit den Worten: "Die Anschauungen, wie ich sie in der großen Schule der Pflichterfüllung, beim deutschen Heere, gewonnen habe, sollen auch für meine Friedensarbeit von Nutzen sein. Sie gipfeln in dem Satz, dass Pflicht vor Recht geht."
Ja, es stimmt; das alles war für Hindenburg "charakteristisch". Nicht weniger bezeichnend sind die Erklärungen, die Hindenburg in seinem Aufruf an das deutsche Volk abgibt: "Man soll sich nicht einbilden, dass ich mir jetzt von irgend einer Partei Vorschriften machen lassen werde, auch nicht von denen, die mir im Wahlkampf besonders geholfen haben. Auch dem bisherigen Gegner, der sich mit mir zu gemeinsamer Arbeit zusammenfinden will, reiche ich die Hand." Dass es Hindenburg wirklich Ernst war mit den Worten, das sollte sich sieben Jahre später in einer Tatsache erweisen, die einmalig ist in der politischen Geschichte der modernen Welt: Als im Frühjahr 1932 die siebenjährige Amtszeit des Reichspräsidenten zu Ende ging, war es, mit geringen Verschiebungen, der "Volksblock" von 1925, und zwar die Sozialdemokratische Partei, die Zentrums-Partei, die Staats-Partei (als Nachfolgerin der früheren Demokratischen Partei), die gemeinsam an die Wähler appellierten, Hindenburg nun als ihren Kandidaten wiederzuwählen. Überzeugender konnte der alte Feldmarschall gewiss nicht beweisen, dass er wirklich ein Staatsoberhaupt war, also ein Mann über den Parteien, verpflichtet nur dem Ganzen und in diesem Ganzen gegenüber jedem Staatsbürger gleich welcher politischen Gesinnung. Niemand in der Welt sprach jetzt noch vom "Kriegsverbrecher".

Hitler wird Kanzler
In den Mittagsstunden des 30. Januar 1933 tickten die Fernschreiber der Nachrichtenagenturen in die Welt hinein: "Adolf Hitler vom Reichspräsidenten zum Reichskanzler ernannt!" Als sich der Abend über Berlin senkte, marschierten Zehntausende in den Uniformen der SA, der SS und des Stahlhelms mit brennenden Fackeln unter den Klängen ihrer Musikkorps durch das Brandenburger Tor, durch die Wilhelmstraße, um den Reichspräsidenten und den neuen Reichskanzler zu grüßen. Zur nüchternen Beurteilung dessen, was an diesem Tage geschehen war, möge die Aussage dienen, die der frühere Reichspressechef Dr. Zechlin, Mitglied der SPD, am 16. März 1949 als Zeuge in einem Entnazifizierungsverfahren machte:
"Wir hatten keinen Mann mehr, der gegen Hitler etwas machen konnte ... Dann kam die Periode Papen, die meiner Ansicht nach nur ein Hinauszögern war ... Dann habe ich noch die letzten Dezember-Tage in Deutschland verlebt, auch noch die Eröffnung des Reichstages am 6. Dezember, wo der Alterspräsident General Litzmann, dessen Name und Stellung bei dem Reichspräsidenten eine gewisse Bedeutung hatte, nun die furchtbare Anklagerede gegen Hindenburg hielt und wo er ihn beschwor, wenn ihn nicht der Fluch der Geschichte treffen sollte, Hitler die Kanzlerschaft zu übertragen, um nicht durch die Verweigerung der Kanzlerschaft an Hitler das deutsche Volk dem Kommunismus preiszugeben. Es gab keine andere Möglichkeit, diese Meinung habe ich, die Reichskanzlerschaft Hitlers zu verhindern. Eine ‚Machtübernahme' war es am 30. Januar ja kaum. Hitler, Göring und Frick standen ja als alleinige Nationalsozialisten den Herren von Blomberg, Neurath, Hugenberg usw. gegenüber ... Ich bin der Ansicht gewesen - und bin es heute noch - dass, wenn der Reichspräsident Hitler nicht die Kanzlerschaft am 30. Januar 1933 gegeben hätte, Hitler das im Februar oder März erreicht hätte, und ich bin der Meinung, dass ein großer Teil des deutschen Volkes zugestimmt hätte."
Das ist es gewesen. Man soll sich nichts vormachen. Der einzig wahre Grund, warum Hitler "an die Macht" kam war, dass er von den Deutschen gewählt wurde; ganz demokratisch, ganz legal. Wen sollte der Reichspräsident mit der Regierungsbildung denn sonst beauftragen.?
Bei der Wahl des Reichstages am 31. Juli 1932 votierten 37,3% !!! der Wähler für die NSDAP. Die restlichen Parteien waren nicht in der Lage, dagegen eine Mehrheit zu bilden. Die Regierung Papen scheiterte. Erneut wurden Wahlen für den 6. November ausgeschrieben.
Hier verlor die NSDAP zwar 34 ihrer 230 Sitze im Reichstag (33,1%), sie blieb aber stärkste Partei. Dafür gewann die Kommunistische Partei 16,8% der Stimmen. Gab es einen Ausweg? Der amtierende Kanzler von Papen entwickelte einen Plan, den er Hindenburg vorlegte. Danach sollte der Reichstag einige Monate beurlaubt werden, und inzwischen sollte eine neue Verfassung ausgearbeitet werden. Gegen die NSDAP sollte die Reichswehr eingesetzt werden.
Das bedeutete Verfassungsbruch. Dem konnte der Präsident nicht zustimmen. Er beauftragte den ehemaligen General von Schleicher mit der Regierungsbildung. Auch er scheiterte. Es kam im Reichstag zu Abstimmungen, wo sogar die Kommunisten mit den Nazis stimmten, um eine Regierungsmehrheit zu verhindern.
Von Hindenburg selbst ist aus jenen Tagen eine ernste Szene überliefert: Als der bisherige Reichskanzler von Schleicher sich bei ihm abmeldete, sagte ihm der Reichspräsident: "Ob das, was ich jetzt tue, richtig ist, weiß ich nicht; ich werde es aber bald wissen, wenn ich da oben bin". Dabei zeigte er zum Himmel.
Diesem Misstrauen entsprachen die "Sicherungen", die bei der Regierungsbildung am 30. Januar vorgesehen wurden. Acht bürgerliche Minister standen nur drei nationalsozialistischen Regierungsmitgliedern gegenüber. So sollte verhütet werden, dass Hitler die totale Macht in seiner Hand vereinigte. Papen als Vizekanzler hatte allen Unterredungen Hitlers mit dem Reichspräsidenten beizuwohnen. Sowohl die Außenpolitik als auch die Wehrmacht sollten dem Einfluss des Reichskanzlers entzogen bleiben, so lauteten zunächst die Weisungen des Reichspräsidenten.

"Freund Hein" steht vor der Tür
Im Sommer 1933 begannen sich gesundheitliche Probleme beim 86jährigen Hindenburg einzustellen. Der Reichspräsident erledigt weiter sein Tagewerk, hört Vorträge, empfängt fremde Diplomaten, die ihr Beglaubigungsschreiben überreichen. Eine besonders anstrengende Prozedur, bei der er lange stehen muss. Noch einmal, am 31. März 1934, dem Skagerrak-Tag, an dem traditionsgemäß die Marine die Wache am Palais des Reichspräsidenten übernimmt, tritt er auf den Balkon und nimmt, von Tausenden von Zuschauern umjubelt, die stramme Meldung der blauen Jungs entgegen.
Wenige Tage später - am 4. Juni - bringt ihn zum letzten Mal ein Sonderzug nach Ostpreußen; in Neudeck findet er mehr Ruhe und Pflege. Nur wenige Eingeweihte wissen, dass es die letzte Reise ist.
In Neudeck nahm Hindenburg zunächst - wenn auch in beschränktem Umfang - noch die gewohnten Vorträge entgegen, empfing auch offizielle Besuche - der König von Siam und ein japanischer Prinz waren in den ersten Julitagen die letzten ausländischen Gäste. Erst ab 25. Juli musste er ständig im Bett bleiben, und es war für seine Umgebung kein Zweifel mehr, dass sein Leben sich dem Ende zuneigte. Auch seiner letzten Tage und Stunden hat sich die Legendenbildung angenommen. Der Bericht darüber sei deshalb nochmals dem Augenzeugen Dr. Meißner überlassen:
"Hitler kam am 31. Juli im Flugzeug nach Neudeck, um sich von dem sterbenden Generalfeldmarschall und Reichspräsidenten zu verabschieden, der auch seinerseits den Wunsch geäußert hatte, den Reichskanzler noch mal zu sprechen. Beide hatten ein längeres Gespräch ohne Zeugen, das von Hindenburg nur mühsam und mit öfteren Unterbrechungen geführt wurde. Als Hitler das Krankenzimmer verließ, war er tief ergriffen; er erzählte mir sichtlich bewegt, dass der sterbende Feldmarschall von Hindenburg sich, wie ein Soldat, von seinem Posten abgemeldet und ihm seine Sorgen und Segenswünsche für das deutsche Volk mit ernster väterlicher Mahnung ans Herz gelegt hat...."
Kurz vorher hatte sich bereits die Szene abgespielt, die Hindenburgs Abschied vom Diesseits in den Bereich echter menschlicher Größe stellt: Er fragte am 29. Juli den ihn betreuenden Arzt, Geheimrat Dr. Sauerbruch, mit der Bitte um wahrheitsgemäße Auskunft: "Nun sagen Sie mir offen, wie es um mich steht; ich habe den Eindruck, Freund Hein steht bereits vor der Tür!"
Als Sauerbruch ihm erwiderte: "Er steht noch nicht vor der Tür, aber er streicht verdächtig um das Haus", bat er, ihn für ein bis zwei Stunden allein zu lassen und vom Nachttisch das Neue Testament zu reichen, um sich für sein Ende vorzubereiten. Als nach dieser Zeit der Professor wieder hereintrat, sagte er in heiterer Gelassenheit zu ihm: "Nun können Sie den Herrn hereinlassen, ich bin bereit!"
Am 2. August 1934 vormittags 9 Uhr sank die Präsidentenflagge über Neudeck auf Halbmast.
Ein großes Leben war erfüllt.

Es war Hindenburgs Wunsch gewesen, im Park von Neudeck mit seiner Gattin gemeinsam zur letzten Ruhe gebettet zu werden. Die Familie aber gab dann doch ihr Einverständnis, dass die beiden Särge im Tannenberg - Nationaldenkmal inmitten gefallener deutscher Soldaten beigesetzt wurden. Man war nicht in der Lage, sich den Machthabern zu widersetzen und dem Wunsch des Verstorbenen zu entsprechen. Auch dies benutzte der Zeremonienmeister der Nazis, Goebbels, zur propagandistischen, pompösen Show, die so gar nicht der gelebten Schlichtheit des verstorbenen alten Soldaten entsprach. So bewegte sich in der Nacht vom 7. zum 8. August 1934 im Fackelschein eine feierliche Trauerparade der Wehrmacht vom Haus in Neudeck zur Erinnerungsstätte des großen Sieges unweit von Hohenstein.
Niemand ahnte, dass das nicht die letzte Fahrt des toten Marschalls war. Am 12. Januar 1945 werden die beiden schweren Bronzesärge mit den sterblichen Überresten des Feldmarschalls und seiner Frau und die Fahnen der Regimenter, die damals vor 30 Jahren bei Tannenberg den Sieg errungen hatten, vom Ehrenmahl nach Königsberg gefahren. Von dort werden sie mit dem Kreuzer "Emden" nach Westen gebracht. Weg von den anrollenden Massen der Roten Armee. In einem Salzbergwerk in Thüringen werden sie von der US-Army nach Kriegsende entdeckt. Seit August 1946 ruht der alte Feldmarschall und Reichspräsident mit seiner Frau in der Turmhalle der Elisabethkirche in Marburg.