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Zum Gedenken

Die Schlacht bei Tannenberg 1914

Die Feldherren - Hindenburg

Die Niederlage

Der deutsche Abwehrerfolg des Herbstes 1916 hat zwei voneinander unabhängige, für den weiteren Verlauf der Ereignisse aber sehr bedeutsame Wirkungen:
Den Sturz des russischen Zaren am 4. März und die Kriegserklärung der USA am 4. April 1917.

In Russland war der Zar von der bürgerlichen Opposition gestürzt worden, und es gibt Anhaltspunkte dafür, dass sogar der britische Botschafter seine Hand im Spiel gehabt hat. Der Misserfolg, mit dem der Kriegseintritt Rumäniens für Russland endete, ließ die Stimmen lauter werden, die dem Zaren zu einem Friedensschluss mit Deutschland rieten. Durch einen Abgang Nikolaus II. glaubte man, diese Möglichkeit ausschalten zu können. Fast triumphierend ließ sich der britische Schatzkanzler Bonar Law im englischen Unterhaus vernehmen, der Petersburger Umsturz bedeute nicht etwa den Versuch, "Frieden herbeizuführen, sondern bringe die Unzufriedenheit mit der bisherigen Regierung zum Ausdruck, weil diese den Krieg nicht mit Erfolg und Energie geführt habe". Groß sind die Anstrengungen der Briten und Franzosen, die zerrüttete russische Armee wieder kampfkräftig zu machen, aber der russische Soldat versteht die Beseitigung des Zaren auf seine Weise. Hindenburg berichtet in seinen Erinnerungen aus den Frühjahrsmonaten 1917:
"Unsere Beziehungen zum russischen Heer an der Ostfront entwickeln sich zunächst in immer ausgesprochenerem Grade zu einem Waffenstillstand, wenn auch ohne schriftliche Festsetzung. Die russische Infanterie erklärte allmählich fast überall, dass sie nicht mehr kämpfen würde... Wo die gegenseitigen Beziehungen allzu offenkundig freundschaftliche Verkehrsformen annehmen, schießt die russische Artillerie ab und zu dazwischen... Der Einfluss der Ententeagitatoren und Offiziere macht sich in den russischen Batterien noch durchgreifend geltend. Der russische Infanterist schimpft zwar über diese Störung der ihm so willkommenen Waffenruhe, verprügelt wohl auch hier und da mal die artilleristische Schwester und freut sich, wenn unsere Granaten in deren Geschützständen krepieren, aber der geschilderte Zustand bleibt monatelang unverändert... Vom Mai ab zeigt sich, dass die Führung die Zügel wieder in die Hand bekommt. Die Freundschaft zwischen den beiderseitigen Schützengräben hört mehr und mehr auf... Bald ist auch kein Zweifel mehr, dass im Rückengebiet der russischen Front mit aller Kraft gearbeitet und diszipliniert wird. So wird das russische Heer wenigstens zum Teil wieder widerstandsbereit, ja sogar angriffsfähig gemacht... Russland schreitet zu einer großen Offensive unter Kerenski."

Im Osten
Im Sommer 1917 treten die russischen Armeen zu mehreren Angriffen an. Sie scheitern alle. Jetzt beginnt der deutsche Gegenstoß, der zur Einnahme von Tarnopol, ganz Galizien, der Bukowina, Riga und der Insel Ösel führt (dabei fällt der Dichter Walter Flex). Diese Schläge lassen den russischen Koloss endgültig fallen. Im November gelingt es Lenin, der im April von der deutschen Regierung die Erlaubnis erhalten hatte, in einem plombierten Eisenbahnwagen aus seinem schweizer Exil nach Russland zu fahren, die Macht an sich zu reißen. Er tritt zwar in Friedensverhandlungen mit Deutschland und Österreich ein, weil er äußere Ruhe braucht für die Bolschewisierung Russlands, aber er zögert die Friedensverhandlungen immer weiter hinaus in der Hoffnung, dass die Zersetzungskeime des Bolschewismus, die von Russland her nach Deutschland eingeschleppt werden, ihre Wirkung tun. Kurz entschlossen kündigen daraufhin die Deutschen den Waffenstillstand, und wieder beginnt der deutsche Vormarsch.
Er findet kaum noch Widerstand. Die Ukraine und die baltischen Staaten werden besetzt, in Finnland unterstützen deutsche Einheiten den finnischen Befreiungskampf gegen die russische Unterdrückung. Endlich schließt Lenin am 1. März 1918 Frieden. Russland muss auf die nördlichen baltischen Provinzen verzichten, die Ukraine wird selbständig, Finnland wird frei. Kriegsentschädigungen brauchen nicht gezahlt zu werden. Die Kriegsgefangenen - sowohl auf deutscher als auch auf russischer Seite - werden entlassen. Die Offensive unter General Kerenski und Lenins Hinhaltetaktik haben zur Folge gehabt, dass nach wie vor starke deutsche Kräfte im Osten gebunden bleiben. Noch im Herbst 1918 stehen dort über dreißig deutsche Divisionen.

Im Westen
Inzwischen gewinnen die Alliierten im Westen den Wettlauf mit der Zeit, der sich entspann, als Russlands Ausfall erkennbar und Amerikas Kriegseintritt Tatsache wurde: Es war für die "Entente" lebenswichtig, dass die deutschen Truppen jedenfalls so lange in Russland gebunden blieben, bis die Amerikaner in Frankreich gelandet waren. Dank Kerenski und Lenin ging die Rechnung zugunsten der Alliierten auf: Als Anfang März 1918 der Friede von Brest-Litowsk endlich in Kraft trat, standen bereits 300.000 Amerikaner in Frankreich, im Herbst 1918 waren es 1,8 Millionen.
Als Deutschland um Waffenstillstand bat, hatten die Westmächte in Frankreich eine Übermacht von fast 9 Millionen Soldaten versammelt (5,2 Millionen Franzosen, 1,7 Millionen Engländer und 1,8 Millionen Amerikaner), denen nur 3,4 Millionen Deutsche gegenüber standen.

Letzter Versuch
Der Lauf der Ereignisse hat nun doch den alten Moltke-Plan Wirklichkeit werden lassen, freilich mit furchtbarer Verspätung. Im Osten ist eine Entscheidung erkämpft worden; nun war der Zeitpunkt gekommen, auch im Westen den Frieden zu erzwingen. Die Zeit drängt, die Schlacht muss geschlagen werden, bevor die amerikanischen Divisionen in Frankreich die Gesamtlage grundlegend ändern.
Hindenburg und Ludendorff planen im Winter 1917/18 mit Hilfe erster Verstärkungen aus dem Osten einen Großangriff beiderseits der Somme, der die englische von der französischen Armee trennen soll.
Am 21. März 1918 beginnt das "Unternehmen Michael"
Nach einer mehrere Stunden dauernden heftigen Feuerwalze der Artillerie brechen die grauen Sturmkolonnen beiderseits St. Quentin in die feindlichen Stellungen ein, überrennen sie. Die Batterien rücken nach, Pioniere bauen ihnen Brücken über das Trichtergelände. In der Luft erkämpfen sich die deutschen Flieger die Herrschaft. Nach wenigen Tagen sind die deutschen Soldaten über 6o Kilometer tief vorwärts gestoßen. 90.000 Gefangene bringen sie ein, 1.000 Geschütze werden erbeutet. Aber die Engländer und Franzosen wehren sich hartnäckig und erfolgreich; von unerschöpflichen Materialreserven unterstützt. Vor Amiens kommt der deutsche Angriff zum Stehen. Es gelingt nicht, die feindliche Front zu zerreißen.
Am 9. April holt das deutsche Heer zum zweiten Schlag aus. In der Schlacht bei Armentères werden britische und portugiesische Divisionen überrannt, 30.000 Gefangene eingebracht, 450 Geschütze erobert. Bei Soissons und Reims werden in einer dritten Schlacht die Franzosen geschlagen. Dann aber erstirbt der Angriffsschwung. Zu gewaltig ist diese gegnerische Übermacht an Menschen und Material, vor allem, nachdem nun die amerikanischen Truppen frisch und ausgeruht in die Kämpfe eingreifen.
Die Alliierten treten zur Gegenoffensive an. Am 8. August 1918 gelingt ihnen mit Hilfe riesiger Tankgeschwader bei Amiens der Einbruch in die deutschen Stellungen. Der Angriff wird für die Deutschen zum schwarzen Tag. Die Oberste Heeresleitung entschließt sich schweren Herzens, die Front zurückzunehmen und das im Frühjahr eroberte Gelände wieder preiszugeben. Ausgehungert und erschöpft gehen die deutschen Truppen auf die Siegfriedlinie zurück. Was weiter in diesen Wochen geschah, hat Hindenburg mit soldatischer Knappheit und doch packend und eindrucksvoll geschildert:
"Zur Kräfteersparnis räumen wir gleichzeitig am 2. September den weit über den Kemmelberg und Merville vorspringenden Bogen nördlich der Lys. Alles schwere Entschlüsse, die bis zum Ende der ersten Septemberwoche ausgeführt werden. Die erhoffte Erleichterung der Lage bringen sie nicht. Der Gegner drängt überall sofort nach, und die Spannung dauert an. Am 12. September setzen die Kämpfe an der bisher ruhigen Front südöstlich Verdun und bei Pont-à-Mousson ein. Wir standen hier in der Stellung, in der unsere Angriffe im Herbst 1914 erstarrt waren, ein taktisches Missgebilde, das den Gegner zu einem großen Schlag einladen konnte. Es ist nicht recht verständlich, warum uns der Franzose jahrelang in diesem großen Dreieck stehen ließ, das in seine Gesamtfront hineinsprang. Durchstieß er dieses in mächtigem Schlage an der Basis, so war eine schwere Krisis für uns unausbleiblich. Man wird uns vielleicht als einen Fehler anrechnen, dass wir diese Lage nicht schon längst, spätestens mit dem Einstellen unseres Angriffs auf Verdun, aufgaben. Allein wir übten gerade durch diese Stellung einen in hohem Grade wichtigen Druck auf die Bewegungsfreiheit des Gegners um Verdun aus und sperrten das ihm so wichtige Maastal südlich der Festung. Erst Anfang September, als es zwischen Maas und Mosel auf feindlicher Seite lebhafter wurde, beschlossen wir, diese Stellung zu räumen und auf die schon lange vorbereitete Basisstellung zurückzugehen. Bevor die Bewegung vollendet wurde, griffen uns aber die Franzosen und Amerikaner an und brachten uns eine ernste Niederlage bei. Im übrigen gelang es, den feindlichen Angriffen gegenüber unsere Front im wesentlichen zu halten. Diese Ausdehnung der gegnerischen Angriffe auf die Champagne am 26. September änderte die Lage von der Küste bis zu den Argonnen zunächst wenig. Dagegen drang der Amerikaner an diesem Tage zwischen den Argonnen und der Maas in unsere Linien ein. Damit machte sich die nordamerikanische Macht auf den Schlachtfeldern des Schlusskampfes in einer selbständigen Armee zum ersten Male entscheidend geltend.
Die deutsche Westfront war, wenn auch infolge feindlicher Einbrüche wiederholt zurückgenommen, nicht durchbrochen. Sie wankte, aber sie fiel nicht. Um diese Zeit wurde jedoch in die gesamte Kriegsfront der Mittelmächte eine breite Lücke gerissen: Bulgarien brach zusammen."

Der Untergang
Es war der britisch-französischen Saloniki-Armee gelungen, die Bulgaren so entscheidend zu schlagen, dass man in Sofia am 29. September einen bedingungslosen Waffenstillstand schließen musste. Nun folgt eine Hiobsbotschaft auf die andere:
Die Türkei bricht zusammen, im österreichisch-ungarischen Heer verbreiten sich Meutereien, Kaiser Karl - Nachfolger des am 21. November 1916 gestorbenen alten Kaisers Franz Josef- löst am 29. Oktober das Bündnis mit dem Reich und unterzeichnet einen eigenen Waffenstillstand mit den Alliierten. So vollendet sich mit Riesenschritten die deutsche Niederlage, die mit der verlorenen Verteidigungsschlacht am 8.August begonnen hat. Die deutsche Oberste Heeresleitung - ihr Sitz war inzwischen von Bad Kreuznach nach dem belgischen Spa verlegt worden - war nicht mehr der Mittelpunkt der europäischen Ereignisse... Die Entscheidungen waren anderswo gefallen, jetzt galt es nur, zu retten, was noch zu retten war. Wie auch in diesen hoffnungslosen düsteren Oktoberwochen 1918 an der deutschen Westfront gekämpft und gelitten wurde, hat Hindenburg später selbst ergreifend geschildert:
"Wäre in dem Buch des großen Krieges das Kapitel über das Heldentum des deutschen Heeres nicht schon längst geschrieben gewesen, so würde es in dem letzten furchtbaren Ringen mit dem Blute unserer Söhne in ewig unauslöschlicher Schrift geschehen sein. Welch ungeheuere Anforderungen wurden in diesen Wochen an die Körper- und Seelenkräfte von Offizieren und Mannschaften aller Stäbe und Truppenteile gestellt! Die Truppen mussten auch jetzt wieder von einem Kampf in den anderen geworfen, von einem Schlachtfeld auf das andere geführt werden. Kaum, dass die sogenannten Ruhetage ausreichten, die zerschossenen oder zersprengten Verbände neu zu ordnen, ihnen Ersatz zuzuführen, die Bestände aufgelöster Divisionen in die Truppenteile anderer einzuordnen. Offiziere wie Mannschaften begannen wohl zu ermatten, aber sie rissen sich immer wieder empor, wenn es galt, den feindlichen Anstürmen Halt zu gebieten. Offiziere aller Dienstgrade bis zu den höheren Stäben hinauf wurden Mitkämpfer in den vordersten Linien, teilweise mit dem Gewehr in der Hand. Zu befehlen gab es vielfach nichts anderes mehr als: ‚Aushalten bis zum Äußersten!'..."

Der Soldat kann der überwältigenden Übermacht nicht mehr lange standhalten, nun hat die Politik das Wort. Der Verlauf der nächsten Wochen hatte dennoch gezeigt, dass die Armee in ihrem Kern noch gesund war, und das mussten auch die Alliierten erkennen. Sie kamen im Lauf des Oktober nicht mehr so voran, wie es zunächst zu erwarten war.
Es war nicht nur die Folge einer verfehlten innerdeutschen Politik, wie Ludendorff meinte, sondern es war entscheidend die gewaltige Übermacht des Gegners, welche die Fortsetzung des Kampfes aussichtslos machte.

Friedensangebot
Am 3. Oktober richtet die neue parlamentarische deutsche Regierung folgende Note an Präsident Wilson:
"Die deutsche Regierung ersucht den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, die Herstellung des Friedens in die Hand zu nehmen, alle kriegführenden Staaten von diesem Ersuchen in Kenntnis zu setzen und sie zur Entsendung von Bevollmächtigten zwecks Anbahnung von Verhandlungen einzuladen. Sie nimmt das von dem Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika in der Kongressbotschaft vom 8 .Januar 1918 und in seinen späteren Kundgebungen, namentlich der Rede vom 27. September, aufgestellte Programm als Grundlage für die Friedensverhandlungen an. Um weiteres Blutvergießen zu vermeiden, ersucht die deutsche Regierung den sofortigen Abschluss eines Waffenstillstandes zu Lande, zu Wasser und in der Luft herbeizuführen."
gez. Max, Prinz von Baden,
Reichskanzler

Reaktion der Alliierten
Es stellt sich bald heraus, dass es Präsident Wilson gar nicht eilig hat, der Welt den Frieden zu gewähren, der nun vor der Tür steht; der britische Ministerpräsident Lloyd George drückt es später ganz sachlich aus:
"Wir verzögerten die Absendung der Bedingungen an Deutschland, um erst die Stützen unter den Füßen unseres Feindes zu zerbrechen und seine Flanke aufzureißen. Darum haben wir gewartet."
Insgesamt vergingen nach der Absendung des deutschen Waffenstillstands - Angebotes mehr als vier Wochen, bis endlich im Wald von Compiègne die deutsche und alliierte Waffenstillstands - Kommission zusammentraten. Die Zwischenzeit wurde mit Notenwechsel zwischen Wilson und der deutschen Regierung verbracht. Hätte nicht die Westfront trotz dauernder Angriffe immer noch gehalten, dann wäre das diplomatische Spiel der Sieger vielleicht noch länger hingezogen worden.
Eine neue politische Krise entsteht, als Wilson in seiner dritten Note am 23. Oktober in dürren Worten mitteilt, dass ein Waffenstillstand nur unter Bedingungen in Erwägung gezogen werden könnte, die "eine Wiederaufnahme der Feindseligkeiten seitens Deutschland unmöglich mache. Wenn mit den militärischen Beherrschern und monarchischen Autokraten Deutschlands verhandelt werden muss ... dann kann Deutschland über keine Friedensbedingungen verhandeln, sondern muss sich ergeben."

Entlassung Ludendorffs
Hindenburg ist der Ansicht, dass man solchen Ankündigungen eines Gewaltfriedens mit Widerstandswillen entgegentreten muss. Es wird ein Armeebefehl entworfen:
"Die Antwort Wilsons fordert die militärische Kapitulation. Sie ist deshalb für uns Soldaten unannehmbar. Sie ist der Beweis, dass der Vernichtungswille unserer Feinde, der 1914 den Krieg entfesselte, unvermindert fortbesteht. Sie ist ferner der Beweis, dass unsere Feinde das Wort ‚Rechtsfrieden' nur im Munde führen, um uns zu täuschen und unsere Widerstandskraft zu brechen. Wilsons Antwort kann daher für uns Soldaten nur die Aufforderung sein, den Widerstand mit äußersten Kräften fortzusetzen. Wenn die Feinde erkennen werden, dass die deutsche Front mit allen Opfern nicht zu durchbrechen ist, werden sie zu einem Frieden bereit sein, der Deutschlands Zukunft gerade für die breiten Schichten des Volkes sichert."
Hindenburg und Ludendorff reisen nach Berlin, um ihre Ansicht zu vertreten. Für Ludendorff ist freilich die Lage sehr schwierig geworden, denn er war es, der die übereilte Absendung der ersten deutschen Note von der Regierung gefordert hat. Von Oberst Haeften erfuhr Ludendorff, dass der Kaiser ihn auf Betreiben des Kanzlers (Max von Baden) zu entlassen gedenke. Das zunehmend gestörte Persönlichkeitsbild Ludendorffs kam voll zum Ausbruch, als er bei der Audienz dem Kaiser in sehr schroffem Ton sein Abschiedsgesuch unterbreitete. Völlig in Rage hielt er Wilhelm II. vor, was dieser "seinem (Ludendorffs !!!) Generalstab" zu verdanken habe. Der Quartiermeister musste vom Obersten Kriegsherrn daran erinnert werden, dass er mit dem Kaiser spricht.

Aus den Tagesaufzeichnungen des Oberst Thaer, eines engen Mitarbeiters Ludendorffs, wissen wir heute, wie dieser die Angelegenheit sah, als er vom Kaiser entlassen wurde:
"Seine Majestät in sehr schlechter Stimmung" (so berichtete General Ludendorff am nächsten Tag) "habe ‚seinem Generalstab' Vorwürfe gemacht, dass er ihn in eine furchtbare Lage gebracht habe, da er vor vier Wochen Waffenstillstand verlangt habe, nun aber wieder weiterkämpfen und Wilson ablehnen wolle und ohne des Reichskanzlers Wissen dies schon den Heerführern mitgeteilt habe. Darauf habe der Feldmarschall (Hindenburg) angefangen etwas zu ‚brummeln', was aber eine ganz schwache Verteidigung des Generalstabes gewesen sei. Ludendorff habe dann eingegriffen, er wisse ja ganz genau, dass es jetzt bloß um seine (Ludendorffs) Person sich drehe, also er bitte um Entlassung. Der Kaiser wollte ihm eine Heeresgruppe geben.(???) Ludendorff habe dann gesagt, das käme gar nicht in Frage, habe sich mit einer kurzen Verbeugung empfohlen und das Zimmer verlassen... Ludendorff habe draußen gewartet, bis Hindenburg nachgekommen sei; sie hätten sich die Hand gedrückt und er, Ludendorff, habe selbstverständlich angenommen, dass der Feldmarschall auch seinen Abschied habe. Gleich darauf habe der ihm sagen müssen, dass er sich von Seiner Majestät habe bestimmen lassen, zu bleiben (Ludendorff sagte: ‚Kurz, er hat sich wickeln lassen') und hierüber war Ludendorff aufs tiefste empört, enttäuscht und sagte: ‚Na, er wird ja sehen, was er sich damit eingebrockt hat.'"
Er bezichtigte den Feldmarschall des Verrats, weil dieser auf seinem Posten blieb. Er weigerte sich sogar, mit Hindenburg gemeinsam im gleichen Wagen zum Generalstabsgebäude zurückzufahren. Von nun an verfolgte Ludendorff seinen Weggefährten mit erbitterter Feindschaft. Unaufhörlich versuchte er, diesen "Verrat" zu vergelten und den Mythos Hindenburg zu zerstören. Es lag jedoch nicht zuletzt an seinen egozentrischen Eskapaden, dass dieses Vorhaben nicht gelang. So war aus dem Bruch Ludendorffs mit dem Kaiser auch ein Bruch zwischen Ludendorff und Hindenburg geworden, menschlich erklärbar aus der Erregung und furchtbaren Spannung des Tages. Der Bruch wurde später gelegentlich wieder überbrückt, aber nie mehr ganz überwunden.

In Wirklichkeit hat Hindenburg in dieser düsteren Stunde dem Kaiser gesagt: "Majestät, wenn Ludendorff geht, muss ich auch gehen." Wilhelm II. lehnte das Gesuch kategorisch ab ("Sie bleiben") und erklärte, gerade in dieser Zeit der übergroßen Gefahren dürfe Hindenburg das Reich nicht im Stich lassen. Auf ihn sehe das Volk, er sei der feste Halt. Der Kaiser hatte recht: Der Feldmarschall war wirklich noch der einzige Halt in der Auflösung und Hindenburgs Entscheidung, auf seinem Posten zu bleiben, war von höherer Pflicht diktiert. Es konnte für ihn nur verlockend sein, mit politischer Begründung all den Pflichten auszuweichen, die sich unvermeidlich am Horizont abzeichneten. In den Tagen des Sieges war Hindenburg ein Symbol der Zuversicht gewesen, jetzt wurde er ein Symbol der Treue zum Reich.
Hindenburg, ein Soldat alter preußischer Schule, ein royalistisch erzogener Offizier, befolgte selbstverständlich den Befehl seines preußischen Königs und militärischen Vorgesetzten. Dem alten General fiel die Entscheidung nicht schwer, entweder aus Solidarität mit seinem Quartiermeister in Unfrieden von seinem König und obersten Kriegsherrn zu scheiden oder ihm und Deutschland in diesen schweren Stunden beizustehen.
Als Nachfolger Ludendorffs wird General Groener bestimmt. In Deutschland kommt es immer mehr zu Unruhen. Am 10. November tritt der Kaiser zurück und geht nach Holland. Inzwischen wurden durch einen Kurier die Bedingungen eines Waffenstillstands überbracht.

Der französische Oberkommandierende, Marschall Foch, hatte inzwischen in einem Eisenbahnwaggon im Walde von Compiègne die deutsche Delegation empfangen und ihr die Waffenstillstandsbedingungen bekanntgegeben. Die deutsche Delegation wurde von dem amtierenden Finanzminister Erzberger angeführt. Es war kein einziger Vertreter des deutschen Militärs anwesend. ("Die Hand soll dem abfaulen, der dieses Diktat unterschreibt") war zu hören. Auf Verhandlungen ließ er sich nicht ein; die besetzten Gebiete sind innerhalb von 14 Tagen zu räumen, alliierte Truppen werden bei Mainz, Koblenz und Köln Brückenköpfe rechts des Rheines besetzen, 5000 Kanonen, 30000 Maschinengewehre sind auszuliefern, ebenso Tausende von Lokomotiven, Waggons und Lastkraftwagen. Die Seeblockade bleibt aufrechterhalten. Alliierte Gefangene sind sofort freizulassen, die deutschen Kriegsgefangenen bleiben jedoch im Gewahrsam der Westmächte.
Dies sind die Bedingungen, mit denen sich nun die neue deutsche Regierung auseinandersetzen muss, obwohl sich zu diesem Zeitpunkt kein einziger feindlicher Soldat auf deutschem Boden befindet. Die Front verlief auch im Westen weit in "Feindesland". Warum man hier keinen Raum für Verhandlungen fand, ist nur mit den Unruhen im eigenen Land zu erklären.
"Wie Siegfried unter dem hinterlistigen Speerwurf des grimmigen Hagen, so stürzte unsere ermattete Front", derart sollte der alte Feldmarschall in seinen Erinnerungen die Dolchstoßlegende abwandeln.

Friedrich Ebert, der neue Reichskanzler, sieht sich in eine fast verzweifelte Lage versetzt. Zwar hatte mit ihm die SPD die Macht in Deutschland übernommen, gewillt, dem Reich ohne Blutvergießen eine republikanische Staatsform zu geben, doch stehen ihm die bewaffneten Gruppen der zum Kampf entschlossenen Spartakisten und Unabhängigen Sozialdemokraten (USP) gegenüber, die den Rätestaat nach russischem Muster unbedingt noch erzwingen wollen. Ebert verhandelt mit der USP und beteiligt sie an der Regierung, aber er beharrt auf seiner Forderung, Wahlen zur Nationalversammlung auszuschreiben, aus der dann eine neue, vom Volk gewählte Regierung hervorgehen sollte. Bei allem Misstrauen der SPD gegen die Armee weiß Ebert, dass die Entscheidung, ob Deutschland ein Sowjetstaat oder eine Demokratie sein würde, beim Heer liegt. Würde Hindenburg sich der neuen Regierung zur Verfügung stellen oder würde er zurücktreten und das Reich seinem Schicksal überlassen?
Ebert verfügt in der Reichskanzlei über eine geheime direkte Telefonleitung zur Obersten Heeresleitung. Bereits am Abend des 9. November greift Ebert zum Hörer. General Groener am anderen Ende der Leitung teilt ihm im Auftrag Hindenburgs mit, dass der Generalfeldmarschall an der Spitze des Heeres bleiben werde, bis das Heer in Ordnung und Festigkeit in die Heimat zurückgekehrt sei. Die OHL wolle mit der neuen Regierung für Ordnung und Sicherheit sorgen und der Heimat das Schlimmste ersparen.
"Und was erwarten Sie von uns ?" fragt Ebert. Groener antwortet: "Der Herr Generalfeldmarschall erwartet von der Reichsregierung die Unterstützung des Offizierskorps bei Aufrechterhaltung der Disziplin und der straffen Ordnung im Heer. Er erwartet, dass die Verpflegung des Heeres mit allen Mitteln sichergestellt und dass jede Störung des Eisenbahnverkehrs verhindert wird."
"Was noch ?"
wirft Ebert dazwischen. "Das Offizierskorps erwartet, dass die Reichsregierung den Bolschewismus bekämpfen wird, und stellt sich hierfür zur Verfügung."
Ebert atmet auf, er bittet General Groener, dem Feldmarschall den aufrichtigen Dank der Regierung zu übermitteln. Dann sendet er folgendes Telegramm an Hindenburg:
"An Feldmarschall von Hindenburg:
Wir bitten Eure Exzellenz, für das gesamte Feldheer anzuordnen, dass die militärische Disziplin, Ruhe und straffe Ordnung im Heere unter allen Umständen aufrechtzuerhalten sind, dass daher den Befehlen der militärischen Vorgesetzten bis zur erfolgten Entlassung unbedingt zu gehorchen ist und dass eine Entlassung von Heeresangehörigen aus dem Heer nur auf Befehl der militärischen Vorgesetzten zu erfolgen hat. Die Vorgesetzten haben Waffen und Rangabzeichen beizubehalten. Wo sich Soldatenräte oder Vertrauensleute gebildet haben, haben sie die Offiziere in ihrer Tätigkeit zur Aufrechterhaltung von Zucht und Ordnung rückhaltslos zu unterstützen."

Gezeichnet:
Ebert, Scheidemann, Dittmann, Landsberg, Barth.

Hindenburg hat inzwischen noch am Abend des 9. November ein "Telegramm an das Westheer" erlassen, in dem es heißt:
"Die Oberste Heeresleitung will nicht neues Blutvergießen oder den Bürgerkrieg entfesseln. Sie will im Einvernehmen mit den neuen Regierungsgewalten für Ruhe und Sicherheit sorgen und der Heimat das Schlimmste ersparen.''
Dennoch: Es ist ein fast übermenschliches Problem, das deutsche Feldheer in nur zwei Wochen in das Reichsgebiet zurückzuführen - Marschall Foch rechnet damit, dass das nicht gelingt und er Vorwände findet, noch einige hunderttausend Gefangene zu machen; gleichzeitig aber werden trotz Eberts Bemühungen die gewohnten Ordnungen immer wieder gestört. Doch es gelingt der OHL unter Hindenburg, auch in dieser kurzen Zeit, die deutschen Soldaten in die Heimat zurückzuführen. Als feststeht, dass das Diktat angenommen wird, legt Hindenburg am 24. Juni den Oberbefehl nieder.
"Mein Wunsch, mich dann ins Privatleben zurückzuziehen, wird bei meinem hohen Alter allgemein verständlich werden, um so mehr, als es bekannt ist, wie schwer es mir mit meinen Anschauungen und meiner ganzen Persönlichkeit und Vergangenheit geworden ist, in der jetzigen Zeit mein Amt weiter auszuüben."
Er unterlässt es aber nicht, sofort vor aller Welt der in den Bestimmungen des Versailler Dokumentes enthaltenen Beschuldigungen deutscher sog. "Kriegsverbrecher" entgegenzutreten. Zunächst richtet er an den Reichspräsidenten die folgende Botschaft:
"Herr Reichspräsident! Die Unterzeichnung des Friedensvertrages gibt mir zu folgender Erklärung Veranlassung: Für alle Anordnungen und Handlungen der Obersten Heeresleitung seit dem 29.August 1916 trage ich die alleinige Verantwortung. Auch sind alle mit der Kriegführung zusammenhängenden Entschlüsse und Befehle Seiner Majestät des Kaisers und Königs seit diesem Tage auf meinen ausdrücklichen Rat und unter meiner vollen Verantwortung gefasst und erlassen worden. Ich bitte, diese Erklärung zur Kenntnis des deutschen Volkes und der alliierten Regierungen zu bringen."
gez. von Hindenburg, Generalfeldmarschall

Der Reichspräsident hatte sein Einverständnis erklärt und hinzugefügt:
"Ich benutze die Gelegenheit, um Ihnen für Ihre dem Vaterland während des Krieges und in jetziger Zeit unter großer Aufopferung geleisteten Dienste den unauslöschlichen Dank des deutschen Volkes auszusprechen. Dass Sie auch in den Zeiten schwerster Not in Treue auf Ihrem Posten ausharrten und dem Vaterland Ihre Persönlichkeit zur Verfügung gestellt haben, wird Ihnen das deutsche Vaterland niemals vergessen."

Dann aber wendet sich Hindenburg noch direkt an den alliierten Oberbefehlshaber, den französischen Marschall Foch. Er bietet den Siegern an, die immer noch die Auslieferung Wilhelms II. fordern, ihn anstelle des Kaisers vor Gericht zu stellen. "Um die schimpfliche Erniedrigung von unserem Volke und unserer Armee fernzuhalten, bin ich bereit, jedes Opfer zu bringen. Anstelle meines kaiserlichen und königlichen Kriegsherrn stelle ich mich daher hiermit den alliierten und assoziierten Mächten mit meiner ganzen Person voll und ganz zur Verfügung. Ich bin überzeugt, dass jeder andere Offizier der alten Armee bereit ist, ein Gleiches zu tun." Fochs Antwort ist - Schweigen.

Inzwischen war die OHL nach Kolberg verlegt worden.
Nach Veröffentlichung des Briefes trifft in Kolberg eine Abordnung Göttinger Studenten ein, die 1500 Kommilitonen vertritt. Sie bietet Hindenburg Göttingen als Wohnsitz an, um ihn bei einem Auslieferungsbegehren der Feinde mit Leib und Leben zu schützen. Der Feldmarschall sagt zu ihnen ironisch: "Wenn die Feinde mich alten Mann, der ich nichts weiter getan habe als meine Pflicht und Schuldigkeit meinem Kaiser und König und meinem Vaterland gegenüber, an die Wand stellen wollen, sollen sie mich haben..." Das "Kriegsverbrecher - Gezeter" der alliierten Propaganda verläuft schließlich im Sande. In diesem Punkte bleiben Reichstag und Reichsregierung auch in den nächsten Jahren hartnäckig. Die im Diktat vorgesehene Auslieferung der von der "Entente" bezeichneten "Kriegsverbrecher" mit Hindenburg und Ludendorff an der Spitze unterbleibt. Auch die niederländische Regierung lehnt die englisch - französische Forderung auf Übergabe des Kaisers an die Alliierten als völkerrechtswidrig ab.

Abschied
Zum zweiten Mal scheidet Hindenburg aus dem soldatischen Dienst.
Als er sich mit anderen Anwesenden nach dem Abendessen vor das Portal des Schlosshotels begab, schien noch einmal das, was Preußen einst groß gemacht hatte, aufzuerstehen. Musikkorps verschiedener Einheiten versammelten sich im Schein der Fackeln zum "Großen Zapfenstreich"
Die letzten Stunden in Kolberg sind eindrucksvoll in der Biographie des Generals Groener geschildert:
"Am 2. Juli versammelten sich die letzten Reste der einst so stolzen kaiserlichen Armee - soweit sie in Kolberg und in der Nähe stationiert waren; sie hatten den Namen ‚Freikorps Hindenburg' erhalten - zu einer letzten Abschiedsfeier für den scheidenden Oberbefehlshaber. Noch einmal erklang das Locken der Spielleute, ertönten die altehrwürdigen preußischen Märsche, hieß es: ‚Helm ab zum Gebet' und feierlich stieg der Choral gen Himmel. Barmherziges Dunkel verbarg die Tränen, die nicht nur den Frauen, sondern auch den Männern aus den Augen rannen.
Es war die Totenfeier der alten Armee
Und wie der Zapfenstreich einst die todgeweihten Truppen in den Krieg entließ, so endete unter seinen Klängen, was der Soldat einer glorreichen Tradition gewesen war. Schwere Wolken jagten über den Himmel, ein Gewitter drohte, und nur selten durchbrachen Sterne die schwarze Nacht..."
Am Abend des 3. Juli verließ Hindenburg Kolberg. Vorbei an den Ehrenwachen, begleitet von der gesamten Heeresleitung, fuhr er zum Bahnhof, wo das nach ihm benannte Freikorps in Paradeaufstellung wartete. Er schritt noch einmal eine Ehrenkompanie ab, dann bestieg der Generalfeldmarschall den Zug nach Hannover.
Er fuhr nach Hause. Der fast 72jährige Mann glaubte, seine Pflicht für Deutschland endgültig getan zu haben.