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Generalfeldmarschall

Die Schlacht bei Tannenberg 1914

Die Feldherren - Hindenburg

Oberste Heeresleitung

Am 27. August 1916 erklärt Rumänien den Krieg an Österreich-Ungarn; am nächsten Tag beginnen rumänische Truppen den Vormarsch nach Siebenbürgen, wo nur schwache Kräfte zur Verteidigung bereitstehen.
Hindenburg - seit vier Wochen ist er mit Zustimmung des alten österreichischen Kaisers Franz Josef Oberbefehlshaber für die ganze Ostfront und hat sein Hauptquartier nach Brest-Litowsk verlegt - sieht sich vor neue, sehr ernste Aufgaben gestellt.
Da erreicht ihn am 28. August mittags 13:00 Uhr ein telefonischer Anruf aus Pless in Oberschlesien, wo sich derzeit das Große Hauptquartier befindet. Am Apparat ist General von Lyncker, der Chef des Kaiserlichen Militärkabinetts. Er übermittelt den Befehl an Hindenburg und Ludendorff, unverzüglich nach Pless zu kommen. Als Grund teilt Lyncker nur lakonisch mit: "Die Lage ist ernst."
Generalstabschef Falkenhayn ist um diese Zeit noch nicht davon unterrichtet, dass Hindenburg und Ludendorff ins HQ befohlen sind. Er weiß nur, dass er sich ernstlich getäuscht hat, als er dem Kaiser immer wieder versicherte, die Rumänen würden nicht vor Ende September eingreifen können. Als am Abend vorher nun doch die rumänische Kriegserklärung vorlag, war man überrascht. Als der Kaiser am Abend des 28. August zu General Falkenhayn sagt, er habe den Oberbefehlshaber Ost und seinen Generalquartiermeister zur Beratung nach Pless befohlen, erkennt der Generalstabschef, dass er das Vertrauen des obersten Kriegsherrn verloren hat; er fordert seinen Abschied und erhält ihn.
Wie - fast auf den Tag - zwei Jahre vorher bringt ein Sonderzug die beiden zu neuer Bestimmung, von der sie freilich noch keine Ahnung haben. Nachmittags um 16:00 Uhr verlassen sie Brest-Litowsk, am nächsten Morgen um 10:00 Uhr treffen sie in Pless ein, wo sie am Bahnhof bereits von Lyncker erwartet werden. Der General teilt mit: Hindenburg ist zum Chef des Generalstabes des Feldheeres, Ludendorff unter Beförderung zum General der Infanterie zum "Ersten Generalquartiermeister" ernannt. Im Schloss warten der Kaiser, die Kaiserin und der Reichskanzler.
Welche Aufgabe ihnen bevorsteht, hat Ludendorff in knapper Schilderung umrissen:
"Die Lage, in welcher der Generalfeldmarschall und ich in die Oberste Heeresleitung gerufen wurden‚ war aufs äußerste gespannt: Unser großer Verteidigungskrieg, den wir bisher mit dem besten Mittel der Kriegführung, dem Angriff, hatten führen können, war zu einem reinen Abwehrkrieg geworden. Die Entente hatte alle ihre Kräfte zu einem gewaltigen und, wie sie meinte, letzten großen Schlage angesetzt, uns in die Verteidigung geworfen und nun auch noch Rumänien auf den Plan gerufen. Es war zu erwarten, dass sie ihre Angriffe an der Westfront, in Italien, Mazedonien und südlich des Pripjet steigerte, während die Rumänen, von Russen verstärkt, nach Siebenbürgen hinein in die offene rechte Flanke unserer Ostfront oder aus der Dobrudscha nach Bulgarien vorstießen. An irgendeiner Stelle sollten wir den Todesstoß erhalten."
Als General von Falkenhayn am Nachmittag des 29. August Hindenburg die Geschäfte übergibt, ergreift er die Hand des Feldmarschalls und sagt: "Gott helfe Ihnen und unserem Vaterland."

Eine Welle von Vertrauen und Zuversicht durchläuft das deutsche Heer und die Heimat, als die Nachricht von der Berufung Hindenburgs und Ludendorffs in den Zeitungen steht. Endlich sind die beiden Männer an die Spitze gestellt worden, auf die das Volk schon längst voll Hoffnung gesehen hat. "Wir werden durchhalten!", das ist der Grundsatz, mit dem Hindenburg und Ludendorff an die Arbeit gehen. Im Osten gelingt es dem verbissenen Widerstand der deutschen und der noch intakten österreichischen Verbände, die Karpaten zu halten. Die russische Offensive läuft sich fest.
Am gefährdetsten ist jedoch die Westfront und der neue Kriegsschauplatz Rumänien, wo 700.000 frische gegnerische Truppen im Angriff gegen ausgeblutete schwache Verbände stehen.
Hindenburg und Ludendorff reisen zunächst an die Westfront, um sich einen Eindruck von der Lage zu verschaffen. Als ihr Sonderzug in Metz einläuft, ertönen die Sirenen - und schon fallen die Bomben. Die Front ist nahe und die französischen Kampfflieger sind wachsam. Nur um wenige Meter verfehlen die Bomben ihr Ziel.

Erste Maßnahmen
Hindenburgs und Ludendorffs erste Maßnahmen sind bezeichnend für den neuen Weg, den sie einschlagen werden. Zunächst erwirken sie beim Kaiser den Befehl, die mörderische Zermürbungsschlacht um Verdun abzubrechen. Dann wird eine neue Verteidigungstaktik entwickelt: Nicht mehr starr sollen die dichten Linien der Infanterie das feindliche Trommelfeuer über sich ergehen lassen. Allzu hoch sind die Verluste, die sie dadurch erleiden. Die Verteidigung soll beweglich werden. Die neuen Führer ordnen an, dass die vorderen Linien dünner zu besetzen seien. Gräben, deren starres Halten für die Gesamthandlung bedeutungslos ist, aber hohe Verluste verursachen, seien aufzugeben. Die Infanterie wird viel stärker als bisher mit Maschinengewehren ausgerüstet; Minen- und Granatwerfer verstärken ihre Feuerkraft. Mehr Sturmbataillone mit Spezialausbildung werden aufgestellt. Kräfte sparen und trotzdem stark bleiben - das ist die Forderung der Stunde. Als die Alliierten die Sommeschlacht neu entbrennen lassen, tragen die Bemühungen der Obersten Heeresleitung ihre ersten Früchte. Zwar müssen die deutschen Verteidiger Gelände aufgeben, aber die Verluste werden fühlbar geringer. Die Front hält.

Rumänien
Zur gleichen Zeit gilt es, die rumänische Gefahr an der südlichen Ostfront zu beseitigen. Glücklicherweise entwickelt sich die rumänische Offensive langsamer als befürchtet. So gewinnen deutsche, österreichische, bulgarische und türkische Truppen Zeit für den Gegenaufmarsch. Bevor die Rumänen alle ihre Kräfte versammelt haben, schlagen die Mittelmächte los. Unter Generalfeldmarschall von Mackensen und General von Falkenhayn, dem bisherigen Chef des Generalstabes, stoßen die Verbündeten im Herbst über die Karpaten und die Donau nach Rumänien hinein, werfen den Gegner und schlagen ihn vollständig. Am 6. Dezember ziehen die Sieger in Bukarest ein. Die Reste der rumänischen Truppen behaupten sich noch im Nordosten des Landes. Zu größeren Kämpfen kommt es nicht mehr. Die rumänische Gefahr ist beseitigt. Durch den schnellen Sieg gegen Rumänien entstehen Vorteile für die Mittelmächte, mit denen die Entente nicht gerechnet hat. Mit diesem Land gewinnen die Mittelmächte reiche Schätze an Getreide und vor allem an Erdöl; dieser Rohstoff gewann immer mehr an Bedeutung. Noch wichtiger aber ist es, dass der rasche und glänzende Sieg die Deutschen mit neuer Zuversicht erfüllt.
In heutiger Sicht wird freilich deutlich, wie unnötig der Kräfteverbrauch dieser rumänische Feldzug für Deutschland gewesen ist. Hätten Hindenburg und Ludendorff im Jahre 1915 mit den Truppen, die bei Verdun verbluteten, die Russen schlagen dürfen, dann wäre Rumänien im Jahre 1916 mit Sicherheit neutral geblieben! So hat Hindenburg in der Obersten Heeresleitung nun mit allen bisherigen Versäumnissen fertig zu werden! Als das Jahr 1916 zu Ende geht, scheinen die größten Gefahren zunächst gebannt. Die gemeinsame Großoffensive der Engländer, Franzosen, Russen, Italiener hatte nicht zum Ziel geführt, die deutsche Front dagegen gehalten und sich bis zur Küste des Schwarzen Meeres vorgeschoben.

Die Heimatfront
Aber ist auch die Widerstandskraft der Heimat noch ungebrochen? Die Anzeichen mehren sich, dass manche Politiker in Deutschland nicht erkannt haben, wie entschlossen der Vernichtungswille der Feindstaaten ist und dass dieser Krieg nicht einer bestimmten Schicht, etwa dem Adel oder den Unternehmern gilt, sondern dem ganzen Volk. Manche werden von Ideologien gehindert, diese Tatsachen zu erkennen. So glauben einige sozialdemokratischen Funktionäre ernstlich, ein von Deutschland gewonnener Krieg würde, wie sie sich ausdrücken, die "Herrschaft der Ausbeuter und preußischer Militaristen" festigen und damit den Zielen der Sozialdemokratie entgegenstehen. "Ich bekenne ganz offen, dass ein voller Sieg des Reiches den Interessen der Sozialdemokratie nicht entsprechen würde", schreibt ein Redakteur im "Vorwärts", dem Zentralorgan der SPD, schon am 23. Februar 1915. Unter der Führung des gleichen Abgeordneten Haase, der am 4. August 1914 so eindrucksvolle Worte für den Verteidigungskampf gesprochen hatte, bildete sich eine "Arbeitsgemeinschaft" der radikalen Funktionäre, die sich bald als sogenannte "Unabhängige Sozialdemokraten" (USP) organisieren, im Reichstag die Kriegskredite verweigern und im Lande zunächst versteckt, dann immer offener gegen die Fortsetzung des Krieges agitieren. Sie finden Echo in einem Volk, dessen Begeisterung für den Verteidigungskampf schon bald nach 1914 in Resignation umschlägt.
Schuld daran trägt in erheblichem Maße die deutsche Regierung. Sie war auf wirtschaftlichem Gebiet in keiner Weise auf einen Krieg vorbereitet, versäumte auch, rechtzeitig dafür zu sorgen, dass die Versorgungsgüter im Volk haushälterisch verteilt wurden. Erst 1915 entschloss man sich, das Brot zu rationieren, später die übrigen Nahrungsmittel.
Wie man unterlassen hatte, die Armee so stark wie möglich zu machen, so wurde man vom englischen "Blockade-Krieg" völlig überrascht, der schon ab September 1914 ernstlich fühlbar war. Es ist richtig, dass die Verhinderung jeglicher überseeischer Zufuhren, auch reiner Lebensmittel für die Zivilbevölkerung, nach damaligem Völkerrecht unzulässig waren. Aber wer konnte die englische Regierung zwingen, sich an dieses Völkerrecht zu halten?
Als dann das Jahr 1916 in Deutschland überdies noch eine Missernte brachte, wurde der "Steckrübenwinter" 1916/17 für große Teile des Volkes eine Hungerzeit von Ausmaßen, die selbst die spätere der Jahre 1945/46 noch übertraf.
Daneben aber blüht der "Schleichhandel", weil der Staat die Ablieferungspflicht und die Rationierung nicht streng genug überwacht. Während so die Mehrzahl der Deutschen hungert, können sich andere, die über Geld und "Beziehungen" verfügen, Lebensmittel zusätzlich verschaffen, andere wieder bereichern sich an der Not. Nicht nur die mangelhafte Regelung der Ernährungsfrage schafft Verbitterung, sondern auch die lasche und ungerechte Durchführung der Rekrutierung. Immer gibt es Wege für Männer mit "Beziehungen", dem Wehrdienst zu entgehen, so dass bei dem Soldaten an der Front die Meinung wächst, sie seien "die Dummen", wenn sie ihr Leben einsetzen.
Das Wirtschaftssystem jener Jahre ermöglicht es, dass an der Herstellung von Kriegsmaterial und an der Beschaffung von Rohstoffen riesige Gewinne erzielt werden. Während der größte Teil des Volkes das Leben einsetzt, verdienen andere an diesem Krieg Millionen. Die Regierung steht diesen Missständen geradezu hilflos gegenüber. Sie weiß nicht, wie sie es verhindern kann, dass sich im Volke Kriegsmüdigkeit immer weiter ausbreitet angesichts eines Feindes, der auch die letzten Kräfte mobilisiert in seinem Kampf gegen Deutschland.
So müssen Hindenburg und Ludendorff auch noch die Sorge um die Heimat auf sich nehmen und versuchen, in der belagerten Festung Deutschland alle Kräfte für den Kampf um das Leben des Reiches einzusetzen. Schon 1916 schlagen sie der Reichsregierung vor, im Reichstag ein Gesetz einzubringen, nach dem jeder deutsche Mann zwischen 16 und 6o Jahren arbeitspflichtig ist und zum "vaterländischen Hilfsdienst" hinter der Front eingesetzt werden kann. Sodann entwickelt die Oberste Heeresleitung das "Hindenburg-Programm", das die Schaffung von Kriegsmaterial sicherstellen soll. Aber auch um die Ernährungsfrage der Heimat, um die Lohn- und Preispolitik, die Kriegsgewinne, die Verwaltung der besetzten Gebiete, die Verkehrslage im Land, die Kohle- und Stahlproduktion muss die Oberste Heeresleitung sich kümmern. Später nannte man das "Militärdiktatur", als hätte die OHL diese Aufgaben an sich gerissen. Diese Maßnahmen waren vielmehr aus der Not geboren, weil die Regierenden dazu nicht in der Lage waren.
Sogar über Propaganda müssen Hindenburg und Ludendorff mit der Regierung streiten. Die Feindmächte haben sich vom ersten Tage des Krieges an nicht auf militärischen und wirtschaftlichen Kampf beschränkt, sondern sie haben ihn auch gegen die Seele der Deutschen aufgenommen. Eine weit ausgedehnte britische Organisation unter Lord Beaverbrook entwickelt diese Art der Kriegführung zu gefährlicher Kunst. Drei Direktoren unterstehen Beaverbrook: Der Presse-Lord Northdiffe bearbeitet die feindlichen Länder, der Dichter Kipling die Heimat und die Kolonien, Lord Rothermere die neutralen Länder. Diese Aufteilung umreißt bereits die Aufgaben der psychologischen Kriegführung:
Der Gegner, also Deutschland, Osterreich, Bulgarien und die Türkei sollen zersetzt werden, die eigene Heimat dagegen ist durch Propaganda zu höchster Kriegsanstrengung anzuspornen, die Neutralen werden gegen die Mittelmächte beeinflusst. Es geht darum, den Deutschen einzuimpfen, dass sie nicht etwa für ihr Volk und Reich kämpfen, sondern nur für eine Handvoll "preußischer Militaristen". Nicht gegen das deutsche Volk stünden die Alliierten im Krieg, sondern nur gegen den Kaiser. Er allein verhindere den Frieden.
Im neutralen Ausland und in England und Frankreich verbreitet Beaverbrooks Propagandaamt mit Eifer und Leidenschaft phantasievolle Berichte über deutsche Gräueltaten:
"Die Deutschen zerstören sinnlos Ortschaften, vernichten Kulturdenkmäler, ermorden Verwundete, lassen Kriegsgefangene durch planmäßig verbreitete Krankheiten umkommen, deportieren französische Zivilisten, bombardieren offene Städte, torpedieren friedliche Handelsdampfer, haben in Belgien den Kindern die Hände abgehackt, schänden Frauen, verarbeiten die Leichen Gefallener zu Düngemitteln, verwenden Heiligenfiguren als Schrapnellfüllung" - das sind einige der Behauptungen, mit denen das britische Propagandaamt auf seine Weise den Krieg gegen Deutschland führt.

Westfront
Während Hindenburg und Ludendorff mit Nachdruck versuchen, die Versäumnisse von Jahren aufzuholen, während sie die deutschen Soldaten nach neuen Erkenntnissen ausbilden lassen, die Bewaffnung modernisieren, neue Waffen einführen, die Luftwaffe ausbauen, bereiten die Engländer und Franzosen zwischen Arras und Reims einen neuen Großangriff vor. Mit noch gesteigertem Einsatz von Artillerie, Gas und Minen sollen die deutschen Stellungen auf breiter Front durchstoßen werden, schnelle Truppen werden folgen und endlich die deutsche Front in Frankreich zum Einsturz bringen.
Aber die Oberste Heeresleitung hat sich auf diesen Schlag vorbereitet. In wochenlanger Arbeit wurden die rückwärtigen deutschen Stellungen stark ausgebaut. Diese "Siegfriedstellung" kürzt die deutsche Front stark ab und entzieht der geplanten feindlichen Offensive das Angriffsziel. Innerhalb von zwei Tagen lösen sich die Fronttruppen vom Gegner und ziehen sich in die neuen Stellungen zurück. Die feindliche Heeresleitung wird gezwungen, ihren Angriffsplan umzustellen. Am 9. April 1917 greifen die Engländer an. Sie erringen nur einen ersten Überraschungserfolg; dann bleibt der Angriff in deutschen Gegenstößen liegen. An der Aisne und in der Champagne brechen nach ungeheurer Artillerievorbereitung die französischen Sturmtruppen vor. Jetzt bewährt sich erneut die neue bewegliche Kampfesweise der Deutschen. Nur schwach besetzt ist die erste Linie, die so der französischen Artillerie nur geringe Ziele bietet. Rückwärts aber warten in Ruhe die Eingreiftruppen auf den Angriff. Die französischen Divisionen werden mit furchtbaren Verlusten zurückgeschlagen, die Deutschen behaupten auch hier ihre Stellungen.
Meuterei
Das französische Oberkommando hatte die Hoffnungen auf die Offensive sehr hochgeschraubt. Diese Kämpfe, so hatte man den Truppen verkündet, würden der Entscheidungsstoß sein; der Krieg wäre nach dem Erfolg siegreich beendet. Nach dem Fehlschlag aber gerät das französische Heer, dessen Hoffnungen enttäuscht sind, an den Rand des Zusammenbruchs. In 16 französischen Armeekorps kommt es zu Meutereien, ganze Truppenteile werfen die Waffen fort und marschieren ungeordnet nach Paris zurück. Der Zerfall droht. Aber mit harter Hand greift der neuernannte Oberbefehlshaber Pétain durch. Rücksichtslos werden 1627 Meuterer zum Tode verurteilt, die Militärgerichte verhängen Strafen von insgesamt 300.000 Jahren Zuchthaus. Die Revolte wird niedergeschlagen, ohne dass der deutschen Heeresleitung Näheres bekannt geworden ist!!!

Im Februar 1917 wurde das Große Hauptquartier von Pless nach Bad Kreuznach verlegt. In diesen Monaten, in denen die Kriegsentscheidung noch ausgeglichen war, ist das Große Hauptquartier ein europäischer Mittelpunkt geworden. Der Kriegsberichter Anton Fendrich hat eine eindrucksvolle Schilderung überliefert:
"Es gibt keine Feldherrnhügel mehr, auf denen mit wehenden Reiherbüschen an den Helmen unter dem Wiehern der Rosse die Schlachtenlenker den Verlauf des Ringens beobachten. Telephon und drahtlose Telegraphie haben alle Entfernungen vernichtet. Der Weltkrieg, dessen Flammenring ganz Europa umlodert, hat aber auch den neuen Feldherrn geboren. Gewaltige Kabelbündel, die durch eine durchbrochene Mauer in sein Haus gehen, sind seine Befehlsüberbringer nach allen Himmelsrichtungen. Der große Feldherr des Weltkrieges ist zu etwas Zeusartigem emporgewachsen. Er thront nicht in den Wolken, aber er überwacht und überschaut die Fronten aus Weiten, die für das Menschenohr und für das Menschenauge etwas von der Unendlichkeit an sich haben. Von Ostende bis Braila sind es 1900 und von Mitau bis Altkirch 1550 Kilometer Luftlinie. Und inmitten dieses Riesenwalls von Schützengräben sitzt der deutsche Generalfeldmarschall mit dem gewaltigen, wie aus Eichenholz geschnitzten Haupt mit seinem Ersten Generalquartiermeister über den Karten, wiegt die Armeen gegeneinander ab, die eigenen und die feindlichen, misst mit dem Zirkel die Entfernungen aus und sieht da, wo ein anderer nur Linien, Punkte, Kreuze und Schraffierungen entdeckt, im Geiste Ströme fließen, Ebenen sich dehnen, Gebirge sich türmen; er erlebt das Schlachtengebrüll, den Siegesjubel und das Todesstöhnen fast im Augenblick des Geschehens mit und lässt aus dieser Allgegenwärtigkeit heraus die Blitze seiner Befehle überall hinzucken, tut wuchtige Hammerschläge, wo es ihm nötig scheint, wirft ganze Armeekorps aus einer Ecke des Riesenrundes in die entgegengesetzte und sitzt mitten in diesem rasenden Sturm der Bewegungen und in diesem Orkan entfesselter Menschenkräfte selber wie eine Macht gewordene Bewegungslosigkeit voller Ruhe und Befehlsgewalt - in seinem Büro."
Hunderte von Besuchern aus aller Herren Länder versammelten sich im Laufe der Zeit an Hindenburgs Mittagstisch, er selbst erzählt davon in seinen Erinnerungen:
"Nicht nur Notwendigkeiten, Sorgen und Arbeit fanden zu uns den Weg, auch Neugierde suchte Eintritt. Oft lachte ich im Stillen über verlegene Redensarten, mit denen so manches Erscheinen Rechtfertigung finden wollte. Ob das Ergebnis solcher Besuche stets den gehegten Erwartungen entsprach, wage ich nicht in allen Fällen zu bejahen. Im Gegensatz hierzu war mir manch prächtiger Truppenoffizier, der die Merkmale schweren Kampfes und harten Lebens an sich trug, ein hochwillkommener Tischnachbar. Kurze Erzählungen aus dem Kriegsleben sprachen mehr, als lange schriftliche Berichte. Die Wirklichkeit des frühen Selbst erlebten trat mir so oft mit aller Lebendigkeit wieder vor die Seele. Freilich war in diesem furchtbarsten aller Ringen unseren früheren Kriegen gegenüber alles in das Groteske gesteigert. Die stundenlange Schlacht vergangener Zeiten war zu monatelangem Titanenkampf erhoben, menschliches Ertragen schien keine Grenzen zu haben."
Hindenburg fügte hinzu:
"Kein Stand und kein Stamm blieb seitab von uns, und ich glaubte den gemeinsamen Pulsschlag von Heer und Heimat, von unseren Verbündeten und uns selbst oft in meiner nächsten Nähe zu fühlen."
Ein nachdenklicher Besucher stellte damals dem Generalfeldmarschall die Frage:
"Was mögen wohl die innersten Gedanken und Gefühle eines Generalstabschefs sein, wenn er Pläne entwirft und Befehle erteilt, von denen er weiß, dass sie für Tausende den Tod bedeuten, Tausenden von Kindern ihren Vater nehmen, Tausende von Frauen zu Witwen machen und Hunderten von Familien ihre Söhne rauben ?"
Hindenburgs Antwort:
"Es ist der Sieg des Hirns über das Herz, des Verstandes über das Gefühl. Wir schicken Tausende in den Tod, auf dass Zehntausende leben können. Glauben Sie mir, es ist nicht leicht. Wir sind nicht abgestumpft, noch herzlos. Es muss sein, und wir beschwichtigen damit unser Herz. Das Wohl der Gesamtheit steht über dem Wohl des einzelnen, das des Vaterlandes über dem des Individuums... Wir haben den Krieg gewonnen, wenn wir es unseren Feinden unmöglich gemacht haben werden, ihr Ziel zu erreichen ..."