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OberOst

Paul von Hindenburg

Im 1. Weltkrieg

Ober Ost

Abschied von der 8.Armee
Hindenburg, inzwischen zum Generaloberst befördert und mit dem Orden "Pour le Merit" ausgezeichnet, musste sich nun von der 8. Armee trennen. Er übernahm am 17. September 1914 das Kommando über die aus Teilen der 8. Armee und den zwei aus der Westfront abgezogenen Korps nördlich Krakau neu gebildeten 9. Armee. Die ebenfalls von der Westfront abgezogene 8. Kavallerie - Division und das sich bereits vor Ort befindliche Landwehrkorps Woyrsch kamen hinzu. Gleichzeitig behielt er aber die Verfügung über die 8. Armee.

Ober-Ost
So bildete sich allmählich ein Oberkommando Ost, kurz Ober-Ost genannt, dem Hindenburg vorstand. Ein gemeinsames Oberkommando mit der Österreichisch - Ungarischen Armee gab es erst später.
In den kommenden zwei Jahren mussten im deutschen Osten schwere russische Angriffe abgewehrt werden. Es gelang dem russischen Oberbefehlshaber Nikolei Nikoleijewitsch nicht, die Ostfront Deutschlands und Österreich - Ungarns zum wanken zu bringen. Er sah sich wieder einmal in Berlin einmarschieren, als er bereits Anfang November 1914 an den französischen Oberbefehlshaber telegraphierte, dass der Endsieg unmittelbar bevorstehe.

Schlacht bei Lodz
Ostpreußen war zwar Mitte September freigekämpft, aber zur gleichen Zeit mussten die Österreicher in Galizien eine schwere Niederlage hinnehmen.
Lemberg wurde geräumt; und als am 11. September der österreichische Oberkommandierende General Conrad von Hötzendorff den allgemeinen Rückzug seiner Truppen befahl, war die Offensive gescheitert. Zerdrückt von der russischen Übermacht geht das österreichische Heer auf die Karpatenpässe zurück und bildet eine neue Widerstandslinie. Die Verluste der Österreicher waren enorm. 250.000 Mann sind gefallen oder verwundet, 100.000 gefangen genommen. Der österreichischen Armee muss geholfen werden, wenn sie nicht vernichtet werden soll.
So geben Hindenburg und Ludendorff ihre Absicht auf, mit der 8. Armee über den Narew nach Russland hineinzustoßen. Die deutschen Truppen werden umgruppiert. Aus Teilen der 8. Armee und den zwei aus dem Westen geschickten Armeekorps (XI. und Garde-Res. Korps) entsteht die 9. Armee, die nach Schlesien transportiert wird, um von dort aus gegen die russischen Truppenmassen, die sich im Raume Warschau zum Angriff sammeln, vorzustoßen.
Hindenburg weiß, dass die ihm zur Verfügung stehenden Truppen nicht stark genug sind, um die bei Warschau versammelten russischen Armeen zu vernichten. Er weiß aber auch, dass er angreifen muss, um nicht wenig später, wenn die Russen ihren Aufmarsch vollendet haben, erdrückt zu werden. So führt er seine 9. Armee vorsichtig vor.
Der russische Oberbefehlshaber, Großfürst Nikolai Nikolaijewitsch, der die Operationen leitet, setzt seine 60 Divisionen gegen die 14 deutschen zum Umgehungsstoß an. Da nützt vor dieser gewaltigen Übermacht auch der Überraschungsangriff des XVII. Korps unter General von Mackensen nichts, obgleich er die russische Front bis Warschau durchbrechen kann. Da werden auch die Österreicher am rechten Flügel der Deutschen zurückgedrängt. Die 9.Armee ist in Gefahr umgangen zu werden. Am 27. Oktober gibt Hindenburg auf Ludendorffs Vorschlag den Befehl zum Rückzug in Richtung auf Oberschlesien. Die Absetzbewegung ist sorgfältig vorbereitet. Alles kommt darauf an, dass der Russe mit seiner überwältigenden Übermacht nicht zu schnell nachrückt, denn Hindenburg braucht Zeit, um einen kühnen Plan vorzubereiten. So fliegen hinter den zurückgehenden deutschen Truppen die Brücken in die Luft, werden Bahndämme gesprengt und Straßen zerstört. Das Ziel wird erreicht: Die russischen Verfolger sind durch ihre Nachschubschwierigkeiten gezwungen, nur zögernd zu folgen. Am 3. November stellen sie sogar die Verfolgung zunächst ganz ein. Es gelingt, die Armee ohne Verluste an Menschen und Material zurückzuführen.
Hindenburg schreibt hierzu:
"Bei dieser Gelegenheit möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass uns das rechtzeitige Erkennen der uns drohenden Gefahren durch unbegreifliche Unvorsichtigkeit, ja man könnte sagen, durch die Naivität erleichtert wurde, mit welcher der Russe von seinen funkentelegraphischen Verbindungen Gebrauch machte. Durch Mitlesen der feindlichen Funksprüche waren wir vielfach instand gesetzt, nicht nur die Aufstellung, sondern sogar die Absichten auf feindlicher Seite zu erfahren ...... Doch schien unser schließliches Verderben dieses Mal nicht bloß aufgeschoben? Die Gegner jubelten wenigstens in diesem Sinne. Sie hielten uns augenscheinlich für völlig geschlagen. Vielleicht war diese ihre Ansicht unser Glück, denn am 1. November verkündet ein russischer Funkspruch: 'Nachdem man jetzt 120 Werst verfolgt habe, sei es Zeit, die Verfolgung der Kavallerie zu überlassen. Die Infanterie sei ermüdet, der Nachschub schwierig'. Wir können also Atem schöpfen und an neue Pläne herantreten."
Dann beginnt ein schnelles Umgruppieren der Korps. Im Fußmarsch und mit der Eisenbahn rücken starke Teile der 9. Armee in den Raum Hohensalza - Thorn. Sie sollen von dort aus längs der Weichsel in die Flanke der langsam auf das Reichsgebiet vormarschierenden russischen Armeen stoßen und den Plan des Großfürsten Nikolai Nikolaijewitsch durchkreuzen.
Mackensen bricht am 12. November vor, zerschlägt das V. sibirische Korps; bei Kutno werden in zweitägigem harten Ringen die Russen geworfen. Der russische rechte Flügel ist entscheidend geschlagen. Er weicht, zieht sich auf Lodz zurück und wird dort zwischen dem 19. und 22. November von drei Seiten angegriffen. Seine Lage ist fast verzweifelt. Da führt der Großfürst frische Truppen von Warschau her in den Kampf, und nun wendet sich über Nacht das Blatt. Die russischen Truppen umfassen ihrerseits den deutschen linken Flügel bei Brzeziny. Er wird eingeschlossen, jetzt droht den Deutschen ein Tannenberg-Schicksal. Die russische Heeresleitung fordert schon Güterwagen an, um die zu erwartenden 20.000 deutschen Gefangenen abzutransportieren. Aber die Gardetruppen unter General Litzmann und ostdeutsche Freiwillige werfen sich auf die Russen. Bei Borowo hält ein ostdeutsches Freiwilligenbataillon mit wenigen Geschützen einer ganzen sibirischen Division bis zum letzten Mann stand und schafft die Voraussetzung für den Durchbruch. Am nächsten Tag kommt an derselben Stelle ein Batterieführer der Garde-Feldartillerie bis auf wenige hundert Meter an den die Umklammerung haltenden Bahndamm heran und vernichtet die dort zur Verteidigung eingerichteten Russen in direktem Beschuss. Der Kessel wird aufgerissen, die Deutschen erzwingen den Durchbruch! Am 24. November haben sie wieder Verbindung mit ihrem Hauptteil. Sie bringen über 10.000 gefangene Russen mit.
Zwar führte der gewagte Plan Hindenburgs, den sogar ein späterer Publizist, (Walter Görlitz: "Hindenburg", Bonn 1953), noch als "das wohl genialste und strategisch eleganteste Manöver des ganzen Krieges" bezeichnet, nicht zur Vernichtung der russischen Kräfte, weil die zahlenmäßige Überlegenheit der Russen zu überwältigend war. Aber er erreichte, dass die "russische Dampfwalze" zum Stehen gebracht wurde. Schlesien, nach dem Ruhrgebiet das wichtigste Industriezentrum des Deutschen Reiches, war nicht mehr bedroht.

Winterschlacht in Masuren
Nachdem im Westen der Schlieffenplan gescheitert ist, reifen im Stab Ober-Ost Pläne, die Entscheidung im Osten herbeizuführen. Man ist hier fest überzeugt, dass mit genügend starken Truppen Russland, in dem sich Zersetzungserscheinungen zeigen, in die Knie gezwungen werden kann, während die Westfront defensiv bleibt. So wendet er sich, wie schon vor seiner letzten Offensive, an den neuen Generalstabschef Falkenhayn, er schreibt an den Kaiser, unterbreitet ihnen seine Pläne für eine großangelegte Offensive, bittet um Verstärkungen. Hindenburg hält es für sinnlos, dass Falkenhayn in Flandern Kräfte verbraucht, die für den Osten entscheidend sein können.
Der Generalstabschef und der Kaiser lehnen Hindenburgs Vorschläge ab. Ihm wird lediglich eine neue Armee, die 10., unter Generaloberst von Eichhorn zur Verfügung gestellt. Jetzt befehligt Hindenburg drei Armeen und die Abteilung Gallwitz, die aus Festungsbesatzungen und aus Landsturm gebildet worden war.

Diese Verstärkung der deutschen Truppen im Osten, wenn sie auch für einen entscheidenden Schlag nicht ausreichen, war dringend erforderlich geworden, denn die Russen rüsten sich erneut zu einem die ganze Front umfassenden gewaltigen Angriff, der die deutsch-österreichische Verteidigungslinie endgültig zerbrechen soll.
Ludendorff schilderte die Absichten der Russen so:
"Die Entente wollte 1915 noch durch Russland den Krieg gewinnen. Während der Großfürst mit ganzer Kraft in den Karpaten anzugreifen beabsichtigte, sollten nach seinem sogenannten ‚gigantischen Plan' starke russische Kräfte zwischen dem Njemen und der Chaussee Gumbinnen - Insterburg gegen den nur schwachen nördlichen Flügel der 8. Armee eingesetzt werden, ihn eindrücken, die Armee umfassen und gegen die Weichsel werfen. Andere Truppen, namentlich starke Kavalleriemassen, hatten zwischen Mlawa und der Weichsel unsere dort stehenden schwachen Truppen zu schlagen und in Westpreußen einzufallen. Die preußischen Landstriche östlich der Weichsel sollten erobert, die dort befindlichen deutschen Truppen vernichtet werden."

Einem solchen gewaltigen Ansturm würde die schwache deutsche Front nicht standhalten. So gilt es, die russischen Pläne zu durchkreuzen. Der Stab des Ober-Ost arbeitet Pläne aus, nach denen zwei deutsche Armeen (8. + 10.) von Ostpreußen aus den gegenüberliegenden russischen Flügel, die 10. Armee, einkesseln und vernichten sollen. Dieser Schlag muss überraschend erfolgen. Um die Russen zu täuschen, bekommt die 9. deutsche Armee Befehl, die in Polen stehenden russischen Kräfte anzugreifen. Die Täuschung scheint zu gelingen. Aus aufgefangenen Befehlen geht hervor, dass die Russen wirklich an eine ernste Offensive in diesem Raum glauben.
Inzwischen versammeln sich in Ostpreußen die 8. und 10. deutsche Armee. Nachdem Hindenburg nach der Schlacht an den masurischen Seen im Herbst 1914 seine Truppen nach Polen werfen musste, war Ostpreußen nur von schwachen deutschen Kräften verteidigt worden. Sie konnten nicht verhindern, dass die Russen deutsches Gebiet östlich der Masurischen Seen erneut besetzten. Im Norden und Süden der Provinz sollen jetzt die Truppen die feindlichen Stellungen umfassen, die 10. russische Armee einschließen und vernichten. Bei -20° C und dichtem Schneetreiben tritt General Litzmann am 7. Februar 1915 am Südflügel zum Angriff an. Einen Tag später stürmen die übrigen Verbände. Die Winterschlacht in Masuren beginnt.

Ludendorff schilderte den Angriff:
"Was von Mann und Pferd in diesen Tagen geleistet wurde, ist unbeschreiblich und eine Ruhmestat für alle Zeiten. Mühsam arbeiteten sich die Anfänge der Marschkolonnen durch die Schneeverwehungen. Fahrzeuge blieben stecken, die Kolonnen stockten, sie wurden immer länger. Die Infanterie schob sich an Fahrzeugen und Geschützen vorbei und suchte nach vorn wieder Anschluss zu gewinnen. Geschütze und Munitionswagen wurden mit 10 bis 12 Pferden bespannt. So bedeckten allmählich die Marschstraßen lang hingezogene Heeressäulen mit vorwärts strebender Infanterie, dazwischen nur wenige Geschütze mit noch weniger Munition. Für die Nacht oder im Kampfe schlossen die Kolonnen wieder etwas auf. Nach wenigen Tagen schlug das Wetter um, die Wege wurden grundlos, auf dem noch gefrorenen Boden außerhalb der Wege stand das Wasser an tiefen Stellen oder auf den Sümpfen. Es war ein Glück, dass wir durch die weite Umfassung in den feindlichen Trainkolonnen Nahrungsmittel erbeuteten, sonst hätte die ganze Bewegung wegen Verpflegungsmangel eingestellt werden müssen.
Für die Generalkommandos und die untere Führung entstanden ganz außerordentliche Schwierigkeiten. Es dauerte bei Zusammenstößen mit dem Feinde lange, ehe gefechtsfähige Verbände zur Stelle waren. Befehle waren nicht durchzubringen, Leitungen zerrissen im Sturm, Meldungen kamen nicht an. Und trotzdem wurde das Höchste geleistet."

Auch im Hauptquartier blieben Krisen nicht aus. Aus den eingehenden Meldungen kam der Stab Ober-Ost zu der Ansicht, es sei unmöglich, angesichts der eisigen Schneestürme und der gewaltigen Schneeverwehungen die noch 40 Kilometer breite Lücke im Einschließungsring zu schließen. Ludendorff wirft den Zirkel auf den Kartentisch und sagt: "Herr Feldmarschall, wir haben großes Unglück. Diese großangelegte Bewegung geht ins Auge. 40 Kilometer sind offen, die Russen marschieren raus."
Es ist bereits Abend. Hindenburg bleibt ruhig und meint tröstend, Gott habe ihnen mehr Glück gegeben, als sie verdienten, es sei nicht anzunehmen, dass das aufhöre. Wer laufe, laufe schneller als der Verfolger, 80.000 Mann säßen schon drin, den Rest werde man bei Augustowo greifen. Alles übrige habe Zeit bis morgen, er gehe zu Bett, gäbe es Wichtiges, könne man ihn ja wecken. "Gute Nacht, meine Herren!" Ludendorff sieht ihm nach, sein Monokel einklemmend, und bemerkt: "Und wissen Sie, was das Tollste an der Geschichte ist, meine Herren? Jetzt schläft der Mann wirklich bis morgen früh! Das sind Nerven!"

Hindenburg behält mit seiner Gelassenheit wieder einmal recht: Am 18. Februar 1915 wird bei Lipsk, also auf russischem Boden, der Kessel geschlossen. 110.000 Russen ergeben sich, unter ihnen ein Korpsführer und drei Divisionskommandeure. Die Beute ist unübersehbar. Eine russische Armee ist nahezu vollständig vernichtet. Die deutsche Verteidigungslinie verläuft jetzt auf russischem Boden, die Gefahr für Ostpreußen, aber auch für Wien und den Donauraum, ist auf lange Sicht beseitigt, und zwar wiederum durch erfolgreichen Kampf einer entschlossenen, kühn geführten Minderheit gegen eine erdrückend erscheinende Übermacht.

1915
Der Stab Ober-Ost erwägt einen neuen Anlauf, um die Entscheidung des Krieges im Osten herbeizuführen. Aus Ostpreußen sollen starke Kräfte hervorstoßen, in Galizien ein südlicher Angriffskeil vordringen, in einer weit ausholenden Zangenbewegung die russischen Armeen einkesseln und vernichten.
Aber dazu reichen die schwachen Kräfte, die jetzt an der Ostfront stehen, nicht aus. Hindenburg wendet sich erneut an Falkenhayn und bittet um Verstärkung. Er beschwört ihn, die Entscheidung im Osten jetzt herbeizuführen. Der österreichische Generalstabschef Conrad von Hötzendorf unterstützt den Plan.
Falkenhayn lehnt ab. Er hat sich darin verbissen, im Westen doch noch die Initiative zurückzugewinnen; außerdem macht ihm die Gesamtlage Sorge. Am 23. Mai 1915 hat Italien, das unter dem Druck der englisch - französischen Seeherrschaft im Mittelmeer steht, Österreich den Krieg erklärt. Nur eine dünne Verteidigungslinie von Tiroler Standschützen hält zunächst den anstürmenden Italienern stand. Auf Gaulpoli sind die Engländer gelandet, um die gemeinsam mit Deutschland und Österreich tapfer kämpfenden Türken von der Landseite anzugreifen und über Konstantinopel die Verbindung zu Russland herzustellen. Um deutsche Unterstützung in die Türkei gelangen zu lassen, wird es notwendig sein, Serbien zu erobern. So schreckt Falkenhayn vor dem Wagnis, im Osten zum großen, vielleicht entscheidenden Schlag auszuholen, erneut zurück.
Nur um wenigstens die Handlungsfreiheit gegen die russische Übermacht zu behalten, stößt im Mai die 9. deutsche Armee unter General von Mackensen zwischen den Karpathen und der Weichsel vor, durchbricht die russischen Linien und bringt den Heeren des Zaren bei Tarnow - Gorlice eine Niederlage bei.
Wieder drängen Hindenburg und Ludendorff die Oberste Heeresleitung, die Zustimmung zu einem großangelegten Angriff auf dem Nordflügel der Ostfront in Richtung auf Kowno zu geben, um so die russischen Heere in die Zange zu nehmen. Wieder lehnt Falkenhayn ab. Er ist mit dem Kaiser einer Meinung: nur kleine Operationen mit begrenzten Zielen sollen durchgeführt werden. Hindenburg und Ludendorff sind überzeugt, dass der Kaiser falsch beraten wird, aber sie sind Soldaten und gehorchen, wenn auch voll Zorn.

Nach dem Kriege erfuhr man, dass zu diesem Zeitpunkt die russische Armee wirklich bereits der Auflösung nahe war. Zu hoch waren ihre Verluste an Menschen und Material gewesen. Ein kraftvoll geführter Stoß hätte die russische Front mit hoher Wahrscheinlichkeit zusammenbrechen lassen. So mussten Hindenburg und Ludendorff versuchen, mit ihren geringen Kräften und am Zügel, den ihnen die Oberste Heeresleitung angelegt hatte, das Bestmögliche zu erreichen. Kowno, Wilna und Warschau wurden erobert, die deutschen Truppen besetzten Kurland, Litauen, Ostpolen, aber zu Vernichtungsschlachten kam es nicht mehr. Die Russen wurden lediglich weiter zurückgedrängt. Wie bereits im Westen, so erstarrte jetzt auch im Osten die Front.

Verhältnismäßig ruhig ging das Jahr 1915 im Hauptquartier Ober-Ost zu Ende, doch befriedigend waren die Erfolge für Hindenburg nicht gewesen. Zwar war das russische Heer schwer angeschlagen, aber zu einer vernichtenden Operation hatten die deutschen Kräfte nicht ausgereicht; Hindenburgs und Ludendorffs Pläne und Vorschläge waren ungehört verhallt.
Der Feldmarschall glaubte nicht den Stimmen, die meinten, die russischen Verluste an Menschen und Material seien so schwer gewesen, dass die Ostfront lange Zeit Ruhe haben würde. Mit einiger Sorge betrachtete er das Stärkeverhältnis. Die deutschen Osttruppen hatten sogar noch Kräfte an den Westen abgeben müssen - vor allem schwere Artillerie , weil Falkenhayn zum Sturm auf die französische Festung Verdun ansetzte. Jetzt musste man im Osten damit rechnen, dass dem Abschnitt einer deutschen Division (sie bestand aus 9 Bataillonen) zwei bis drei russische Divisionen mit 32 bis 48 Bataillonen gegenüberlagen. Immer wieder trafen Meldungen ein über starke Truppenbewegungen hinter der russischen Front, aber man ahnte auf deutscher Seite doch nicht, dass die Russen im Gebiet des Narocz-Sees 370 Bataillone bereitgestellt hatten, die gegen nur 70 deutsche Bataillone vorstürmen sollten.
Hindenburg schreibt hierzu:
"Am 18.März 1916 bricht der russische Angriff los. Nach einer artilleristischen Vorbereitung, wie sie die Ostfront in gleicher Stärke noch nie zu durchleben hatte, stürmen die feindlichen Massen gleich einer ununterbrochenen Sturzflut auf die dünn besetzten deutschen Stellungen. Doch vergeblich treiben russische Batterien und Maschinengewehre die eigene Infanterie gegen die deutschen Linien; umsonst mähen zurückgehaltene feindliche Truppen die eigenen vordersten Linien nieder, wenn diese zu weichen und dem Verderben durch das deutsche Feuer zu entgehen versuchen. Förmlich in Hügeln häufen sich die russischen Gefallenen vor der Front. Die Anstrengungen für die Verteidiger sind freilich in das Ungeheure gesteigert. Beginnendes Tauwetter füllt die Schützengräben mit Schneewasser, verwandelt die bisher deckenden Brustwehren in zerfließenden Erdbrei und macht aus dem ganzen Kampffeld einen grundlosen Morast. Bis zur teilweisen Bewegungsunfähigkeit schwellen den Grabenbesatzungen die Gliedmaßen in den eisigen Wassern an. Allein es bleibt genug Lebenskraft und Kampfeswille in diesen Körpern, um die feindlichen Anstürme immer wieder zu brechen. So bringt der Russe auch diesmal alle Opfer vergebens, und vom 25. März ab können wir siegessicher auf unsere tapferen Soldaten am Narocz-See blicken."
Immer noch haben Hindenburg und Ludendorff die Hoffnung, von der Obersten Heeresleitung ausreichende Verstärkungen zu erhalten, um an der Ostfront zum entscheidenden Schlag anzutreten. Als aber statt dessen immer mehr deutsche Verbände vom Osten nach Westen abgezogen werden, müssen alle diese Absichten aufgegeben werden.
Falkenhayn will Frankreich in einer Zermürbungsschlacht sich ausbluten lassen, ein Gedanke, der ebenso weit entfernt ist von den Grundsätzen des alten deutschen Generalstabes, wie von den Gedankengängen Hindenburgs und Ludendorffs. Verdun, die starke französische Festung an der Maas, ein strategisch beherrschender Punkt, den Schlieffen umgehen und umfassen wollte, wird das Ziel des verbissenen deutschen Angriffs, der unter Aufbietung von einer bisher nicht gesehenen Artillerie-Ballung am 21.Februar 1916 beginnt. Diese Schlacht wird eine der furchtbarsten der beiden Weltkriege. Zwar gelingt es der deutschen Infanterie, im ersten Ansturm das starke Fort Douaumont zu erobern, aber dann bleiben die Truppen im Feuer der französischen Geschütze liegen. Der französische Oberbefehlshaber Marschall Joffre wirft Division auf Division in die Schlacht, Falkenhayn führt immer neue Einheiten ins Feuer. Zusammengeschlagen und ausgeblutet kehren sowohl auf französischer als auch auf deutscher Seite die Trümmer der Bataillone aus der Hölle von Verdun zurück. Neue Regimenter rücken in das Trichterfeld demselben Schicksal entgegen. Und immer wieder versuchen die Feldgrauen, gegen die französischen Stellungen anzurennen, und immer wieder wehren sich verbissen und tapfer die Franzosen unter ihrem General Pétain, immer wieder pflügt das Trommelfeuer die gequälte Erde um. Unvorstellbar hoch sind die Verluste auf beiden Seiten. Die Toten können nicht begraben, die Verwundeten nicht zurückgebracht werden. In den Trichterfeldern von Verdun verbluten nicht nur, wie Falkenhayn es beabsichtigt hatte, die französischen Divisionen, sondern ebenso die deutschen. So wendet sich die Zermürbungsschlacht gegen Deutschland selbst.
Während die Blüte der deutschen und französischen Jugend vor Verdun zermahlen wird, durchbrechen die Russen im Süden der Ostfront unter General Brussilow in einem neuen gewaltigen Ansturm die österreichisch - ungarische Front. Große Teile der Bukowina und Galiziens werden von ihnen erobert. Im österreichischen Heer zeigen sich Anzeichen der Auflösung. Ganze Regimenter laufen geschlossen zu den Russen über. Nur die Südarmee unter General Graf Bothmer bildet noch eine starke Säule inmitten dieser Brandung. In wochenlangen Kämpfen verlieren die Österreicher über eine halbe Million Soldaten.
Gleichzeitig treten die Italiener zum Angriff an. Und am 24. Juni beginnen im Westen 3000 englische und französische Geschütze auf die deutschen Stellungen beiderseits der Somme zu trommeln; nach siebentägigem Feuer treten 14 englische und 5 französische Divisionen zum Sturm auf die 7 deutschen Divisionen an, die diesen Abschnitt verteidigen. Auf breiter Front droht auch hier der Durchbruch. Aber die zusammengeschmolzenen deutschen Regimenter werfen sich mit dem Mut der Verzweiflung den Engländern und Franzosen entgegen. Wohl werden sie etwa 2,5 Kilometer zurückgedrängt, aber die deutsche Front hält. Erneut stoßen die Alliierten vor. Die Sommeschlacht gilt als eine der furchtbarsten Materialschlachten des letzten Jahrhunderts.
Weitere Schläge treffen die Mittelmächte. Rumänien erklärt den Krieg, die französisch-englische Orientarmee beginnt vor Saloniki den Angriff auf Bulgarien, die Türkei meldet Rückschläge im Kaukasus, in Mesopotamien und an der Palästinafront.
Die Waage des Krieges beginnt sich gegen Deutschland zu senken. Es rächt sich furchtbar, dass die Entscheidung nicht rechtzeitig dort gesucht worden ist, wo sie hätte erkämpft werden können. Tannenberg war ein Signal. Als man den Feldmarschall endlich an den Platz ruft, an dem ihn Waldersee und der alte Moltke schon 1887 gesehen haben, ist es zu neuer Entscheidung bereits zu spät.