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Nach der Schlacht bei Tannenberg

Paul von Hindenburg

Im 1. Weltkrieg

Reaktivierung
Knapp drei Wochen waren seit dem Kriegsausbruch vergangen. Der pensionierte General der Infanterie von Hindenburg hatte schon in den letzten Julitagen seinen Sommer-Aufenthalt bei seiner auf einem pommerschen Gut verheirateten Tochter abgebrochen und war nach Hannover zurückgekehrt. Er hatte zwar in diesem Frühjahr keine Mobilmachungseinteilung mehr erhalten, aber er wollte erreichbar sein. Doch niemand rief ihn. Sein Sohn, zwei Schwiegersöhne standen als Offiziere im Westen längst im Kampf; Hindenburg aber ging verbittert im Eilenrieder Stadtwald spazieren.
Schließlich richtete er am 12. August an den damaligen Generalquartiermeister in der Obersten Heeresleitung, den späteren Kriegsminister von Stein, mit dem er aus früheren Jahren befreundet war, einen persönlichen Brief
Seinem alten Regiment hatte Hindenburg schon am 3. August einen wehmütigen Gruß gesandt:
"Ich kann es nicht unterlassen, dem Regiment, welches ich einst befehligen durfte, vor dem Ausmarsch zu sagen, dass meine treuesten Wünsche es geleiten."
Noch am Samstag, den 22. August, macht General Hindenburg Einkäufe in der Stadt. Als ihm ein Geschäftsinhaber anbietet, das Päckchen in die Wohnung Seiner Exzellenz bringen zu lassen, erhält er die bittere Antwort: "Geben Sie ruhig her, ich habe ja nichts zu tun. Man braucht mich nicht."
Es folgt zu Hause ein einsilbiges Mittagessen, nach Tisch Lektüre und ein Schläfchen im Lehnsessel. Gegen 15:00 Uhr sitzt das Ehepaar wie gewohnt beim Kaffee. Es läutet. Frau von Hindenburg verlässt das Zimmer um nachzusehen. Sie kommt zurück mit einem Telegramm, das durch einen roten Streifen als Staatstelegramm gekennzeichnet ist. Das Hauptquartier in Koblenz fragt an, ob der General "zur sofortigen Verwendung bereit" sei. Die Antwort kann dem Telegrammboten gleich wieder mitgegeben werden. Es sind nur zwei Worte: "Bin bereit."
Noch zweimal an diesem Nachmittag bringt daraufhin die Post Staatstelegramme in die Wedekindstraße 15. Zuerst teilt Generalmajor Ludendorff etwas mysteriös mit, er werde am folgenden Morgen zwischen drei und vier Uhr mit einem Sonderzug im Hauptbahnhof Hannover eintreffen. Schließlich klären sich die Fragezeichen, abends um 19:30 Uhr trifft ein drittes Telegramm ein. Es bringt die Ernennung zum Oberbefehlshaber der 8. Armee in Ostpreußen.

Was war geschehen?
In seiner Besorgnis, durch die Samsonov-Armee abgeschnitten zu werden, hatte der Oberbefehlshaber der 8. Armee in Ostpreußen, General von Prittwitz, (er war einst Divisionskommandeur im IV.Armeekorps unter Hindenburg gewesen, mit ihm sogar entfernt verwandt) am Abend des 20. August mit dem Hauptquartier telefonisch gesprochen und den Generalstabschef Moltke (der Jüngere) von seiner Absicht verständigt, einen sofortigen Rückzug hinter die Weichsel anzuordnen und damit ganz Ostpreußen den Russen zu überlassen. Nachdem er dieses Gespräch beendet hatte, ließ sich von Prittwitz von seinem Stabsoffizieren wieder etwas aufrichten und es kam zunächst nur zu einem teilweisen Rückzugsbefehl.
Das freilich wusste man bei der Obersten Heeresleitung (OHL) in Koblenz nicht, als dort die Mitteilungen des Generals dem Kaiser vorgetragen wurden. Im Hauptquartier hatte man aus dem Telefongespräch den Eindruck gewonnen, dass Prittwitz die Nerven verloren habe und seiner Aufgabe nicht mehr gewachsen sei. Während Moltke zunächst nur eine allgemeine Gegenweisung nach Marienburg geben wollte, verständigte man sich auf einen sofortigen Kommandowechsel mit dem Auftrag an das neue Oberkommando, die Samsonow-Armee zum Kampf zu stellen.
Nach dieser Entscheidung herrschte bald Klarheit darüber, wer der Stabschef des neuen Oberkommandos werden sollte. Es musste ein ebenso begabter Generalstäbler wie entschlossener Offizier sein. Der "Held von Lüttich", General Erich Ludendorff, erfüllte beide Voraussetzungen.
Bereits am 21. August wurden die Veränderungen in die Wege geleitet. Generalquartiermeister von Stein sandte einen Brief per Bote an Ludendorff, der diesen am 22. früh im Hauptquartier der 2. Armee erreichte. Der Generalmajor ließ sich gleich mit dem Kraftwagen des Boten nach Koblenz fahren; dort traf er gegen Abend ein und wurde über die Lage in Ostpreußen unterrichtet.
Die große offene Frage war: Wer sollte anstelle von Prittwitz den Oberfehl über die 8. Armee übernehmen? Es war eine ruhige überlegene Persönlichkeit nötig. Stein erinnerte sich der Zeilen Hindenburgs und schlug ihn vor. Der Kaiser stimmte zu, und das erste Telegramm konnte abgehen, denn zunächst musste man wissen, ob der alte General auch wirklich sofort greifbar sein würde. Die Ereignisse drängten. Die Umschaltung von "Rückzug" auf "Schlacht" musste sofort erfolgen, wenn in Ostpreußen nicht völlige Verwirrung eintreten sollte.

Abschied
Unterdessen wurden in Hannover die Fähigkeiten auch einer Kummer gewohnten preußischen Offiziersgattin überfordert. Zwischen 8 Uhr abends und 3 Uhr morgens ließ sich ein kommandierender General nicht "feldmarschmäßig" ausrüsten. Zwei Uniformröcke hingen zwar im Schrank, aber es waren blaue Friedensuniformen, nicht die grauen, die seit Kriegsausbruch getragen wurden. Und nur eine schwarze Hose war verfügbar. Seit langem waren die Stücke nicht mehr getragen und Hindenburg war im bequemen Ruhestand etwas rundlicher geworden. Immerhin, das unmöglich erscheinende wurde möglich gemacht.
Eine einsame Droschke rollte in ganz früher Morgenstunde des 23.August 1914 durch die menschenleeren Straßen Hannovers zum Hauptbahnhof. Nur von seiner Frau begleitet wartet der 67-jährige General auf dem dunklen Bahnsteig auf das Eintreffen des angekündigten Sonderzuges, mit dem General Ludendorff nach nur dreistündigem Aufenthalt im Hauptquartier um 21:00 Uhr abends in Koblenz abgefahren war.
Hindenburg und seine Frau stehen noch nicht lange auf dem Bahnsteig, als eine qualmende D-Zug-Lokomotive in die große Halle dampft, nur zwei Wagen sind angehängt. Der Sonderzug hält. Die Tür öffnet sich, eine drahtige Offiziersgestalt steigt mit frischem Schritt heraus. General Ludendorff, den ihm vor wenigen Stunden vom Kaiser persönlich übergebene "Pour le Merite" am Hals, meldet sich bei seinem neuen Vorgesetzten: "Generalmajor Ludendorff, als Chef des Stabes zu Eurer Exzellenz befohlen." Knappe Verbeugung zu Frau von Hindenburg, kurzer Abschied. Der Sonderzug rollt wieder hinaus in die Nacht, nimmt Fahrt auf, dem Osten zu, an Berlin vorbei. Am frühen Nachmittag wird er am Ziel sein. General Ludendorff trägt vor, was sich in den letzten Tagen ereignet hat. Hindenburg weiß nicht mehr, als in den Zeitungen über die Kämpfe in Ostpreußen gestanden hat. Aber es ist ihm schon seit dem Telegramm vom letzten Abend klar gewesen, dass eine furchtbare Verantwortung vor ihm liegt. Wenn der Kampf scheitert, den er führen soll, wird es fast keinen deutschen Soldaten zwischen den vordringenden Russen und dem Herzen Deutschlands geben, denn alle anderen Kräfte kämpfen im Westen! Ludendorff berichtet von den ersten Gegenbefehlen, die noch von Koblenz aus an das Armee-Oberkommando erteilt worden sind. Während draußen die Landschaft vorüber rast und die erste Morgendämmerung im Osten heraufzieht, falten die beiden schließlich die Karten zusammen und ziehen sich zum Schlaf zurück.

Ankunft
Gegen drei Uhr nachmittags rollt die Lokomotive mit den beiden D-Zugwagen über die Nogatbrücke bei Marienburg. Hindenburg und Ludendorff stehen am Fenster und blicken hinüber auf die großartige Silhouette der alten Ordensburg von der aus einst der Deutsche Ritterorden das ganze Baltikum regiert hat. In furchtbarem Widerspruch zu dieser historischen Erinnerung steht das Bild, das unmittelbar vor Augen liegt: Die Straßenbrücke über die Nogat ist dicht gedrängt von Bauernwagen, Tausende von Flüchtlingen stauen sich hier, sie hoffen den feindlichen Heeren entrinnen zu können. Wenn der deutsche Soldat drüben nicht hielte, würden sie verloren sein.

Kommandoübernahme
Am selben Tag übernahm General der Infanterie Paul von Hindenburg das Kommando über die 8. Armee mit General Ludendorff als Chef des Stabes. Die nun folgende "Schlacht bei Tannenberg" wird in den vorherigen Seiten zur Genüge beschrieben.
Nach dieser Schlacht folgte die "Schlacht in Masuren" (04. - 15. September 1914), bei der die 1. russische Armee (General Pavel von Rennenkampf) unter starken Verlusten zum Rückzug über die Grenze gezwungen wurde. Es wurden 45.000 Gefangene gemacht. 150 Geschütze wurden erbeutet.
Ostpreußen war wieder frei. Die geflüchtete Landbevölkerung kehrte wieder in ihre Heimat zurück. 100.000 Familien haben ihren gesamten Besitz verloren. 36.000 Gebäude waren durch die Kriegshandlungen zerstört worden. 1.600 Zivilisten kamen zu Tode. 10.000 wurden nach Russland verschleppt.