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Großvater Karl

Die Schlacht bei Tannenberg 1914

Feldherren

General der Infanterie
Hermann von François

(31. Jan. 1856 - 15. Mai 1933)
Frei nach Alexander Solschenizyn: "August Vierzehn"

Beim Militär hat ein überdurchschnittlich begabter Offizier zuweilen ein qualvolles Dasein, denn einerseits folgt die Armee einem herausragenden Talent und lässt sich von ihm mitreißen, vorausgesetzt er hält den Marschallsstab in der Hand. Andererseits, wenn er erst danach greift, schlägt man ihm auf die Finger.
Das Fundament der Armee ist die Disziplin. Sie ist gegen das aufstrebende Talent. Alle seine neuen Ideen und Änderungsvorschläge müssen korrigiert, abgestimmt und eingeordnet werden. Für seine Vorgesetzten ist es unerträglich, solch einen eigenwilligen Untergebenen zu haben. Deshalb ist es schwerer für ihn aufzusteigen. Er wird eher langsamer aufsteigen als der Durchschnitt.
Als bester Beweis hierfür dient die Tatsache, dass François im Jahre 1903 als Chef des Stabes zum I. Armeekorps nach Königsberg in Ostpreußen kam. Es dauerte ganze zehn Jahre, bis er, mit fast schon 58 Jahren, zum Kommandierenden General dieses Korps ernannt wurde.

Im gleichen Jahr noch glaubte François durch übereifriges Gehabe auf sich aufmerksam machen zu müssen. Als nämlich der Generalstabschef der Obersten Heeresleitung, Graf von Schlieffen, hier mit dem Stab ein Kriegsspiel durchführte. François wurde zum Kommandeur einer der „russischen" Armeen bestimmt. An ihm demonstrierte Schlieffen seinen Zangenangriff.
Im Manöverbericht stand folgende Eintragung: „Angesichts der drohenden Rücken- und Flankenumfassung legte die russische Armee die Waffen nieder.“ François entgegnete hochmütig: „Exzellenz! Solange ich die Armee kommandiere, wird sie die Waffen nicht niederlegen!“ Von Schlieffen lächelte und fügte einen Nachtrag hinzu: „Als er die ausweglose Lage seiner Armee erkannte, suchte der Oberbefehlshaber den Tod in der vordersten Linie – und fand ihn.“ Was im wirklichen Krieg eigentlich nicht vorkommt.
Bei General Hermann von François könnte man dies nicht mit letzter Sicherheit behaupten, wenn er eine Schmach erlitt. Das Hugenottengeschlecht der François betrachtete das Land, in welchem es Zuflucht gefunden hatte, nicht als zufälliges Asyl. Es war gewohnt nur ein Vaterland zu kennen und nur ihm zu dienen. Der Urgroßvater François wurde in Deutschland zu einer Zeit geadelt, als der Adel in Frankreich noch nicht befürchten musste, seinen Kopf unter der Guillotine zu verlieren. Der Vater François, ebenfalls General, 1870 auf dem Schlachtfeld der Spicherer Höhen tödlich verwundet, rief aus: „Ich bin glücklich, in einem solchen Augenblick zu sterben, ich glaube, Deutschland siegt!“

Als von François 1913 das Kommando des I. Armeekorps in Königsberg / Ostpreußen übernahm, galt für die dort im Kriegsfall zu bildende 8. Armee, sich defensiv zu verhalten: Vor einem überlegenen Gegner hinhaltend kämpfen. Aber für François war der Plan des verstorbenen Schlieffen missverstanden. Die im Allgemeinen defensive Haltung an der Ostfront, bis die deutschen Truppen im Westen frei wurden, musste nach seiner Ansicht durchaus nicht für jeden Abschnitt als Rückzugstaktik ausgelegt werden. Indem von François den deutschen und den russischen Charakter verglich, fand er, dass Angriff und rasches Tempo dem Geist des deutschen Soldaten und seiner militärischen Erziehung entsprechen, während der russische Charakter durch andere Eigenschaften sich auszeichnet: Abneigung gegen jede methodische Arbeit, mangelndes Pflichtgefühl, Scheu vor Verantwortung, völlige Unfähigkeit Zeit abzuschätzen und intensiv auszunutzen. Daraus ergaben sich für ihn die Eigenschaften der russischen Generale: Trägheit, Neigung zum schematischem Handeln, zu Ruhe und Bequemlichkeit. Deshalb war François zur offensiven Verteidigung Preußens entschlossen: Anzugreifen, sobald die Russen sich zeigten.

Als der Große Krieg begann hatte François die Absicht, das rasche Tempo der deutschen Mobilmachung auszunutzen und mit seinem Korps, sobald es gefechtsbereit war, die russische Grenze zu überschreiten und die sich langsam sammelnden Truppen Rennenkampfs anzugreifen. Aber gerade hier stellte sich heraus, dass selbst eine deutsche Armee ein übermäßig dynamisches Talent nicht akzeptieren und nicht anerkennen kann. Der Armee-Oberbefehlshaber Generaloberst Maximilian von Prittwitz verwarf den Plan von François: "Man muss sich damit abfinden und einen Teil dieser Provinz opfern." Von François sah das nicht ein: Er lieferte eigenmächtig den Russen ein Gefecht bei Stallupönen, dessen Verlauf er für erfolgreich hielt, aber auf dem Höhepunkt des Kampfes kam ein Automobil und überbrachte den Befehl von Prittwitz: "Das Gefecht sofort abbrechen und auf Gumbinnen zurückgehen."
Die Armee mochte ihre Pläne haben, der Korpskommandeur hatte seine eigenen! Von François antwortete dem Kurier laut, vor seinen Offizieren: "Melden Sie dem Herrn General von Prittwitz: General von François wird das Gefecht dann abbrechen, wenn die Russen geschlagen sind!"
Sie wurden nicht geschlagen, und der eigene Stabschef verriet ihn beim Armeestab. Am Abend gab François Erklärungen ab, Prittwitz machte der Obersten Heeresleitung persönlich Meldung über François' Insubordination, von François meldete ebenfalls der Obersten Heeresleitung persönlich, dass er mit diesem Stabschef nicht weiter Krieg führen könne! Das war ein riskantes Spiel, denn die Oberste Heeresleitung hatte allen Grund, in Zorn zu geraten und von François, den sie ohnehin wegen zahlreicher Beschwerden für eine "allzu selbständige Natur" hielt, abzusetzen - aber einen missgünstigen Stabschef kann ein hervorragender Feldherr nicht ertragen!

Er hielt es für wesentlich, jeden Schritt und jeden Konflikt unverzüglich für die Geschichte und die Nachkommen zu erläutern, das würde kaum jemand anderes für ihn tun, er musste schon selbst dafür sorgen. Und so achtete von François, der flexibel und mit Geschmack Krieg führte, trotz seines Alters wendig und schlank war, selbst zum Beobachten auf Kirchtürme stieg, das Ausladen von Munition auch unter Kartätschenfeuer beaufsichtigte (vielleicht wäre man auch ohne ihn damit fertig geworden), der in seinem Automobil an jeden Kampfplatz eilte, damit Lage und Befehl sich nicht widersprachen, der in manchen Nächten nur zwei Stunden schlief und am Tage oft mit einer hastig heruntergestürzten Tasse Kakao auskam (für die Memoiren: zuweilen gab es auch Beefsteak) - von François achtete streng darauf, dass jede seiner Entscheidungen dreifach fixiert und expliziert wurde: Ein Befehl nach unten, eine Meldung nach oben, und eine detaillierte Darstellung für das Militärarchiv (und wenn er am Leben bleiben sollte - für das eigene Buch), die nicht nur die Taten, sondern auch die Absichten enthielt, die der General nicht immer verwirklichen konnte. Bis zum Beginn der Kampfhandlungen schrieb er diese Darstellung selbst, und als die Kämpfe einsetzten, ließ er ständig in einem seiner Automobile als Sonderadjutant seinen Sohn mitfahren, einen Leutnant, der das Tagebuch des Generals führte, in dem er alle seine Überlegungen an Ort und Stelle unverzüglich notierte. Er musste auch die Linie, der er in seinem Verhalten folgte, selbst formulieren, keiner könnte das in einem besseren Stil als er: Sollte man einfach Befehle ausführen, was das Leichteste ist? Oder sollte man das Verantwortungsgefühl des eigenen Inneren über prompte Subordination stellen, die Angst vor dem Missgriff überwinden und sich dem Instinkt für Erfolg überlassen, trotz aller Ermahnungen derer, die furchtsamen Geistes sind?
Während der Schlacht bei Gumbinnen kam es von neuem zu Differenzen mit Prittwitz. François hielt dieses Gefecht von den ersten Stunden an für einen bedeutenden Sieg (er meldete das Prittwitz, dieser dem Hauptquartier), griff Rennenkampf mit Entschiedenheit von der Flanke an, machte viele Gefangene, gab am Abend den Befehl, den Angriff am nächsten Morgen fortzusetzen - und bekam vom Armee-Oberkommando den Befehl, nachts lautlos den Rückzug anzutreten, sogar bis hinter die Weichsel.
Ein unerträglicher Vorfall: Auf einen Schlag alles durch das eigene Talent heute Erreichte zu verlieren und auf den morgigen Sieg, den man mit der Nase wittert, verzichten zu müssen, nur weil der Nachbar von Mackensen (XVII. Korps) glücklos gekämpft hatte, und in dem flammenden Bewusstsein seines Rechts, den eigenen richtigen Befehl widerrufen und einem falschen sich unterwerfen zu müssen!
Aber so ist es bei der Armee. Und er begann, immer noch von Schlachtmusik erfüllt, unmittelbar vom Feld seines Sieges, mit seinem Korps die langwierige Rochade mit der Eisenbahn über Königsberg.
So ist es bei der Armee, aber bei der deutschen Armee ist es auch noch anders: Am nächsten Tag schloss die Telefonkommandantur ein Zwischenglied an das andere, bis zu François, verband ihn mit der Obersten Heeresleitung in Koblenz, und deren Generalstabschef Moltke erkundigte sich bei dem General, wie er die Lage beurteile und ob er die Verschiebung seines Korps für richtig halte. Für einen Korpskommandeur war das eine hohe Ehre (und eine offensichtliche Zurücksetzung des Oberbefehlshabers der 8. Armee). Aber François' beweglicher Verstand verweilte nicht bei dieser Ehre und bei dem Recht von gestern: Das gestern Richtige war heute nicht mehr richtig. Ein General der Zukunftsbilder ausmalt, sagt Napoleon, ist kein Feldherr. Da der Rückzug einmal begonnen war, musste er zu Ende geführt werden. Da man der Njemen-Armee das Feld überlassen hatte, musste man sein Talent jetzt gegen die Narev-Armee beweisen.
Bereits am Abend des 24. August saß General von François im Hotel „Kronprinz“ in der Nähe der Stelle, an der die ersten ankommenden Züge mit seinen Truppen ausgeladen wurden, gegenüber der linken Flanke Samsonows, und schrieb einen Befehl an das Korps: "... Die glänzenden Siege, die unser Korps bei Stallupönen und Gumbinnen errungen hat, veranlassen das Oberkommando, euch, Soldaten des I. Armeekorps, auf dem Eisenbahnwege hierher zu werfen, damit ihr mit eurem unbesiegbaren Mut auch diesen neuen Feind, der aus Russisch-Polen eingefallen ist, erfolgreich niederkämpft. Wenn dieser Gegner vernichtet ist, werden wir an unseren früheren Standort zurückkehren und mit den russischen Horden abrechnen, die dort, gegen alle Gesetze des Völkerrechts, unsere Heimatstädte niederbrennen ..."
Die Gewissheit dieser Rückkehr genau voraussehend, schrieb er diese Worte in der linken unteren Ecke Preußens - während seine Truppen in der rechten oberen Ecke bei Königsberg noch verladen wurden und die Eisenbahnzüge ununterbrochen von Osten nach Westen donnerten. Nach einer Verzögerung von rund zwölf Stunden ereignete sich eines der typisch deutschen Wunder: Jede halbe Stunde, bei Tag und bei Nacht, fuhr ein Militärtransport, und selbst die Dienstvorschriften der Deutschen Eisenbahn hatten die Gültigkeit eines Naturgesetzes verloren: Die Truppentransportzüge fuhren auf offener Strecke dicht hintereinander, fuhren ein, ohne auf rote Signale zu achten, und waren statt in zwei Stunden in 25 Minuten entladen. Auf Ersuchen des Generals hielten die Züge direkt am künftigen Schlachtfeld, und die Bataillone hatten nur noch rund fünf Kilometer zu marschieren um an den Feind zu kommen. Aber auch dieses Wunder vermochten Hindenburg und Ludendorff nicht zu würdigen. Sie trafen auf dem Gefechtsstand von François ein, als fast dessen ganze Artillerie noch unterwegs war, und verlangten, dass er den sehnlichst erwarteten Angriff beginne. Die Augen des Generals hatten (was er selbst nicht wusste und nicht wollte) immer einen leicht spöttischen Ausdruck: "Wenn ich den Befehl bekomme, werde ich beginnen. Aber die Soldaten werden, mit Verlaub zu sagen, mit dem Bajonett kämpfen müssen." Die Schüler Schlieffens müssten doch wissen, dass jetzt die Zeit der Feuerwaffen angebrochen war und dass der Erfolg dem beschieden ist, der über die stärkere Feuerkraft verfügt. In den Befehlen an die Soldaten kann man ruhig von unbesiegbarem Mut schreiben, aber dabei muss man Batterien und Granaten zählen.

Warum steht die Subordination immer im umgekehrten Verhältnis zur Begabung? Für François bedeutete es eine Qual, in einem Meter Entfernung diese beiden willensstarken, breit gewordenen Gesichter über sich sehen zu müssen, die auf dicken steifen Hälsen über großen massiven Körpern saßen. Ludendorff war jünger, sein Unterkiefer war noch nicht so versteinert, sein Blick noch nicht so leblos, aber er ähnelte bereits seinem Oberbefehlshaber. Und das Gesicht Hindenburgs war beinahe rechteckig, alle Züge schwer und grob, mit dicken Tränensäcken, flacher Nase, angewachsenen Ohrläppchen. Was hatten diese beiden Ochsen mit dem Impuls einer Intuition oder eines Wagnisses zu tun, was konnten sie schon davon wissen?
Dabei kam es François nicht in den Sinn, in Gedanken mit ihnen die Plätze zu tauschen und sich mit den Augen der anderen zu betrachten: War er nicht viel zu klein - zu klein für einen General? Waren seine Augen nicht viel zu fix - zu fix für sein Alter? Und vor allem - was ist mit dieser schlechten Angewohnheit, immer vorgreifen, jeden und alles überholen und überspringen zu wollen?
So war es auch jetzt: Wo soll man angreifen? Er will von der vorgeschlagenen Angriffsrichtung nichts wissen und stellt seinen eigenen Plan dagegen: Er will auch das I. russische Korps mit der Armee Samsonows zusammen in denselben Kessel stecken. Und er streitet! Eine Stunde lang stritten sie sich. Der Plan wird verworfen. Es wird befohlen, das russische I. Korps zurückzustoßen und den Kern der 2. russischen Armee ohne dasselbe zu umfassen. Und wann soll man angreifen? Mit Mühe und Not gelang es François, einen halben Tag Aufschub auszuhandeln, vom Morgengrauen bis zum Mittag des 26. August. Er begann weder dort, wo er wollte, noch dann, wann er wollte, lustlos, ordnungshalber, drängte die russischen Vorposten zurück, sie wichen auf gut einsehbare Stellungen auf den Höhen aus: Vom Mühlenhügel über Usdau und weiter den Bahndamm entlang. Bei Usdau sollte am 28. August der Weg nach Neidenburg geöffnet werden. Mit Sonnenuntergang verstummte das Vorgefecht. Im Laufe der Nacht sollte die gesamte Artillerie eintreffen, mit solchen Kalibern und solcher Geschossdichte, wie es die Russen noch nie erlebt hatten. Morgen um vier Uhr früh wird er, General Hermann von François, eine große Armeeschlacht beginnen. "Und wenn die Russen in der Nacht als erste beginnen, mein General?" fragte der Sohn, der noch im Licht einer Taschenlampe seine Eintragungen machte. Es war in einem Heuschuppen, der General ekelte sich davor, in einem Haus zu schlafen, wo Russen gehaust hatten. Er legte den aufgezogenen Wecker an das Kopfende, streckte seine Beine aus und antwortete gähnend und lächelnd zugleich: "Merk dir, mein Junge: Russen können sich niemals aus eigener Kraft vor Mittag in Bewegung setzen."