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Gefecht bei Chelmo

Die Schlacht bei Lodz.

16. - 24. November 1914

Gefechte

14. November
Das Gefecht bei Chelmno
Vor der Front des XI. Armeekorps hatten deutsche Flieger die Russen in Linie Chelmno-Grabina-Drzewce festgestellt. General von Plüskow setzte die 38. Infanteriedivision frontal, die ½ 22. gegen den rechten Flügel bei Drzewce und zur Umfassung bei Glembokie an. Die andere Hälfte der 22. Infanteriedivision verblieb als rechte Flankensicherung bei Kolo (IR 167) und bei Janow (IR 32) westlich des Flusses Warthe. Um 15:15 Uhr war das Infanterieregiment 95 im Besitz der vorgeschobenen Stellung der Russen bei Ostrow. Kurze Zeit darauf drangen Teile der 22. Division in Drzewce ein. Am Abend stand die 22. Infanteriedivision am nördlichen Ufer des Flüsschens Ner in Linie Leszno-Gac. Der Angriff gegen das von russischen Gardetruppen besetzte Chelmno war für die 38. Infanteriedivision in dem leicht ansteigenden, zum Teil sumpfigen Gelände schwer und verlustreich. Das flankierende russische Infanteriefeuer vom jenseitigen Nerufer und das Artilleriefeuer aus dem kleinen Wald dahinter brachte den deutschen Angriff immer wieder zum Stehen.
Die Hauptlast dieses Tages hatte die 83. Infanteriebrigade zu tragen, im besonderen das zu ihr gehörige
Thüringische Infanterieregiment 96.
Auszug aus Aufzeichnungen des Majors im Generalstab der 3. Garde-Infanteriedivision v. Wulffen:
"In lichten Wellen ging es voran, die 11. Kompanie zunächst mit dem linken Flügel unmittelbar an der Straße in Richtung Süden auf Chelmno zu, rechts davon die 12., 9. und 10. Kompanie. Der Brigadekommandeur, Generalmajor von Hahnstein, kam hoch zu Ross angeritten. Er sprach eifrig mit dem Regimentskommandeur, Oberstleutnant von Selle. Er ritt weiter zum Ortsausgang von Rzuchow, um sich persönlich vom Vorangehen des Angriffs zu vergewissern. Die Kugeln pfiffen wie zwitschernde Schwalben. Die ersten Verwundeten kamen zurück. Ein breiter Sumpf erschwerte vorne das weitere Vorgehen. Das brachte Verluste. Hinter dem Sumpf entwickelten sich bereits wieder Schützenreihen in Richtung auf das nördlich der Stadt gelegene Hofgut. Von rechts her, aus dem Wäldchen süd-westlich des Ner kam Maschinengewehrfeuer. Alle suchten Deckung im Gelände. Jetzt heulten auch Schrapnells von der russischen Artilleriestellung in diesem Wäldchen herüber, zum Glück platzten sie zu hoch. Auf über 1000 Meter Entfernung entwickelte sich ein Feuergefecht mit Karabinern und Maschinengewehren über den Fluss hinweg. Trotzdem nahmen die Verluste zu. Da kam um 13:00 Uhr auf dem gefährdeten rechten Flügel der Maschinengewehrzug des Leutnants Greve zu Hilfe. Das brachte Entlastung, der rechte Flügel des III. Bataillons arbeitete sich nahe an das Dorf Chelmno heran. Mit einigen Gruppen der 10. Kompanie drang Leutnant Fromm als Erster in die Straßen des Ortes ein. Es kam zum Häuserkampf mit den russischen Soldaten, die sich von allen Seiten auf die Deutschen warfen. Diese wurden an den Dorfrand zurückgedrängt. Die Geschosse spritzten auf dem Straßenpflaster durch die Gassen. Mit viel Glück erreichten die meisten Angreifer einen deckenden Brückenpfeiler. Einige hoben einen Helm auf den Brückenrand, der im nächsten Moment abgeschossen wurde. Verstärkung wurde herangezogen. Leutnant Fromm entschloss sich mit einem Trupp aus Freiwilligen einen zweiten Sturm zu wagen. Sie kamen in den Gassen nah an den Gegner heran. Es kam zum Nahkampf mit den tapfer kämpfenden Russen. Leutnant Fromm sank mit einem Schuss in der Brust zusammen. Nur vier seiner Begleiter kamen unverwundet zurück. Der Maschinengewehrzug Greve verhinderte ein Nachstoßen der Russen.
Inzwischen drang Leutnant Hirth ebenfalls mit einer Gruppe Freiwilliger in eine Scheune am Dorfrand ein, aus deren Dachluke starkes Gewehrfeuer kam. Es konnte jedoch niemand gefunden werden. Beim Verlassen der Scheune erhielten sie abermals Feuer. Nun wurde sie angezündet. Auf dem Rückzug erhielt Leutnant Hirth einen Beinschuss. Erst als später der Angriff weiter vorankam, konnten beide, Fromm und Hirth, geborgen werden. Leutnant Fromm erlag noch in der gleichen Nacht auf dem Verbandsplatz in Rzuchow seiner Verletzung. Leutnant Hirth musste nach Wochen noch das verwundete Bein amputiert werden.
Als um 14:00 Uhr sich zeigte, dass das III. Bataillon den Widerstand der Russen alleine nicht zu brechen vermochte, war das II. aus seiner Deckung im Wald nördlich und in den Häusern von Rzuchow herangezogen worden. Um das Flankenfeuer niederzuhalten und, vor allem, die Umfassungsversuche der Russen auf dem rechten Flügel zu verhindern, wurde um 14:30 Uhr die 4. Kompanie dort eingesetzt. Unter dem Schutz einer langen Häuserreihe gingen die Deutschen in Kolonne vor. Bald zwang auch hier das feindliche Feuer zur Entwicklung. Eine Welle folgte der anderen, schwärmte ein und verstärkte die vordere Linie. Sprungweise arbeitete man sich vorwärts, eine sanft ansteigende Wiese hinauf, auf der einige Häusergruppen Deckung gewährten. Trotzdem wurde der Geländegewinn mit schweren Opfern erkauft. Jeder Sprung brachte Verluste.
Jetzt machte sich endlich die Wirkung der Artillerie stärker bemerkbar. Die 10cm Geschütze des Posener Fußartillerie-Regiments 5 unter Hauptmann von Poncet arbeiteten dank eines bis dicht an die Kampflinie der 96er vorgeschobenen Beobachtungspostens ganz vorzüglich. Sprenggranaten und Schrapnells schlugen in das unmittelbar nördlich des Dorfes liegende Hofgut ein. Bald saß ein Volltreffer im russischen Schützengraben. Die flüchtenden Verteidiger wurden sofort von den am Rande von Rzuchow stehenden Maschinengewehren des Hauptmanns Behrens unter Beschuss genommen. Es dauerte nicht lange, da stand Chelmno in Flammen. Gegen 15:15 Uhr kam aus der vorderen Linie das Signal "Seitengewehr pflanzt auf!". Das I. Bataillon wurde nun auch aus der Reserve genommen und auf den linken Flügel des Regiment gezogen, um am Sturm teilzunehmen. Es begann schon zu dämmern, als die russische Stellung endlich sturmreif erschien. Nun ertönte das Signal "rasch vorwärts!". Die hinter einander liegenden Wellen erhoben sich gleichzeitig. Die Fahnen wurden entfaltet und unter den dumpfen Schlägen der Trommeln und dem aufpeitschenden Trompetensignal stürmte die Masse des Regiments nach vorne. Der Nahkampf wogte hin und her, die Russen kämpften zäh und verbissen. In zähem Kampf wurden einige vom Feind besetzte Gehöfte genommen. Beim Eindringen in das Dorf wurde als einer der ersten Leutnant Schuster tödlich getroffen. Leutnant Jahn erhielt einen Brustschuss. Rechts von der Kirche, aus der etwa 60 Russen herausgeholt wurden, verhinderte ein Teich die weitere Flucht. Viele russische Kämpfer fanden hier den Tod. Schließlich konnten die Russen dem Druck der Deutschen nicht mehr standhalten und wichen zurück. Das II. Bataillon stieß durch Chelmno durch und grub sich am Ostrand des Dorfes ein. Teile des III. waren links am Dorf vorbei gestoßen und schanzten dort. Andere sperrten eine Brücke über den Ner westlich des Ortes. Fast ganz Chelmno war nur noch ein Trümmerhaufen. Lichterlohe Flammen fraßen Holzhäuser und Strohdächer. Der Rauch stieg bis in die Wolken. Der Nachthimmel färbte sich feuerrot. Nerven und Körper sehnten sich nach Ruhe und Erholung. Hockende Gestalten wärmten sich am Feuer und warfen lange Schatten. Man hatte sich irgendwo zum Schlaf und gegenseitigen Erwärmen eng aneinander geschmiegt. Anderen bot eine halb erhaltene Scheune willkommene Unterkunft. Schnarchen, Stöhnen, Schlafen ....."

Dombie
In diese Ruhe hinein wurde plötzlich Alarm gegeben. Beim Generalkommando XI ging ein Befehl des AOK 9 ein, worin die Einnahme der wichtigen Brücke über den Ner in Dombie als Ziel des Tages bezeichnet worden war. Noch in dieser Nacht war also das 6 km südlich gelegene Dombie zu nehmen, bevor die Russen die Flussübergänge zerstören konnten.
Kochgeschirre und Waffen klappern, alles ordnet sich. Es ist 10 Uhr abends, stockdunkle Nacht. Hinter ihnen glühen und knistern noch die Balken der geborstenen Häuser. Um so dunkler scheint die Landschaft vor ihnen.
Das II. Bataillon geht beiderseits der Straße in vorderster Linie vor. Links schließt das III. an. Dem II. folgt ein Zug des Feldartillerie-Regiments 55, dann der Maschinengewehrzug des Leutnants Schlunk. Dann kommt das I. Bataillon. Weiter links geht Regiment 95 vor. Leichte Schützen tasten vor der Masse durch das Dunkel. Über Felder geht es und über einen Friedhof. Es ist befohlen: Gewehr entladen, Seitengewehr aufgepflanzt. Weiter durch die Stille tastet das nächtliche Heer. Links der Straße erheben sich die Umrisse eines Hauses. Plötzlich kracht und knallt es aus der unheimlichen Stille heraus. Der Auftakt zu einem wüsten Drunter und Drüber. Überall wird es lebendig. Rasendes Feuer aus nächster Nähe. Hoch zu Ross General von Hahnstein. Überall wogt der Kampf. Schon sind die Russen zwischen den Geschützen und der Bespannung, und mit "Urrah, Urrah" springen sie auf die Zugpferde. Bajonette blinken, Pistolen blitzen auf, Gewehrkolben krachen. Die Füße, die Fäuste arbeiten, herunter geschlagen, gestochen, geschossen, getreten werden die dunklen Gestalten. Doch immer neue kommen. Unentwirrbar wird der Knäuel. Wo im Dunkel eine Mütze sich vom Helm unterscheidet wird hineingeschlagen, gestochen, getreten oder, wenn die Waffe entfallen war, mit Kehlgriffen gewürgt. Gartenzäune werden eingetreten, Tore eingeschlagen, in die Gehöfte wird eingedrungen. Hauptmann Böttiger fällt durch einen Schuss ins Herz. Den Russen gelingt es, zwischen das II. und I. Bataillon einzudringen weil sie zu spät als Feind erkannt werden. Da ertönt das Signal: "Auf, marsch, marsch". Der erste Schock ist überwunden. Die Trommeln dröhnen drohend ringsum. Durch die Reihen ertönen Signale. Mit Geschrei stürzt alles voran und im Nu herrscht ein wüstes Handgemenge. Da gelingt es Oberleutnant Schlunk die Maschinengewehre frei zu bekommen. Verheerend rattern und mähen sie, zuerst auf Schrittnähe, die immer wieder eindringenden feindlichen Reihen nieder. Dann sperren sie auch jeden Zugang zu den Geschützen ab. Das alles spielt sich in wenigen Minuten ab. Da stürmen auch links gegen das I. Bataillon Angreifer heran. Russen im Rücken? Gegenseitiger Ansturm mit der kalten Waffe. Im letzten Moment werden die Pickelhauben erkannt. Der Wirrwarr, die Finsternis, die dunklen Mäntel und der Umstand, dass ein Teil des erst eingetroffenen Ersatzes Mützen trägt, macht die Unterscheidung von Freund und Feind schwer. Ein Glück, dass "Gewehr entladen" befohlen war. Plötzlich wird "das Ganze halt" geblasen. Noch geht zwar hier und da der Kampf weiter, aber stiller wird doch der Lärm, die Schüsse lassen nach, alles atmet erleichtert auf. Das Stöhnen der Verwundeten und Sterbenden wird hörbarer. Es dauert lange, bis bei der Dunkelheit die Kompanieverbände geordnet sind.
Endlich wird der Vormarsch fortgesetzt. Langsam wälzen sich die Massen vorwärts. Fauchend sausen die schweren Granaten hoch über die Köpfe hinweg nach Dombie hinein. Schon lodern Flammen in dem Ort auf. Der Feuerschein ist der beste Wegweiser. Auf ihn geht es zu, querfeldein über Schützenlöcher und Gräben. Merkwürdig still ist es auf der Heerstraße. Unbehelligt marschiert das Regiment am 15. November um 6 Uhr morgens in Dombie ein. Wider Erwarten hatte der Russe den Ort aufgegeben.