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Angriff auf die Flanke

Die Schlacht bei Lodz

16. - 24. November 1914

Angriff auf die russische Nordflanke

Am 10. November steht die 9. Armee angriffsbereit, am 11. bricht sie los. Mit dem linken Flügel längs der Weichsel, mit dem rechten nördlich der Warthe.
Es ist höchste Zeit, denn auch die Russen wollen mit ihrem Stoß nach Schlesien hinein losbrechen. Ein mitgehörter russischer Funkspruch offenbarte den Deutschen, dass die Armeen der Nordwestfront, also alles, was an russischen Kräften von der Ostsee bis einschließlich Polen steht, am 14. November zu einem tiefen Einfall in Deutschland antreten sollen. Hindenburg entreißt dem russischen Oberbefehlshaber, Großfürst Nikolei Nikolejewitsch, die Vorhand. Als dieser am 13. die Operation der Deutschen erkennt, wagt er es nicht, den großen Stoß gegen Schlesien durchzuführen, sondern wirft alle verfügbaren Kräfte dem deutschen Flankenangriff entgegen. Schlesien ist damit vorläufig gerettet. Der erste Zweck der Operation ist erreicht.

Im Einzelnen:
Die Absicht des Oberbehlshabers der 9. Armee, General August von Mackensen war es, den Stoß in die Flanke und Rücken des russischen Aufmarsches gegen Schlesien bei Lodz und südlich durch Vernichtung des V. sibirischen Korps bei Wlaclawek einzuleiten. Hierzu sollten das I. und XXV. Reservekorps aus der Linie Thorn - Argenau - Hohensalza auf Bresc - Wieniec - Wloclawek vorgehen. Das Kavalleriekorps Richthofen HKK 1 auf Lubien. Das XX. Armeekorps östlich Gnesen auf Lubraniec. Das XVII. bei Wreschen auf Kleczew und das XI. nördlich Pleschen auf Golina.
Die beiden nördlichen Korps (I. und XXV. RK) hatten frontal anzugreifen, während XX. Korps durch Umfassung und Kavalleriekorps Richthofen gegen Flanke und Rücken des Gegners wirken sollten.
Der Oberbefehlshaber der 2. russischen Armee, General Scheidemann (seit Anfang September), scheint von der Verlegung der 9. deutschen Armee nach Norden nichts bemerkt zu haben. Als Mackensen schon in breiter Front die Grenze überschritt, wies Scheidemann seinen Kavallerie-Oberbefehlshaber General Nowikow an, in Richtung Posen aufzuklären. Hier vermutete er starke deutsche Kräfte, die "sicherlich" die Aufgabe haben würden, die bei Ezenstochau stehende deutsche Armee gegen eine Umfassung über Kalisch zu decken. Die Verschleierung der tatsächlichen Lage durch die deutschen Grenzschutztruppen und dem aus der Gegend Kalisch vorgehenden Kavalleriekorps Frommel (HKK 3) war also gut gelungen.

11. November
Im Weichselbogen war Wlozlawek von den Russen besetzt. Es stand hier die 1. russische Armee. Die deutsche Führung rechnete mit 10 bis 14 Divisionen insgesamt. Zwischen Weichsel und Warthe, war die Lage ziemlich unklar. Mit Bestimmtheit rechnete man hier mit 8 bis 10 Divisionen. Nördlich der Warthe drängte russische Kavallerie gegen die Grenze vor. Die Masse des russischen Heeres hatte in zusammenhängender Linie die Warthe nördlich Sieradz - Nowo Radomsk - Gegend nördlich Krakau erreicht. Andere Teile waren in Galizien am Dunajek eingetroffen und wurden tief in die Karpaten eingeschoben. Inzwischen war in den russischen Bewegungen ein Stillstand eingetreten. Die Zerstörungen der Eisenbahnanlagen während des deutschen Rückzuges zeigten ihre Wirkung. Nach den Berechnungen der deutschen Stäbe konnten sich die russischen Truppen nicht weiter als 120 km von der Eisenbahn entfernen, ohne in Schwierigkeiten zu geraten. Bei den örtlichen Straßenverhältnissen jener Zeit war der Nachschub und somit die Versorgung der Truppe stark von der Eisenbahn abhängig.
Inzwischen lagen Anzeichen vor, dass der russische Vormarsch wieder in Gang kam. Der Oberbefehlshaber der deutschen 9. Armee, General der Kavallerie August von Mackensen, begann sofort mit den entsprechenden Operationen. Bereits in den ersten Tagen des Vormarsches kam es zu heftigen Kämpfen bei Wlozlawek, Kutno und Dombie mit hohen Verlusten auf beiden Seiten. Für die russische Führung kam der Angriff überraschend. Die Hauptteile der deutschen 9. Armee drangen auf die Linie Lodz-Bahnhof Koljuschki vor. Das I. Reservekorps unter General von Morgen deckte die Flanke nördlich Lowitsch (Lowicz) bis zur Weichsel. Die Reservisten wurden hart bedrängt. Zunächst wehrten sie sich durch offensive Aktionen, dann sich verteidigend, gegen die über Nowo Georgiewsk auf das linke Weichselufer anrückenden russischen Korps. Dank der Aktivitäten an der ostpreußischen Südgrenze bei Mlava durch Truppen der Hauptreserve Graudenz, geschah dies nur langsam.
Schon in den ersten Tagen des Vormarsches kam es bei Wlozlawek, Kutno und Dombe zu heftigen und beiderseits verlustreichen Kämpfen mit dem vollständig überraschten Russen.
Vor der deutschen Reiterei trat Nowikow mit 20 Schwadronen von Staw auf Warta und Ehlewo den Rückzug an. Infanterie und Artillerie des XXIII. russischen Korps mussten mit Verlusten Turek aufgeben. Beim weiter nördlich der 9. Armee stehenden Kavalleriekorps Richthofen kam es gegen Mittag zum Kampf, mit der 9. Kavalleriedivision bei Izbica, mit der 6. bei Lubraniec. Es konnte das Marschziel Lubien nicht erreichen.
Auch bei den zwei linken Flügelkorps (I. und XXV. RK) kam es an diesem Tag zur ersten Feindberührung. Die 36. Reservedivision unter Gen.Mj. Kruge warf den Feind südlich Jaranowek zurück, die 49. nahm auf ihrem Vormarsch nach Wlaclawek die Dörfer Janowice und Lubanie in Besitz. Bis zum Abend konnte der Gegner in die Linie Bachorka - Wieniec - Brzezie zurück gedrängt werden.
Der Armeebefehl für den 12. November gab dem XX. Korps die Richtung auf Chodecz - Kruszyn, während die beiden Reservekorps zum Angriff gegen die Linie Brzesc-Wieniec-Wloclawek vorgingen. Richthofen sperrte die feindliche Rückzugstraße bei Kowal.
Die Mitte der 9. Armee, Kavalleriekorps Richthofen (6. und 9. Kavalleriedivision), die 3. Gardedivision und das XXV. Reservekorps (49. und 50. Reservedivision), durchbrach die russischen Stellungen und erreichte die Linie Lowicz-Lodz und drang anschließend über Brzeziny weit nach Süden vor. Dabei vernachlässigte man die Sicherung gegen Osten. Ein dem entsprechender Befehl des Armeeoberkommandos erreichte das Generalkommando XXV. RK nicht.
Das XX., XVII. und XI. Armeekorps trafen am 17. November nördlich Lodz auf starken Feind. Das Kavalleriekorps Frommel (5. und 8. und 7. K.u.K. Kavalleriedivision) und Korps Posen, die nach Süden zu decken hatten, kamen östlich der Warthe nur langsam voran.
Nach einem aufgefangenen russischen Funkspruch wollte die russische Seite ihre Truppen aus Lodz zurückziehen. Die Deutschen freuten sich jedoch zu früh. Der russische Oberbefehlshaber, Großfürst Nikolai Nikolajewitsch, war damit nicht einverstanden und verhinderte den Rückzug. Die russische 1. Armee rechts der Weichsel unter General Rennenkampf (in der Schlacht bei den Masurischen Seen Mitte September geschlagen) erhielt Befehl, das VI. Korps und das VI. sibirische Korps über die Weichsel zu setzen. Nur das I. turkmenische Korps musste bei Mlawa verbleiben, da es durch Angriffe der im Grenzschutz stehenden Hauptreserve Graudenz gebunden war. Die über Skierniewice auf Warschau zurück flutenden geschlagenen Truppenteile wurden westlich der Stadt gesammelt und sollten von neuem vorgeführt werden. Der rechte russische Flügel ballte sich um Lodz zusammen. Aus der Front der russischen 2. und 5. Armee schoben sich Teile beiderseits Lodz nach Norden vor. Hier trafen sie westlich Lodz auf das überraschte deutsche XI. Armeekorps und bedrängten es schwer. Zur gleichen Zeit war das XXV. Reservekorps unter General von Schäffer-Boyadel (Chef des Stabes: Oberst von Massow) 20 km östlich der Stadt über Brzeziny nach Süden vorgestoßen. Teile des Kavalleriekorps Richthofen hatten sich Petrikau (Piotrkow) und Tomaschow, 40 km südöstlich Lodz, genähert. Die Infanterie schwenkte nach Westen ein um die russischen Divisionen südlich zu umfassen.
Da veränderte sich die Lage.

Das IV. russische Korps konnte das deutsche XX. Korps westlich Brzeziny zurück drängen und sich zwischen die inneren Flügel der beiden deutschen Korps schieben. Die Verbindung des XXV. R.K. mit dem XX. A.K. ging verloren. Aus Richtung Skierniewice drangen, durch nichts aufgehalten, die westlich Warschau wieder gesammelten Truppen nach Brzeziny vor. Das XXV. Reservekorps und die ihm unterstellten Truppen der 3. Gardedivision (General Litzmann) sowie des Kavalleriekorps Richthofen waren abgeschnitten, von Süden her wurden sie von den auf Bahnhof Koljuschki anmarschierenden Truppen der 5. russischen Armee angegriffen. Aus russischen Funksprüchen erfuhren man beim Oberkommando Ost in Posen wie hoffnungsvoll die russischen Kommandeure die Lage sahen und wie sie voll Schwung ihre Truppen ansetzten. Es wurden schon Eisenbahnzüge angefordert, um die deutschen Gefangenen abzutransportieren. In Frankreich und England berichteten die Zeitungen vom Zusammenbruch der deutschen Front im Osten. Die Namen der Kommandeure wurden genannt, die nun in russische Gefangenschaft kämen.

Hier hatte der russische Oberbefehlshaber doch etwas voreilig seinen Sieg verkündet, denn die eingeschlossenen deutschen Verbände brachen in der Nacht vom 24./25. November nach Norden durch. Sie brachten über 10.000 Gefangene mit und eine Menge erbeuteter Geschütze.
Die durchgebrochenen Truppen wurden zwischen dem XX. Armeekorps und I. Reservekorps angehalten. So konnte eine zusammen hängende Front gebildet werden, gegen die der Russe heftig aber vergeblich anrannte.
Das operative Ziel, die Vernichtung der russischen 2. Armee unter General Scheidemann, war nicht erreicht worden. Hier machte sich dann doch die zahlenmäßige Unterlegenheit der Deutschen Truppen bemerkbar.
Das strategische Ziel jedoch, den russischen Vorstoß "tief in deutsches Gebiet" zu verhindern, war gelungen.

Am 17. November hatte der Generalstabschef des österreich-ungarischen Heeres, General von Conrad, zur Unterstützung der deutschen Operation bei Lodz seinen Truppen nördlich Krakau den Angriff befohlen. Es waren dies die 2. k.u.k. Armee (Boehm-Ermolli) das Landwehrkorps Woyrsch, 1. und 4. k.u.k Armee. Hauptsächlich um russische Truppen zu binden. Die Kämpfe führten zu örtlichen Erfolgen. Sie erlahmten aber bald. Ein strategisches Interesse boten sie nicht mehr.

Bis Ende November bedrängten die russischen Verbände die 9. deutsche Armee heftig und griff auch weiter südlich an. Ohne wesentlichen Erfolg. Die 1. Infanteriedivision der 8. Armee wurde der 9. unterstellt und herangeführt. Aus dem Westen traf Verstärkung ein (III. Reservekorps, II. und XIII. Armeekorps). Beim Oberkommando Ost in Posen kam der Gedanke auf, die ganze Operation einfach zu wiederholen. Das Überraschungsmoment wäre den Deutschen zugute gekommen. Die Führung unter General von Hindenburg rückte aber wieder von diesem Gedanken ab. Die Schlacht war geschlagen.
Nach der Schlacht kam es noch an verschiedenen Stellen zu schweren Gefechten und Attacken von beiden Seiten, zu zusammen hängenden Operationen auf Armee-Ebene kam es nicht mehr.
Südlich Mlawa, an der Südgrenze Ostpreußens, gelang es dem Korps Zastrow (zumeist Kavallerie) Ende November, Zjechanow und Pzassnysch einzunehmen. Hier hatte die russische Führung Truppen für die Kämpfe bei Lodz abgezogen. Nach Gegenangriff der Russen musste das Korps wieder in die Stellungen bei Mlawa zurückweichen. Der linke Flügel der 9. Armee hatte genügend Verstärkung erhalten, dass sich die Lage als stabil erwies. Er konnte sich langsam durch die russischen Stellungen gegen die Bshura vorarbeiten. Es war ein frontales Abringen, kein großzügiges Umfassen mehr. Gleichzeitig vermochten die Deutschen auch in der Front bis zur Abteilung Woyrsch einschließlich anzugreifen. Das II. Korps war östlich Sieradz, die 48. Reservedivision zur Verstärkung der Front im Anschluss nach Süden beim Korps Breslau eingesetzt worden. Der Angriff des II. Korps Anfang Dezember hatte vollen Erfolg, es drang in Richtung Lodz vor. Dieser Druck hatte zwei Wochen zuvor gefehlt.

Die Russen räumten Lodz am 6. Dezember und gingen hinter die Miazga zurück. Auch weiter südlich gewannen die Deutschen nun Gelände, da der Russe sich dort in der zweiten Novemberhälfte geschwächt hatte, um Lodz zu halten. Am 15. Dezember wurde auf dem nördlichen Flügel Lowitsch genommen.

An der österreichisch-ungarischen Front südlich Krakau hatte sich Ende November die Lage verschärft. Das k.u.k. Oberkommando hatte dringend um eine deutsche Division zur Verstärkung seiner Front gebeten. Die Deutschen verlegten die 47. Reservedivision dorthin und unterstellten sie dem k.u.k. Oberkommando. Aus theoretischer Sicht schien dies ein Fehler zu sein. Die Ereignisse bestätigten dies.
Die Division kam gerade noch rechtzeitig, um die Schlacht zu halten. Das k.u.k. Oberkommando unter General von Conrad wollte den russischen Südflügel aus den Karpaten heraus umfassen. Er hatte seine Front stark ausgedünnt, um seinen Südflügel zu verstärken. In dieser Schlacht in der Gegend von Limanova - Lapanov am 3. - 14. Dezember gelang es ihm, trotz vieler Krisen, die Russen westlich des Dunajek zu schlagen. Unter dem Druck der deutschen und österreichischen Erfolge in Polen und Galizien fiel die russische Front hinter den Bzura-Rawka-Abschnitt, die obere Pilitza, die Nida und den Dunajec zurück.
Die Umfassung des russischen Südflügels aus den Karpaten heraus zwischen San und Dunajec stieß bald auf überlegene gegnerische Truppen. Der russische Befehlshaber in diesem Abschnitt, General Boroevic, zögerte nicht zum Gegenangriff vorzugehen. Der österreichisch-ungarische Umfassungsflügel wurde in die Karpaten zurück gedrängt.
Im Weichselbogen, bei der 9. deutschen Armee, fand noch eine Reihe örtlicher Kämpfe statt, die jedoch nicht von Bedeutung waren. Ludendorff: "Es wurde zu viel herumbatailliert". Die Verluste standen nicht im Verhältnis zum gewonnenen Vorteil. Es ist die Pflicht der Führung hierauf zu achten.

Nördlich der Weichsel besetzten die Russen Plotzk und drangen bis in die Gegend von Wlozlawek vor. Die Höhen östlich der Stadt am rechten Weichselufer, von wo aus die Bahnlinie Kutno-Thorn beherrscht wurde, konnte von den Deutschen gehalten werden. Nun war eine lange Flanke der 9. Armee entstanden, die zur Sicherung viel Aufwand in Anspruch nahm. Sollte im nahenden Winter die Weichsel zufrieren? Die Flanke wäre nicht zu halten gewesen. Die Deutschen hatten Glück. Die Weichsel fror nicht zu.

An der Südgrenze Ostpreußens änderte sich nichts. Die deutsche 8. Armee hielt im wesentlichen ihre Linien. Ein Einbruch der Russen durch Truppen der 10. Armee in die Seensperre Masurens hatte nur örtliche Bedeutung.
Der Winter legte seinen lähmenden Schleier über das geschundene Land und die zahlreichen Soldatengräber.