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Rueckzug

Die Schlacht bei Lodz.

16. - 24. November 1914

Der Rückzug von der Weichsel

Was die Deutschen befürchten, tritt ein. Aus Warschau heraus quellen immer neue Truppenmassen, und auch weiter südlich überschreiten solche die Weichsel. Von den langgestreckten deutschen Kampflinien an der Stirnseite aufgehalten, droht die sich immer weiter nach Westen entwickelnde russische Überlegenheit um ihre linke Flanke herumzuschlagen. Die ganze gemeinsame Operation kommt in Gefahr zu scheitern. Genau genommen war sie jetzt schon gescheitert, da südlich der oberen Weichsel, in Galizien, der erhoffte Erfolg der österreichischen Verbündeten nicht errungen wird, obwohl die russische Führung dort 6 Armeekorps abgezogen hat und sie gegen die Deutschen heranführt, sich also geschwächt hat.
Das Schlachtfeld von Warschau wird in der Nacht vom 18. auf den 19. Oktober dem Gegner überlassen. Um die Operation nicht schon jetzt aufzugeben, führt Hindenburg die vor Warschau unter Mackensen kämpfenden Truppen in die Stellung Rawa - Lowicz, etwa 70 km südwestlich zurück. Er hofft, dass der Russe gegen diese nach Nordosten gerichtete Front anrennen wird. Dann will er mit den inzwischen von den Österreichern vor Iwangorod abgelösten Korps von Süden her einen entscheidenden Schlag gegen den stärksten Teil der russischen Heeresgruppe im großen Weichselbogen führen.
Bedingung für die Durchführung dieses Planes ist, dass Mackensens Truppen den Anprall der russischen Heerhaufen aushalten und dass die österreichisch-ungarische Verteidigung an der Weichsel so fest steht, dass der beabsichtigte Stoß gegen russische Flankeneinwirkung aus östlicher Richtung sicher geschützt ist. Die Lösung dieser letzteren Aufgabe erscheint angesichts der Stärke der Weichselstellung für die Österreicher einfach. Deren Führung erschwerte sie sich aber durch den an sich guten Willen, auch ihrerseits einen großen Schlag auszuführen. Sie entschließt sich, dem Gegner die Weichselübergänge bei Iwangorod und nördlich freizugeben, um dann über dessen Truppen während des Uferwechsels herzufallen.

Ein kühner Plan, der im Frieden bei Manövern in Ausführung und Kritik oftmals eine Rolle spielt, der auch im Kriege seinerzeit von Feldmarschall Blücher und seinem Gneisenau an der Katzbach glänzend gelöst wurde. Gefährlich bleibt ein solches Unternehmen aber immer. Hindenburg und sein Stab raten daher ab. Doch vergeblich. Die russische Überlegenheit kann also bei Iwangorod über die Weichsel rücken; der österreichische Gegenangriff erringt zwar anfangs Erfolge, erlahmt aber bald und verwandelt sich schließlich in einen Rückzug.

Was nützt es den Deutschen jetzt noch, wenn die ersten Anstürme der Russen gegen Mackensens neue Front abgewehrt werden können? Die rechte Flanke des beabsichtigten Angriffs ist durch das Zurückweichen des Verbündeten entblößt. Hindenburg muss auf diese Operation verzichten. Es erscheint ihm am besten, er macht sich durch Fortsetzung des Rückzuges die Arme frei, um später an anderer Stelle wieder zuschlagen zu können.
Dieser Entschluss reift im deutschen Oberbefehlshaber der Ostfront im Hauptquartier in Radom zunächst nur in Umrissen, aber doch klar genug, um für die weiteren Maßnahmen als Richtlinie zu dienen. Der Chef des Generalstabes (Ludendorff) hatte diese festzuhalten und für ihre Durchführung zu sorgen.

Hindenburg: "Freilich verbinden sich mit dem Gedanken auch ernste Bedenken. Was wird die Heimat sagen, wenn sich unser Rückzug der Grenze nähert? Ist es ein Wunder, wenn Schlesien erbebt? (....) Das reiche Schlesien mit seinem mächtig entwickelten Bergbau und seiner großen Industrie, beides für die Kriegführung (für) uns so notwendig wie das tägliche Brot.
Man fährt im Kriege nicht so einfach mit der Hand über die Karte und sagt: 'Ich räume dieses Land!' Man muss nicht nur soldatisch, sondern auch wirtschaftlich denken; auch rein menschliche Gefühle drängen sich auf, ja gerade diese sind oft am schwersten zu bannen."

Der Rückzug der deutschen 9. Armee wird am 27. Oktober in allgemeiner Richtung Ezenstochau eingeleitet. Gründliche Zerstörungen aller Brücken, Straßen und Eisenbahnen sollen das Nachrücken der dicht gedrängten russischen Massen verzögern. Nach der völligen Loslösung vom Gegner wird man genügend Zeit finden, eine neue Operation einzuleiten, so die Hoffnung der deutschen Armeeführung.
Die wichtigste Aufgabe war im Moment, die russischen Truppen von den deutschen Bahnlinien fernzuhalten. Nach Berechnung des Generalstabes Ober-Ost konnten sich die russischen Verbände nicht weiter als etwa 120 km von ihren Bahnlinien entfernen, ohne die logistische Versorgung der kämpfenden Truppe zu gefährden. Gelingt den Deutschen die nachhaltige Zerstörung der Verkehrswege, so konnten sie davon ausgehen, die russischen Divisionen auch ohne große Kämpfe noch vor der Landesgrenze zumindest für ein paar Tage zum Halten zu zwingen.
Die Armee rückt hinter die Widawka und Warthe, linker Flügel in Gegend Sieradz; das Hauptquartier geht nach Ezenstochau. Die Russen folgen anfangs dicht auf, dann erweitert sich der Abstand wie geplant.

Aber war die letztendliche Vernichtung nicht nur aufgeschoben? Der russische Oberbefehlshaber äußerte sich jedenfalls in diesem Sinne. Er hielt die Deutschen für völlig geschlagen und im Zurückfluten begriffen. In England und Frankreich gab es schon entsprechende Zeitungsmeldungen.

Vielleicht war diese Einschätzung des russischen Oberbefehlshabers der Deutschen Glück, denn am 1. November wird folgender russischer Funkspruch aufgefangen: "Nachdem man jetzt 120 Werst verfolgt hat, ist es an der Zeit, die Verfolgung der Kavallerie zu überlassen. Die Infanterie ist ermüdet, der Nachschub schwierig."
Die Deutschen können also Atem schöpfen.