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Stärkeverhätnisse zu Beginn der Schlacht Hauptfront
Deutsche (8. Armee) Russen (1. Armee)
Infanterie 184 Bataillone 228 Bataillone
Kavallerie 99 Schwadrone 173 Schwadrone
Artillerie 1074 Geschütze 924 Geschütze
Südostfront
Deutsche
(3.RD/LwD Goltz)
Russen
(10. Armee)
Infanterie 24 Bataillone 72 Bataillone
Kavallerie 15 Schwadrone 38 Schwadrone
Artillerie 60 Geschütze 252 Geschütze
Südfront
Deutsche
(5.u.70.LwBr, HR Graudenz)
Russen
(2.Armee)
Infanterie 24 Bataillone 88 Bataillone
Kavallerie 10 Schwadrone 87 Schwadrone
Artillerie 78 Geschütze 372 Geschütze

Die Schlacht an den Masurischen Seen

9.-14.September 1914

Resultat und Wirkung
Der spektakuläre Verlauf und das unerwartet gute Ergebnis der gerade zu Ende gegangenen Tannenbergschlacht mit ihren hohen Gefangenen- und Beutezahlen hat dazu geführt, dass dem unmittelbar folgenden Sieg über die russische Njemen-Armee nicht die Beachtung geschenkt worden ist, die ihm nach der Kühnheit der Schlachtanlage sowie nach der Größe des Erfolgs zukommt.
Wie in der Schlacht bei Tannenberg, so haben auch hier die schnellen und kräftigen Bewegungen der Deutschen den russischen Operationsplan zerschlagen. Auf deutscher wie auf russischer Seite war ein Teil der Truppen durch vorhergegangene Verluste geschwächt. Die beiderseitigen Kopfstärken lassen sich daher zum Vergleich nicht heranziehen, man kann nur die Zahl der vorhandenen Einheiten und Geschütze gegeneinander stellen.

Die Russen verfügten bis zu den entscheidenden Kampftagen in Ostpreußen und längs der ostpreußischen Südgrenze an aktiven und Reservetruppen über mindestens 398 Bataillone, 288 Schwadronen und 1492 Geschütze. Wieder wurde deutscherseits zur Schlacht selbst alles heran geholt, was nur irgendwie erreichbar war. Auf der langen und äußerst gefährdeten Südflanke blieben gegen die teilweise aufgefrischte russische Narev-Armee, die ihrerseits immer noch etwa 88 Bataillone, 87 Schwadronen und 372 Geschütze zählte, nur 24 Landwehr- und Ersatz-Bataillone, 10 Schwadronen und 78 Geschütze zurück. In den Tagen, in denen die Entscheidung fiel, verminderten sich die Zahlen auf deutscher Seite noch einmal um ein Viertel.
Zur Abwehr der russischen 10. Armee (Südostgrenze), die bis zum 10. September auf eine Stärke von 72 Bataillonen, 38 Schwadronen und 252 Geschütze anwuchs, wurden im ganzen nicht mehr als 24 Reserve- und Landwehr-Bataillone, 15 Schwadronen und 60 Geschütze eingesetzt. Nur so war es der deutschen Führung möglich, mit einigermaßen ausreichenden Kräften die Njemen-Armee selbst anzugreifen.
Auf russischer Seite wurden von den Divisionen des Feldheeres insgesamt 88 Bataillone, 18 Schwadronen und 176 Geschütze in den Festungen weit hinter der Front zurück gehalten. Ohne Einheitlichkeit und Kraft wurden die Teile der 10. und 2. Armee (Narev-Armee) eingesetzt, um der 1. Entlastung zu bringen.

General von Rennenkampf verfügte zur Schlacht über 228 Bataillone, 173 Schwadronen, 924 Geschütze. Er war also mit Artillerie sehr viel besser ausgestattet als General Samsonow bei Tannenberg. Seine Armee stand in einer geographisch begünstigten Stellung, die sie eine Woche lang ungestört hatte ausbauen können.
Generaloberst von Hindenburg konnte 184 Bataillone, 99 Schwadronen, 1074 Geschütze zum Angriff gegen diese Stellung vorführen, war also nur an Artillerie überlegen. Erfahrungen für den Angriff gegen eine Stellung, wie man sie hier vor sich hatte, insbesondere über den Bedarf an Geschützen und Munition fehlten. Rasches Vorstürmen erschien unter solchen Verhältnissen als ein großes Wagnis. Schritt für Schritt, jederzeit in der Lage, einen Vorstoß des überlegenen Verteidigers abzuwehren, wurden die Truppen gegen die Stellungen geführt. Vor dem Sturm der Infanterie war die artilleristische Überlegenheit zu erkämpfen. Dies gelang nirgends, da die Russen ihre Artillerie in gut getarnten Stellungen sehr geschickt einsetzten.
Trotzdem errangen die Deutschen den Sieg.

Dieser Sieg ist in erster Linie der deutschen Führung zuzuschreiben. Sie konnte nach dem Sieg von Tannenberg mit der Überlegenheit an Ausbildung, Ausrüstung und Motivation der deutschen Truppen als sicheren Faktor rechnen. So hat sie sich zu dem kühnen, für die Russen unerwarteten, Ausholen südlich der Seen entschlossen. Funksprüche, die Stärke und Bewegungen des Gegners anzeigten, kamen diesmal nicht zu Hilfe. Die Russen waren vorsichtig geworden und chiffrierten ihren Funkverkehr. (Der Code konnte erst Ende September von den Österreichern entschlüsselt werden) Man schätzte ihre zahlenmäßige Überlegenheit noch höher ein, als sie in Wirklichkeit war. Und doch hat General von Hindenburg die weit ausholende Umfassung trotz aller Gefahren bis zum Erfolg durchgeführt. Es gelang ihm, die feindlichen Reserven von der auf dem Südflügel angestrebten Entscheidung so lange fern zu halten, bis dort der Einbruch geglückt war.
Es war keineswegs sicher, dass der deutsche Angriff nach dem 10. September noch viel weiter gekommen wäre, wenn General von Rennenkampf standgehalten hätte, auch wenn seine Rückzugsstraßen bedroht waren. Hatten doch 1¼ russische Infanterie-Divisionen und eine Kavallerie-Division dem deutschen I. und XVII. Armeekorps tagelang erhebliche Schwierigkeiten bereitet. Reserven fehlten auf deutscher Seiten ganz. Das alles konnte die russische Führung nicht übersehen.

Das Ergebnis der Schlacht hat den auf die Umfassung gesetzten Hoffnungen nicht ganz entsprochen. Der deutschen Führung standen keine Mittel zur Verfügung, den russischen Führer am Rückzug zu hindern. Es ist anzunehmen, dass ein aggressiveres Vorgehen an der nördlichen Front die russischen Reserven zum mindesten teilweise dauernd gefesselt und dadurch die Aussichten der überholenden Verfolgung gesteigert hätte. Das Zögern mit dem Frontalangriff hatte seinen Grund aber nicht in einer Verkennung dieser Wirkung, sondern in der Schwäche der deutschen Angriffsfront und ihrer Kampfmittel. Russische Gegenmaßnahmen und eine Reihe unglücklicher Zufälle haben das Ergebnis der Verfolgung weiter beeinträchtigt. Zum Beispiel am 10. September die Entsendung der 1. Kavallerie-Division von Goldap nach Süden auf Lyck, aus Sorge um die 3. Reserve-Division. Oder das Einschwenken der ganzen 2. Infanterie-Division nach Westen. Dann am 11. September die alarmierende Nachricht vom XI. Armeekorps, am 12. die abweichende Auffassung des I. Armeekorps und schließlich die Schwäche und Überanstrengung der deutschen Heereskavallerie. Für sie war angesichts der vorangegangenen Leistungen und die mehr als doppelte Überlegenheit der russischen Reiterei die Verfolgung in den Rücken des abziehenden, aber noch keineswegs geschlagenen Feindes, eine überaus schwere Aufgabe.

Alles in allem kann die Schlacht an den Masurischen Seen aus deutscher Sicht doch als erfolgreich bezeichnet werden. 45.000 Gefangene und 150 Geschütze zählte die Beute. Russische Quellen geben die Verluste mit 100.000 Mann an (70.000 Tote und Verwundete, 30.000 Gefangene). Die Reste der 1.(Njemen)-Armee gelangten in Unordnung und Auflösung über die Grenze und musste bis hinter den Njemen zurück geführt werden. Die Auffrischung zur Wiederherstellung der Kampfkraft dürfte mehrere Wochen in Anspruch nehmen.
Auf deutscher Seite steht ein Gesamtverlust von etwa 9.000 Mann gegenüber.

Die russische Heeresgruppe der Nordwestfront war nach diesen beiden Schlachten (Tannenberg und Masurische Seen) in allen ihren Teilen entscheidend geschlagen:
Die 1. Armee war für die nächsten Wochen nicht mehr einsatzfähig, die Versammlung der 10. Armee war in Verwirrung gebracht, die Reste der 2. hatten erneut einen Stoß erlitten. Selbstvertrauen und Siegeszuversicht waren erschüttert.