powered by crawl-it
Russische Operationen

Die Schlacht an den Masurischen Seen.

9. - 14. September 1914

Die Operationen der Russen

Die enttäuschende Nachricht vom völligen Zusammenbruch der 2. Armee zwang die russische Führung, den Plan eines Vorgehens "tief nach Deutschland hinein" bis auf weiteres ganz aufzugeben und auch auf die Besetzung Ostpreußens zunächst zu verzichten. Es war nicht möglich, an dem von Frankreich gewünschten Angriff gegen Deutschland noch weiter festzuhalten.
Am 2. September hatte der Oberste Befehlshaber, Großfürst Nikolai Nikolajewitsch, in Bjelostok eine Besprechung mit dem Oberbefehlshaber der Nordwestfront, General Jakov Shilinski. Man rechnete jetzt mit einem deutschen Angriff gegen den Narev mit dem Ziel, "den Österreichern die Hand zu reichen und dann einen gemeinsamen Angriff gegen die Front Brest-Litowsk - Bjelostok - Grodno zu führen." Um dieser feindlichen Operation zuvorzukommen, hielt man es für nötig, "vor allem mit dem österreichischen Heer fertig zu werden, indem man ihm bei Lublin einen kräftigen Schlag versetze". Zur Deckung dieses Vorhabens gegen die deutsche 8. Armee in Ostpreußen wurde das XXII. Korps wieder der Nordwestfront zugeteilt. Es trat zu der nach Warschau anrollenden 10. Armee, die nunmehr zwischen der 1. und 2. Armee eingeschoben werden sollte. Auf Grund dieser Absichten und Kräfteverteilung sind die Operationen dann weiter durchgeführt worden.

An der Nordwestfront erforderte der Zusammenbruch der 2. Armee besondere Maßnahmen. Man rechnete damit, dass die Deutschen weiter angreifen würden. Sie konnten sich
1.) gegen die vom Kurischen Haff bis zu den Masurischen Seen stehende 1. Armee wenden oder
2.) gegen den Narev im Süden, außerdem
3.) mit neuen Kräften von Westen her gegen den Raum um Warschau.

Der Oberbefehlshaber der Nordwestfront, General Shilinski, hatte am 31. August der 1. Armee befohlen, sich nördlich der Masurischen Seen hartnäckig zu verteidigen, die 2. Armee sollte mit ihrem linken Flügel auf Lomsha zurück gehen. Das bedeutete ein sofortiges Aufgeben des Raumes um Warschau. Bei der erwähnten Besprechung in Bjelostok lehnte der Großfürst das ab. Um die entscheidende Operation in Galizien gegen eine Einwirkung aus Ostpreußen zu schützen, musste man bei Warschau und am Narev dauernd ausreichende Kräfte zur Abwehr bereithalten. Die anrollende 10. Armee (XXII. Korps aus Finnland, III. sibirisches, I. turkestanisches und II. kaukasisches) sollte in die Lücke zwischen der 1. und 2. Armee eingeschoben werden. Andererseits wurde auf dem Westflügel der 2. Armee eine besondere Abteilung Warschau (2 Infanterie- und 1¾ Kavallerie-Divisionen von der 2. und 9. Armee) gebildet. Zunächst wollte man sich auf reine Abwehr beschränken. Etwa Mitte September aber, hoffte General Shilinski, werde die 2. Armee wieder verwendungsfähig und das XXII. und das III. sibirische Korps heran sein. Dann wollte er den Angriff auf der ganzen Linie wieder aufnehmen. Die Oberste Heeresleitung hegte Zweifel, ob die Deutschen so lange Ruhe halten würden.
Für die Abwehr war der Abteilung Warschau, der 2. und 10. Armee der Lauf der Weichsel mit den Festungen Warschau und Nowogeorgiewsk und anschließend daran die befestigte Narev-Bobr-Linie klar vorgezeichnet.

Darüber, wie die russische 1. Armee (Rennenkampf) sich gegen den zu erwartenden deutschen Angriff verhalten solle, hatte am 31. August ein Gedankenaustausch zwischen Heeresgruppe und Armee-Oberkommando stattgefunden. General Mileant, der Generalstabschef der 1. Armee, hatte vorgeschlagen, bis in die Linie Insterburg-Goldap zurückzugehen, um die Deutschen, wenn sie durch das Seengebiet vorgingen, von Norden her zu bedrohen. Der Generalstabschef der Heeresgruppe, General Oranowski, war mit diesem Plan einverstanden gewesen. General von Rennenkampf aber hatte ihn abgelehnt. Er befürchtete von weiterem Rückzug eine ungünstige moralische Wirkung auf die Truppe. Er fühlte sich stark genug, den deutschen Vormarsch abzuwehren, wo er jetzt stand. So blieb die 1. Armee in ihrer von Natur aus starken Stellung hinter Deime, Omet und angelehnt an die Masurischen Seen stehen. Die Stellungen wurden verstärkt.
Man rechnete wohl schon mit einem Vorgehen der Deutschen über Lötzen, mit dem kühnen Wagnis eines Ausholens um das Südende der Seen herum aber doch nicht.

General von Rennenkampf hatte Anfang September im ganzen 16½ Infanterie-Divisionen, davon 8½ aktive, die übrigen Reserve-Divisionen, und 5½ Kavallerie-Divisionen unter seinem Befehl. Diese Stärke hat sich auch bis zu den entscheidenden Kampftagen nicht mehr gehoben. Man wagte aber nicht, alle Feldtruppen aus den Festungen heranzuziehen, obwohl deren Ablösung durch Reichswehrtruppen gerade stattgefunden haben musste.
Daher sind von der 68. Reserve-Division aus Riga, der 73. aus Kowno und der 76. aus Grodno nur Teile, vor allem Artillerie, zur Front herangeholt worden.
So verfügte General von Rennenkampf bei Beginn der Kämpfe an der Front im ganzen doch nur über 14 Divisionen Infanterie, von denen er 8½ nördlich der Seen in der Front einsetzte, von rechts beginnend:
Das neugebildete XXVI. Reserve-Korps mit der 53. und 56. Reserve-Division,
der 1. selbständigen Kavallerie-Brigade und Artillerie der 73. Reserve-Division an der Deime-Front
das III. Korps mit der 25. und 27. Infanterie-Division bei Allenburg
das IV. Korps mit der 40. und 30. Infanterie-Division
der 5. Schützen-Brigade und der 57. Reserve-Divisionen bei Gerdauen
das II. Korps mit der 26. Infanterie-Division bei Angerburg
Die andere Division dieses Korps, die 43., sowie ein Infanterie-Regiment und die gesamte Artillerie der 76. Reserve-Division hatten östlich der Seen die Flanke zu schützen. Dazu war das Infanterie-Regiment 169 bis Arys nach Süden vorgeschoben. Mehr als vier Divisionen standen als Reserven hinter der Front, davon die Masse hinter dem Nordflügel, wo man deutsche Unternehmungen über das Kurische Haff oder von See her befürchtete
(Dort wo deutsche Flieger westlich Insterburg an mehreren Tagen ganze Divisionen erkannt haben wollen, scheinen keine größeren Kampfeinheiten gestanden zu haben, sondern wahrscheinlich nur Tross. Dieser war bei russischen Einheiten wesentlich größer als bei den Deutschen, deshalb wahrscheinlich das falsche Ergebnis der Aufklärung.)
So wurde hinter der an sich schon sehr stark besetzten Deime-Front auch noch das XX. Korps (28. und 29. Infanterie-Division) bereitgehalten. Bei Tilsit deckten Teile der 68. Reserve-Division. Das Oberkommando der Nordwestfront wollte dort sogar eine ganze Infanterie-Division und eine Kavallerie-Brigade bereit gestellt haben. Die 54. Reserve-Division stand bei Insterburg, die 72. bei Darkehmen. Es liegen keine Anhaltspunkte vor, das General von Rennenkampf den Gedanken hegte mit diesen starken Reserven einen entscheidenden Stoß anzusetzen, wie es die Deutschen für möglich gehalten hatten. Die Heereskavallerie war allmählich hinter die Front zurück gewichen.
Es waren dies:
Die 2. Brigade der 1. Garde-Kavallerie-Division (Gen.Lt. Kasnakow)
(Leibgarde Kürassier-Regiment des Kaisers und
Leibgarde Kürassier-Regiment der Kaiserin Marie)
Die 2. und 3. Kavallerie-Division (General Chan Hussein) zu einem Korps vereint
und die 2. Garde-Kavallerie-Division (Gen.Lt. Rauch)
Die 1. Kavallerie-Division war zum Übertritt zur 10. Armee bestimmt, hielt sich aber zunächst noch in der Südflanke der 1. Armee südlich Goldap auf.

Die Anfänge der 10. Armee trafen nach und nach südlich der 1. Armee ein, zuerst das auf Lyck angesetzte XXII. Korps und das nach Grajewo bestimmte III. sibirische Korps. Das XXII. Korps hatte eine Vorhut gegen Johannisburg vorzutreiben, während das III. sibirische seine vorderste Division, die 8. sibirische Schützen-Division, zunächst noch zur Besetzung der Narev-Befestigungen Ossewjez und Lomsha abgeben musste.

Am 7. September hatte die Heeresgruppe der Nordwestfront die erste überraschende Nachricht erhalten, dass eine deutsche Infanterie-Division zusammen mit einer Kavallerie-Brigade längs der ostpreußischen Südgrenze Richtung Osten marschiere. Der Oberkommandierende, General Shilinski, erkannte die starke und weit ausholende Umfassungsbewegung und befahl darauf den Vormarsch der verfügbaren Teile der 10. Armee von Lyck und Lomsha gegen Arys und Johannisburg, den der 2. (Rest)-Armee gegen Myschinjez-Chorshele.
Inzwischen war aber am Abend des selben Tages die Vorhut des XXII. Korps (Teile der 1. und 3. finnländischen Schützen-Brigade) bei Bialla bereits angegriffen und teils auf Grajewo, teils nach Norden zurückgeworfen worden.
Auch wurde ein deutscher Funkspruch aufgefangen, über die Ausladung des Gardekorps und V.Armeekorps. An der Deime bemerkte man erhöhte deutsche Gefechtstätigkeit.
So wurde man beim Heeresgruppen-Kommando am 8. September schwankend. General von Rennenkampf, der zwar selbst seine Lage bisher für sicher hielt, sollte nötigenfalls auf Gumbinnen ausweichen, die Korps der 10. Armee "im Falle des Vormarsches bedeutender feindlicher Kräfte" auf Augustow und Grajewo. Noch am selben Tag aber wechselte die Auffassung wieder, vielleicht unter dem Einfluss der Obersten Heeresleitung, insbesondere wohl des Großfürsten Nikolai Nikolajewitsch. Der Großfürst rechnete damit, "dass die 1. Armee ihre Stellung mit größter Hartnäckigkeit verteidigen wird, was angesichts dieser Tage an der Südwestfront erwarteten Entscheidung nötig erscheint". Die Stärke des deutschen Südflügels wurde nur gering veranschlagt. Von der 10. Armee sollte nunmehr das XXII. Korps die Enge von Nikolaiken besetzen, das III. sibirische Korps wurde von Süden gegen Bialla-Johannisburg angesetzt. Gelang es, den Südflügel des deutschen Vormarschs zum Stehen zu bringen, so schien für die linke Flanke der 1. Armee jede Gefahr beseitigt.
Diese Weisungen führten dazu, dass von der 10. Armee noch am 8. September abends alle verfügbaren Teile des XXII. Korps (etwa zwei Brigaden) von Lyck nach Westen antraten, gegen Flanke und Rücken der auf Arys marschierenden deutschen Truppen. Das III. sibirische Korps aber begann zu dieser Zeit erst, sich bei Grajewo zu sammeln, nachdem seine 8. Schützen-Division in ihren Stützpunkten am Narev durch neu eintreffende Einheiten des I. turkestanischen Korps abgelöst worden war.

Inzwischen war auch die 2. Armee angetreten. Der neue Oberbefehlshaber, General der Kavallerie Scheidemann (bisher Kommandierender General des II. Korps) verfügte, ohne die Festungsbesatzungen, über etwa 5½ Infanterie-Divisionen (I. und VI. Korps, eine Infanterie-Division vom XXIII. Korps, 1. Schützen-Brigade) und über drei Kavallerie-Divisionen (4., 6. und 15.). Diese Kräfte waren bis dahin auf die reine Abwehr an der Narev-Linie eingestellt gewesen und trotz der Schwäche der hier angesetzten deutschen Landwehr-Abteilungen auf die Flusslinie zurück gewichen. Große Angriffskraft hatte sie nach allem, was vorhergegangen war, nicht mehr. Trotzdem sah man davon ab, Teile von der Obersten Heeresleitung als "Abteilung Warschau" und als Festungsbesatzung bestimmten Verbände zum Angriff mit vorzuführen. So blieben zum Schutz Warschaus die ganze 59. und 77. Reserve-Division nebst 1¾ Kavallerie-Divisionen und in Nowogeorgiewsk (nordwestlich Warschau) die 79. Reserve-Division stehen. Außerdem sollte auch noch die 1. Schützen-Brigade bei Pultusk zur Deckung der dortigen Narev-Übergänge zurück bleiben. So wurden fünf bereits bei Tannenberg schwer geschlagene Infanterie-Divisionen gegen den Feind geführt, während 3½ andere, die weniger gelitten oder noch gar nicht im Kampf gestanden hatten, zurück blieben.
Der Vormarsch der 2. Armee gelangte am 9. September bis Myschinjez und Chorshele. Bei Myschinjez hatte das VI. Korps und die 4. Kavallerie-Division vergeblich die deutsche 70. Landwehr-Brigade angegriffen.

Bei der 1. Armee spitzte sich die Lage immer mehr zu. Eine schwere Bedrohung in der südlichen Flanke machte sich fühlbar. Die 10. Armee hatte die erhoffte Entlastung bisher nicht gebracht. Über Arys und Lötzen schwenkten die Deutschen nach Norden ein. Der schwache Südflügel der 1. Armee sah sich unerwartet von überlegenen deutschen Truppen bedrängt. Die russische Front nördlich der Masurischen Seen war bisher nirgends ernsthaft angegriffen, und die Reserven und die Reiterei standen noch unberührt. So glaubte General von Rennenkampf sich schließlich auch ohne die Hilfe der 10. Armee halten zu können.

Am 8. September hatte er angeordnet, dass vom rechten Flügel die 29. Infanterie-Division des XX. Korps und die 54. Reserve-Division zur Abwehr der bedrohenden Umfassung auf Darkehmen und die dort stehende 72. Reserve-Division weiter nach Süden antreten sollten. Am 9. September ließ er ihnen den Rest des XX. Korps (28. Infanterie-Division) folgen und setzte das Kavalleriekorps des Chan Hussein und die 2. Garde-Kavalleriedivision auf Goldap an.
Diese Maßnahmen kamen zu spät, um den Zusammenbruch der 43. Infanterie-Division bei Possessern am 9. September abends aufzuhalten. Für den 10. September aber waren vier Infanterie- und drei Kavallerie-Divisionen neu zum Einsatz zur Verfügung an einer Stelle, wo bisher 1¼ Infanterie- und 1 Kavallerie-Division der deutschen Übermacht entgegen gestanden hatten. Die Lage war auch jetzt noch keineswegs aussichtslos.

General von Rennenkampf gab am 9. September nachmittags den Rückzugsbefehl für die Front nördlich der Seen. Dieser Befehl kam für die vorne fechtenden Truppen überraschend. Die Bewegung wurde in der Nacht zum 10. September trotzdem im großen und ganzen geordnet angetreten. Der Nordflügel, der den Befehl schon um 17:00 Uhr erhalten hatte, und die Mitte marschierten bald darauf ab, während der Südflügel bei Angerburg länger halten musste. Hier schaffte sich der Kommandierende General des russischen IV. Korps, General Alliew, aus eigenem Entschluss durch kräftige Gegenstöße Luft.

Am 10. September schien mit der Loslösung vom Feind die Gefahr beseitigt, zumal General von Rennenkampf das XXII. Korps zu dieser Zeit im Vorgehen gegen den Rücken der deutschen Umfassung annahm. Er erwog sogar, mit diesem Korps zusammen auf dem Südflügel wieder zum Angriff vorzugehen.
Um so größer war dann die Bestürzung beim Oberkommando der 1. Armee in Insterburg, wie bei dem der Heeresgruppe in Bjelostok, als in der Nacht zum 11. September die Einnahme Goldaps durch die Deutschen gemeldet. Die Erfahrungen von Tannenberg schreckten. Der Abzug des soeben erst verstärkten Südflügels der Armee war aufs äußerste gefährdet. Über Darkehmen mussten am 11. September 2½ Divisionen des IV. Korps zurückgehen. Südlich von ihm aber standen noch das II. und XX. Korps mit zusammen 6 Divisionen. Das II. sollte sich durch Gegenstöße nach Süden Luft machen, das XX. Goldap wieder nehmen. Das gelang zwar nicht, aber die Abwehrmaßnahmen hielten die überholende Verfolgung der Deutschen auf. Abends kamen diese bis vor Gawaiten und nach Tollmingkehmen. Der Weg nach Osten war für die südlich der Linie Darkehmen-Tollmingkehmen stehenden russischen Verbände verlegt. Das XXII. Korps konnte nicht helfen. So entzogen sich die sechs Divisionen des russischen Südflügels der drohenden Gefangennahme durch nächtlichen Abmarsch nach Nordosten. Auch scheinen Teile des XX. Korps am 12. September zwischen der 1. und 2. Division des deutschen I. Armeekorps hindurch über Tollmingkehmen entkommen zu sein.

Die auf dem Südflügel im ganzen vier Divisionen zählende russische Kavallerie hat den Rückzug der 1. Armee nicht so unterstützt wie man erwarten konnte.
Die 1. Kavallerie-Division hat am 9. September am Widminner See mitgekämpft, dann aber ist General Romeiko-Gurko, einer früheren Weisung folgend, nach Süden zur 10. Armee abgerückt.
Die 2. Garde-Kavallerie-Division unter Generalleutnant Rauch ist am 10. September früh nördlich Possessern gegen das deutsche XVII. Armeekorps (Mackensen) ins Gefecht getreten, am Abend desselben Tages wurden die vordersten Teile durch die deutsche 8. Kavallerie-Division (Gen.Mj. Graf von der Schulenburg) aus Goldap vertrieben.
Das Kavalleriekorps des Gen.Lt. Chan Hussein gelangte ohne Feindberührung bis in die Gegend südlich der Romintenschen Heide. Erst vom 11. September ab übernahmen die drei noch verbliebenen Kavallerie-Divisionen in wirksamer Weise den Schutz der Armeeflanke in der Romintenschen Heide und verzögerten von da ab dem dort vordringenden deutschen Kavalleriekorps deren Umfassungsbewegung. Mit den Leistungen des Gen.Lt. Chan Hussein Nachitschewanski war man wohl an höherer Stelle nicht ganz zufrieden, er wurde seines Kommandos enthoben. Immerhin gelang es unter dem Schutz der Kavallerie die Masse der russischen Truppen in zahlreichen, dicht nebeneinander marschierenden Kolonnen auf Wirballen und nördlich davon der Grenze zuzuführen.
Die 1. Armee entkam schließlich mit der Masse der Truppen. Durcheinander gewürfelt und in der Kampfkraft erheblich geschwächt, unter Zurücklassung großer Mengen an Geschützen und sonstigem technischen Gerät zog sie sich zur Neuordnung, ohne vom Feind weiter bedrängt zu werden, bis hinter den Njemen zurück.

Das Oberkommando Nordwestfront hatte während dieser Vorgänge seine Absichten noch zweimal geändert. Der Angriffsbefehl für die 10. und 2. Armee war am 9. September widerrufen worden, als die 10. Armee meldete, sie sei noch nicht in der Lage anzugreifen. Da auch die 1. Armee zurückging, sollte die 10. nunmehr auf Augustow und Grajewo zurückgehen, die 2. sollte stehen bleiben. Als dann bei General von Rennenkampf vorübergehend der Gedanke aufkam, mit dem Südflügel doch wieder anzugreifen, wurde in der Nacht zum 11. September der 10. und 2. Armee von neuem der Befehl zum Angriff gegeben, aber schon am 12. endgültig wieder in den Rückzugsbefehl umgewandelt, da auf die 1. Armee für einen Angriff doch nicht mehr zu rechnen war. Diese einander rasch folgenden Gegenbefehle führten dazu, dass nichts Einheitliches geschah.
Das XXII. Korps brach in der Nacht zum 10. September den Kampf gegen die deutsche 3. Reserve-Division ab, dann stieß wieder das III. sibirische Korps gegen Lyck vor, ging aber am 13. wieder zurück. Die 2. Armee blieb zwei Tage untätig an der Grenze stehen. Die deutsche Verfolgung ist nur insoweit gestört worden, als die 1. Kavallerie-Division vorübergehend aus der entscheidenden Verfolgungsrichtung, von der Richtung auf Goldap in Richtung Lyck, abgezogen wurde.
Über die Schuld an der neuen Niederlage haben zwischen den höheren russischen Kommandobehörden scharfe Meinungsverschiedenheiten bestanden. So enthob General von Rennenkampf seinen Generalstabschef, Generalmajor Mileant, am 11. September seiner Stellung. Dieser General wurde daraufhin in das Hauptquartier der Heeresgruppe befohlen, die dann die Abberufung des Generals von Rennenkampf bei der Obersten Heeresleitung beantragte. Diese aber ging darauf nicht ein, sondern enthob schließlich den Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Nordwestfront, General Shilinski , selbst seiner Stellung und ersetzte ihn durch General Russki, den bisher siegreichen Führer der 3. Armee.
Der Oberbefehlshaber der russischen Streitkräfte, Großfürst Nikolai Nikolajewitsch drahtete an den Zaren: "Ich bekenne offen, dass ich nicht verstanden habe, die Ausführung meiner Anordnungen durchzusetzen, daher lege ich mein schuldiges Haupt Euer Majestät zu Füßen"