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10. Sept.

Die Schlacht an den Masurischen Seen

Der russische Rückzug

Der 10. September 1914
An diesem Tage brachte der Morgen schon einen völligen Umschwung der Lage:
Als die Infanterie des XI. Armeekorps (von Plüskow) und des I. Reservekorps (von Below) in den ersten Frühstunden gegen den Feind vorfühlte, fand sie die russischen Stellungen beiderseits Gerdauen geräumt, die Stadt stand in Flammen. Das I. Reservekorps meldete: "36. Reserve-Division steht in Stellung des Feindes an der Straße Gerdauen-Trausen. Stellung ist nach Aussage von Gefangenen vor 1½ Stunden geräumt worden, und zwar in ziemlicher Auflösung." General von Below habe sein Korps beiderseits der Insterburger Bahn zur Verfolgung angesetzt und das XI. Armeekorps benachrichtigt. Eine Anfrage bei diesem Korps bestätigte das Zurückgehen des Gegners. Vor dem rechten Flügel des Korps (38.Infanteriedivision), auf halbem Wege Gerdauen-Nordenburg, soll der Gegner aber noch stehen.

Beim Armee-Oberkommando
empfand man die Meldung von der Räumung der befestigten russischen Stellungen als eine Erlösung aus angespannter Lage. Von der Südfront hatte man ungünstige Nachrichten erhalten. Auch um die 3. Reservedivision war man nicht ohne Sorge. Nun blieben der Truppe wenigstens die Verluste erspart, die der schwere Frontalangriff gegen die starke feindliche Stellung hätte bringen müssen. Man hielt aber die Lage für noch nicht so geklärt, dass man den Befehl zur Verfolgung uneingeschränkt geben konnte. Angesichts der starken Reserven des Feindes schien immer noch Vorsicht geboten. Das entscheidende Ergebnis erwartete man immer noch von dem auf Benkheim angesetzten Umfassungsflügel. So gab das Armee-Oberkommando um 07:00 Uhr morgens den Befehl zur "frontalen Verfolgung" mit zunächst nur kurz gesteckten Zielen und ermahnte die Korps zur Vorsicht:

Das XX. Armeekorps
sollte mit dem rechten Flügel in die Gegend nördlich Angerburg, mit dem linken am Nordenburger See vorbei "schritt- und abschnittsweise" vorgehen und durch eine Entsendung auf Angerburg selbst dem XVII. Armeekorps die Enge von Ogonken öffnen.

Das XI. Armeekorps
sollte "vorsichtig angreifen, sich nicht den Kopf einrennen". Ihm wurde die Linie Nordenburg - Klonofken (10 km östlich Gerdauen) als Ziel gegeben.

Das I. Reservekorps
wurde angewiesen, mit den Hauptkräften nördlich der Insterburger Bahnlinie, bis Klonofken - Friedrichswalde (9 km nördlich Gerdauen) vorzurücken, über diese Linie aber zunächst nicht hinauszugehen. Sie sollten sich "in der gewonnenen Stellung sofort eingraben. Vorsicht geboten, da mit Rückschlägen zu rechnen ist aus Gegend Insterburg und westlich".

Das Garde-Reservekorps
hatte nördlich des I. Reservekorps vorzugehen. Sein linker Flügel aber sollte "in Erwartung des feindlichen Angriffs stark zurückgehalten" bleiben. Bevor das Armee-Oberkommando weitere Befehle gab, wollte es das Ergebnis der im Gang befindlichen Lufterkundung abwarten.

Bei der 3. Reservedivision
westlich Lyck war eine Besorgnis erregende Lage entstanden. Um 06:18 Uhr hatte General von der Goltz, Kommandeur der Landwehr-Division, aus Johannisburg gemeldet: "3. Reservedivision hat dringend um Hilfe über Andreaswalde gebeten. Ob dies heute noch möglich sein wird, ist bei der weiten Entfernung und den Meldungen über den Feind bei Schtschutschin fraglich. Ich bin aber bei Tagesanbruch aufgebrochen und werde mit äußerster Anspannung der Truppe der 3. Reservedivision zu Hilfe eilen."
Es war nicht die Art des Kommandeurs der 3.RD, General von Morgen, um Hilfe zu bitten, wenn er allein mit dem Gegner fertig werden konnte. Das Generalkommando des I. Armeekorps (von François), dem GenLt. von Morgen unterstellt war, hatte bis dahin noch keine Meldung vom Ausgang seines Kampfes am 9. September. Auch die mit der Verbindungsaufnahme beauftragte 1. Kavallerie-Division (GenLt. Brecht) meldete um 07:50 Uhr aus der Gegend 6 km nördlich Neu-Jucha: "Stellung und Lage 3. Reserve-Division nicht festzustellen, trotz Funkanfrage an 1. Kavallerie-Brigade und zahlreicher Verbindungs-Patrouillen und Autos. 1. Kavallerie-Brigade nachts wieder Andreaswalde."

Die 1. Kavalleriedivision
wollte um 09:00 Uhr nach Norden in den Rücken der russischen 1. Armee weiterreiten. Sie war aber die einzige Truppe, die das Armee-Oberkommando an der Hand hatte, um der 3. Reserve-Division zu helfen. So entschloss man sich, die 1. Kavallerie-Division aus ihrer erfolgversprechenden Vormarschrichtung abzudrehen. Um 09:15 Uhr erhielt sie den Befehl, sofort nach Süden zu reiten, um der 3. Reserve-Division die erforderliche Entlastung zu bringen, "Eile geboten".
1½ Stunden nach Abgang dieses Befehls traf folgende, um 08:30 Uhr abgesandte Meldung des Generalleutnants von Morgen ein: "Habe weit überlegenen Gegner nach schwerem Kampf geschlagen." Der Feind gehe südlich an Lyck vorbei fluchtartig nach der Grenze zurück. Er wolle ihn nur mit Kavallerie verfolgen, mit seiner Division aber den Marsch über Lyck nach Norden fortsetzen, um in den Entscheidungskampf einzugreifen.
Diese Meldung enthob das Armee-Oberkommando wohl der Sorge um die 3. Reserve-Division wie um die Bedrohung aus dem Süden, aber die 1. Kavallerie-Division war aus der Hand und auch über Funk in den nächsten Stunden nicht mehr zu erreichen.

Beim Armee-Oberkommando
wartete man inzwischen seit der Meldung des I. Reservekorps über die Räumung der feindlichen Stellung mit größter Spannung auf weitere Nachrichten, insbesondere auf die Ergebnisse der Lufterkundung. Diese waren spärlich und brachten zunächst noch keine Klärung:
Das Luftschiff Zeppelin 4 aus Königsberg hatte nachts Biwaks in derselben Ausdehnung wie bisher festgestellt, besonders große nördlich Angerburg. Das zur Morgenerkundung angesetzte Flugzeug der Fliegerabteilung des Armee-Oberkommandos hatte wegen Motordefekts umkehren müssen. Aus dem feindlichen Funkverkehr konnten auch keine Schlüsse gezogen werden, da die Russen seit einigen Tagen ihre Funksprüche verschlüsselten. Von den Generalkommandos kamen keine Meldungen, die das Bild weiter klären konnten.
Da brachte endlich um 10:35 Uhr eine Fliegermeldung aus Königsberg Klarheit: Die bisher bei Muldszen (18 km östlich Allenburg) beobachtete russische Division war bis auf ein Bataillon abgerückt, nördlich vom Pregel war nach Osten zu bis Taplacken alles vom Feind frei, seine Stellungen unbesetzt, östlich Taplacken marschierten lange Kolonnen nach Osten auf Insterburg. Dort stand aber immer noch ein Korps. 40 Minuten nach dieser Meldung aus Königsberg meldeten auch die Flieger des XI. Armeekorps den Abmarsch des Gegners nach Osten.
Jetzt war kein Zweifel mehr, dass General von Rennenkampf in vollem Rückzug war. Damit war die Schlacht taktisch gewonnen. Der von der deutschen Führung beabsichtigte große Schlag aber, welcher der russischen 1. Armee die Vernichtung bringen sollte, war nicht geglückt. Nur kräftige Verfolgung konnte den Gegner noch soweit schwächen und die Rückenfreiheit schaffen, deren die deutsche 8. Armee für eine Operation zur Unterstützung der Österreicher und Ungarn dringend bedurfte.

Dazu der Oberbefehlshaber der 8. Armee, Generaloberst von Hindenburg (inzwischen befördert):
"Bei und westlich Insterburg glauben unsere Flieger nunmehr deutlich zwei feindliche Korps feststellen zu können, und ein weiteres solches Korps wird im Anmarsch über Tilsit gesehen. Was wird das Schicksal unserer dünn gesteckten, frontal kämpfenden Korps sein, wenn eine russische Menschenlawine von gegen 100 Bataillonen, geführt von festem, einheitlichem Willen, sich auf sie stürzt?
Ist es trotzdem verständlich, wenn wir am Abend dieses 9. September wünschen und sprechen: "Rennenkampf, weiche ja nicht aus deiner für uns unbezwingbaren Front, pflücke vielmehr Lorbeeren im Angriff aus deiner Mitte!"
Wir hatten jetzt volle Zuversicht, dass wir solche Lorbeeren dem feindlichen Führer durch kräftige Fortführung unseres Flügelangriffs wieder entreißen würden. Leider erkennt der russische Führer diese unsere Gedanken. Er findet nicht den Entschluss ihnen mit Gewalt zu begegnen; und senkt die Waffen."