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Masuren 9. Sept.

Die Schlacht an den Masurischen Seen.

Der Angriff am 9. September 1914

An der Südfront
brachte der 9. September eine Überraschung. Die russische 2.(Narew)-Armee ging wieder vor. Im ganzen standen ihr mindestens zwei Korps und mehrere Kavallerie-Divisionen zur Verfügung. Erkannt hatten die Flieger bisher zwei Kolonnen von Brigadestärke im Marsch von Prasnysch nach Norden sowie eine Kavallerie-Brigade, zusammen mit Infanterie, im Vorgehen von Süden auf Myschinjez. Trotz dieser neuen Bedrohung des eigenen Rückens hielt das Armee-Oberkommando an dem Abtransport der 20.Landwehrbrigade fest. An der Südfront blieben damit nur drei schwache Landwehr-Brigaden stehen.

Auch an der Südostecke Ostreußens wurde am 9. September früh stäkerer Feind als bisher angenommen gemeldet. Eine Brigade, nach anderer Meldung drei bis vier, trafen von Süden her bei Schtschutschin ein. Eine bis zwei Brigaden lagen bei Grajewo und weitere Truppen bei Lyck. Ein einheitliches Vorgehen der Russen gegen den Rücken der deutschen Umfassung zeichnete sich mehr und mehr ab.

Die 3. Reserve-Division
hatte sich zusammen mit der 1. Kavalleriebrigade unter Gen.Lt. Kurt von Morgen am 9. September früh nach Norden gewandt. Gegen den Feind, der am Nachmittag vorher von Lyck auf Klaussen marschiert war. Um ihn aus wirksamer Richtung anzugreifen, hatte die Division den Weg östlich der Klaussener Seenkette gewählt. Das Armee-Oberkommando hatte zu ihrer Unterstützung die Landwehr-Division Goltz von Johannisburg über Arys vorgehen lassen wollen. Da aber Gen.Lt. Freiherr von der Goltz seine Division inzwischen schon nach Osten auf Bialla in Marsch gesetzt hatte, beließ es das Oberkommando bei dieser Vormarschrichtung und wies von der Goltz an, den Marsch abschnittweise so zurückzulegen, dass die Division bei starkem feindlichen Druck von Süden immer noch nach Norden auf Arys abbiegen und durch Sperrung der dortigen Engen den Rücken der Umfassungseinheiten decken könne. Die Landwehr-Division kam an diesem Tag bis Bialla, der Feind im Süden aber war nicht weiter vorgegangen.
Währenddessen war der Angriff der 3. Reserve-Division nach Wegnahme russischer Vorstellungen abends vor Neuendorf und Thalussen zum Stehen gekommen. Der Gegner sperrte hier die Straßen nach Lyck. Gewehr im Arm blieben Freund und Feind auf einige 100 Meter einander gegenüber liegen. Generalleutnant von Morgen wollte den Angriff am 10. September mit Hellwerden fortsetzen.

Das I. Armeekorps
unter General der Infanterie (Drei-Sterne-General) Hermann von François ging am 9. September beiderseits des Widminner Sees nach Norden vor und zog dahinter die beiden Kavallerie-Divisionen (1. und 8.) nach Osten heraus. Der Gegner, die russische 1. Kavallerie-Division (Gen.Lt. Romeiko-Gurko) und Teile von drei verschiedenen Regimentern der 43. Infanterie-Division, leistete angesichts der deutschen Übermacht nirgends nachhaltigen Widerstand. Abends hatte das Kavalleriekorps Brecht mit der 1. Division die Enge von Neu-Jucha, mit der 8. die Gegend östlich des Gablick-Sees in der Hand, während das I. Armeekorps bei Regulowken und Siewken bis tief in Flanke des Gegners vorgedrungen war, der bei Kruglanken dem XVII. Armeekorps gegenüber stand.

Das XVII. Armeekorps
hatte einen schweren Tag. Seine Angriffsfront wurde von den russischen Stellungen im Bogen umspannt. Diese mussten durchbrochen werden. General der Kavallerie August von Mackensen wollte den entscheidenden Angriff in nördlicher Richtung führen, um mit dem XX. Korps zusammen zu wirken. Dabei sollte die feindliche Stellung westlich vom Goldapgar-See bei Wiesental und bei Possessern eingestoßen werden. Die auf Kruglanken angesetzte 35. Infanterie-Division wurde daher angewiesen, nach Wegnahme der dortigen russischen Stellungen nicht weiter nach Osten vorzugehen, sondern möglichst bald starke Kräfte hinter der nach Norden angreifenden 36. Division folgen zu lassen.
Der Angriff sollte nach kräftiger Artillerievorbereitung frühmorgens in östlicher wie in nördlicher Richtung losbrechen. Doch der Gegner zeigte eine unerwartete Zähigkeit und artilleristische Stärke. Er setzte bei Kruglanken sogar mehrmals zum Gegenstoß an. Die Truppen der 35. Infanterie-Division unter Gen.Lt. Hennig hatten hier gegen verdeckt stehende russische Batterien einen schweren Stand. Erst am Nachmittag schaffte ihnen das Herankommen des I. Armeekorps von Süden her etwas Luft. Der Gegner begann nach Osten zurückzugehen. Es gelang aber erst mit Einbruch der Dunkelheit, die russischen Stellungen bei Kruglanken in die Hand zu bekommen.
Nach Norden führte Gen.Lt. Heineccius seine 36. Infanterie-Division zum Angriff vor. Die gegen Wiesental angesetzte 69. Infanterie-Brigade unter Gen.Mj. von Engelbrechten fand dort stärkeren Widerstand als man erwartet hatte. Dagegen glaubte der Kommandeur des 3. Westpreußischen Infanterie-Regiments Nr. 129, Oberst Breßler, östlich von Possessern, vor dem linken Flügel der Brigade, eine Schwäche der feindlichen Stellung erkannt zu haben und drehte daher auf eigene Verantwortung sein ganzes Regiment gegen den Ostrand dieses Ortes ein. Zusammen mit der unter Oberst von Dewitz weiter westlich angreifenden 71. Infanterie-Brigade, vor allem dem 4. Ostpreußischen Grenadier-Regiment König Friedrich I. Nr. 5, nahmen die 129er, von Teilen des 3. Westpreußischen Feldartillerie-Regiments Nr. 36 wirksam unterstützt, um 17 Uhr die Stellungen von Possessern mit dem Bajonett. 1000 Gefangene und zwei Batterien fielen den Stürmenden in die Hände. Die russische Linie war durchbrochen. Die deutschen Regimenter gelangten in der Verfolgung bis 4 km nördlich Possessern, während das rechte Flügelregiment der Division nach Wegnahme einer Vorstellung auch abends noch vor Wiesental festlag.

Das XX. Armeekorps
nördlich des Mauer-Sees stehend, hatte dem XVII. in die Hand arbeiten sollen. Es hatte den Befehl, mit starkem rechtem Flügel die russischen Stellungen östlich des Rhesauer Sees anzugreifen. General der Artillerie Friedrich von Scholtz ließ die 41. Infanterie-Division im feindlichen Artilleriefeuer von Abschnitt zu Abschnitt an diesen Feind heranführen, während er links davon die 37. Infanterie-Division zum Schutz der Flanke gegen Norden zurückhielt. Man hatte beim Korps den Eindruck, dass zwar nur wenige, aber dafür besonders gut versteckte russische Batterien gegenüberstanden. Es gelang nicht, ihr Feuer nieder zu halten. Daher schien es dem Kommandierenden General nachmittags, als günstige Nachrichten über das Vorwärtskommen des I. und XVII. Armeekorps vorlagen, angezeigt, nur noch hinhaltend weiter zu kämpfen. Er erlangte auch das Einverständnis des Armee-Oberkommandos zu diesem Entschluss und hielt die Vorwärtsbewegung seines Armeekorps an. Damit ließ auch der bisher heftige Artilleriebeschuss an dieser Front nach. Die Infanterie blieb an der Linie Pristanien - Rhesauer See liegen, nur das I. Bataillon des 1. Posenschen Infanterie-Regiments Nr. 18 war schon darüber hinaus gegangen. Dieses Bataillon erreichte ohne nennenswerten Kampf das Straßenkreuz und den Fuchsberg nördlich Pristanien. Allein, weit vor der Front und ohne artilleristische Unterstützung litt es aber bald derartig unter feindlichem Feuer, dass es abends wieder zurück musste.

Beim XI. Armeekorps und I. Reservekorps
hatten am frühen Morgen des 9. September Nachrichten über Räumung der feindlichen Stellungen, wie sie auch tags zuvor einmal aufgetaucht waren, die untere Führung veranlasst, ihre Infanterie über die zunächst befohlene Linie hinaus vorzuführen. Diese Bewegung wurde aber von den oberen Kommandostellen aber bald wieder angehalten. Der Kommandierende General des I. Reservekorps, General der Infanterie Otto von Below (inzwischen befördert), traute der Sache nicht. Auch das Armee-Oberkommando mahnte zur Vorsicht. Auch die Truppe selbst hatte inzwischen den Eindruck gewonnen, dass der Gegner noch standhalte, und die Vorwärtsbewegung eingestellt. Westlich Nordenburg suchten sich die Russen sogar durch einen starken Vorstoß Luft zu schaffen. Teile der 38. Infanterie-Division vom XI. Armeekorps unter Gen.Mj. von Versen konnten sie abweisen. Im übrigen kam es an diesem Tage in der Gegend um Gerdauen nur zum Artilleriekampf, der auch hier keine deutsche Überlegenheit erbrachte und nachmittags allmählich abflaute.

Das Garde-Reservekorps
unter der Führung des Generals der Artillerie von Gallwitz fand ebenfalls starken artilleristischen Widerstand. Seine Infanterie arbeitete sich nördlich des Flusses Alle, wo die Garde-Reserve-Infanteriebrigade unter Gen.Mj. Freiherr von Langermann und Erlenkamp vorging, bis dicht an die russischen Stellungen heran. Da jedoch die Kampfkraft der gegnerischen Artillerie völlig ungebrochen blieb und die russischen Reserven am Pregel auch weiterhin die Nordflanke bedrohten, sah General von Gallwitz von der Fortführung des Angriffs an diesem Tage ab.

Beim Armee-Oberkommando
war der Gesamteindruck am Abend, dass der Angriff des I. und XVII. Armeekorps östlich der Masurischen Seen gut vorwärts kam. An der Front nördlich der Seenkette stand man anscheinend einer sehr starken Stellung der russischen 1. Armee gegenüber. Besonders die gegnerische Artillerie war meisterhaft platziert. Hier war es bisher nirgends gelungen, das russische Geschützfeuer niederzuhalten. Der deutschen Infanterie stand ein schweres Stück Arbeit bevor, an dessen Bewältigung man beim Oberkommando mit ernster Sorge dachte. Andererseits spitzte sich die Gesamtlage immer mehr zu.
Der Vormarsch der Reste der 2. Armee gegen die ostpreußische Südgrenze und der Druck des Gegners von Schtschutschin und Lyck her konnten die ganze Oberation noch empfindlich stören, wenn der Sieg nicht bald erstitten wurde. Hatte doch das Vorgehen der Russen von Lyck her schon jetzt die 3. Reserve-Division von der Hauptoperation abgezogen. Ihr schienen stärkere russische Kräfte gegenüber zu stehen. Wie der Kampf bei dieser Division inzwischen verlaufen war, wusste das Armee-Oberkommando nicht.
Anderseits wurden hinter dem russischen Nordflügel nach wie vor starke Reserven gemeldet. Ein Funkspruch der Festung Königsberg gab am 9. September vormittags als Ergebnis der Lufterkundung folgende Kräfte an:
Etwa eine Division an der Bahnlinie Gerdauen - Insterburg, zwei Korps bei Insterburg, ein Korps 30 km nordwestlich Insterburg, dann ausgedehnte Biwaks westlich davon längs des Pregel und schließlich eine Infanterie-Brigade über Norkitten im Marsch zur Front. Nahm man nur die Hälfte der Stärken als zutreffend an, so blieben immer noch zwei Korps. Dazu kam die Meldung, dass der Gegner abends bei Wehlau Postierungen auf das westliche Alle-Ufer vorgetrieben habe. Das deutete erneut auf russische Angriffsabsichten. Da die Njemen-Armee nach den bis zum 9. September bekannt gewordenen 14 Infanterie- und 5 Kavallerie-Divisionen umfasste, hielt man es beim Oberkommando nicht für wahrscheinlich, dass General von Rennenkampf mit einer solchen Streitmacht die Schlacht infolge der deutschen Umfassung ohne weiteres verloren geben werde. Zum mindesten werde er vorher noch seine starken um Insterburg stehenden Reserven einsetzen. Wenn nicht zum eigenen, Entscheidung suchenden Angriff über Wehlau, dann doch wenigstens zum Gegenstoß nach Süden gegen die deutsche Umfassung.
Diese Verhältnisse bestärkten das deutsche Oberkommando in seiner Absicht, gegen die starke Stellung des Gegners und seine ungebrochene artilleristische Kraft den Frontalangriff erst dann durchführen zu lassen, wenn die Umfassung voll wirksam geworden war. Sie schien gut voran zu kommen und sollte die Entscheidung bringen. So hielt Generaloberst von Hindenburg daran fest, dass der Sturm gegen die russische Front erst am 11. September durchzuführen sei und befahl gegen sie auch für den 10. nur eine Fortsetzung des hinhaltenden Angriffs.
Dagegen sollte das XVII. Armeekorps an diesem Tage dicht an den Seen entlang, mit dem rechten Flügel über Kutten, auf Buddern - Angerburg vorgehen, um die russische Stellung westlich Angerburg von hinten für das XX. Armeekorps zu öffnen. Die Angriffsbewegung des XVII.AK sollte in der rechten Flanke durch Vorgehen des I. Armeekorps gedeckt werden. Beide Korps sollten aber die Linie Benkheim - Klinken (8 km nördlich Angerburg) vorläufig nicht überschreiten, da mit einem russischen Gegenstoß von Insterburg her zu rechnen sei.
Der Auftrag des dem General von François unterstellten Kavalleriekorps Brecht (1. u. 8. Kavalleriedivision) blieb unverändert: "Auf Goldap"