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Stärkeverhätnisse zu Beginn der Schlacht
- Deutsche (8. Armee) Russen (2. Armee)
Infanterie 153 Batallone =
144.000 Mann
175 Bataillone =
175.000 Mann
Kavallerie 58 Schwadrone =
9.000 Mann
99 Schwadrone =
16.000 Mann
gesamt 153.000 191.000
Masch.Gew. 296 384
Geschütze 728 612
DEUTSCHE VERLUSTE
- Tote Verwundete
I. Armeekorps 841 1376
XVII. Armeekorps 50 275
XX. Armeekorps 1417 3001
I. Reservekorps 516 915
3. Reservedivision 254 ?
Landwehrdivision Goltz 300 626
5. Landwehrbrigade 58 ?

Die Schlacht bei Tannenberg

26. - 30. August 1914

Stärkeverhältnisse, Verluste und Wirkungen

Die Russen waren der deutschen 8. Armee nicht nur an Gesamtzahl auf dem ostpreußischen Kriegsschauplatz überlegen, sondern allein die Truppen der 2. Armee des Generals Samsonow waren schon zahlenmäßig überlegen.
5 russische Korps, eine Schützenbrigade und 3 Kavallerie-Divisionen, sämtlich aktive Truppen, zogen in ihren ersten Kampf. Nur die 4. und 6. Kavallerie-Division hatten Anfang August in Grenzgefechten schon Verluste erlitten. Auf deutscher Seite konnten ihnen an aktiven Truppen nur 3 Armeekorps gegenüber gestellt werden. Von diesen hatte das I. in den Kämpfen bei Stallupönen und Gumbinnen etwa 3000 Mann verloren, diese Verluste aber inzwischen wieder aufgefüllt. Dem XVII. Korps aber fehlten seit der Schlacht bei Gumbinnen über 7000 Mann seiner Infanterie. An Reservetruppen standen der deutschen Führung ein Korps und eine Division für die Schlacht zur Verfügung, von ihnen hatte das I. Reservekorps etwa 2000 Mann bei Gumbinnen verloren. Die Gesamtzahl der deutschen Feldtruppen betrug 4½ Korps. Hinzu kamen Landwehr- und nichtmobile Ersatztruppen in einer Gesamtstärke von etwa 3 Divisionen, die zur Verwendung im freien Feld nur unzureichend ausgerüstet waren. Sie hatten nur wenige oder gar keine Maschinengewehre und kaum Artillerie. Notgedrungen musste der größte Teil von ihnen Seite an Seite mit den aktiven Feldtruppen eingesetzt werden. Nach Zahl der Verbände standen somit 10 ¾ russische Infanterie- und 3 Kavallerie-Divisionen, sämtlich aktiv, gegen 12 Divisionen deutscher Infanterie, davon nur die Hälfte aktiv. Da jedoch die deutschen Divisionen etwa 25% kleiner waren als die russischen und dies nur bei den aktiven deutschen Infanterie-Divisionen durch eine höhere Anzahl an Artilleriegeschützen ausgeglichen wurde, ergibt sich das Bild, dass die Russen auf dem Schlachtfeld bei Tannenberg an Infanterie, Kavallerie und Maschinengewehren überlegen und nur an Artillerie unterlegen waren.

Im Bereich der Fliegerei war die russische Seite wohl unterlegen. Genaue Zahlen fehlen hier. Bekannt ist jedoch, dass französische Flieger auf russischer Seite im Einsatz waren. Über Luftschiffe verfügten sie nicht. Hiermit waren zweifellos für die Aufklärung Nachteile verbunden. Auf keinen Fall darf man bei ihrer Einschätzung den Maßstab späterer Kriegsjahre anlegen, in denen sich die deutsche wie die gegnerische Führung fast nur auf die Ergebnisse der Luftaufklärung stützte.
So gibt das Kräfteverhältnis auf dem Schlachtfeld selbst keineswegs die Erklärung für die Niederlage der Russen und erst recht nicht für einen solchen Zusammenbruch, wie ihn die Narew-Armee schließlich erlebt hat. Viele andere Gründe waren die Ursache. Sie sind nur zum Teil bei der Armeeführung zu suchen.

Auf russischer Seite befasste man sich in der höheren Führung mit weitreichenden Plänen und versäumte für das Nächstliegende kostbare Zeit und verzettelte seine Übermacht. Auf deutscher Seite sah die Führung, seit General von Hindenburg den Oberbefehl übernommen hatte, zunächst nur das eine Ziel, die Narew-Armee vernichtend zu treffen. Dazu aber wurde der letzte Mann und das letzte Geschütz herangezogen. Landwehr und nichtmobile Ersatztruppen wurden in die Schlacht geführt. Wenn auch das Ziel, die Narew-Armee vernichtend zu schlagen feststand, konnte darüber hinaus noch nicht disponiert werden. Alles war ungewiss.
Der Gedanke der doppelten Umfassung hatte sich aus der Lage bei der Kommandoübernahme am 23. August von selbst ergeben. Ob dieser Gedanke aber ausführbar war, hing von der russischen 1. (Njemen)-Armee ab und, seit die Korps der deutschen Ostgruppe (XVII.AK und I.RK) nach Süden marschierten, vom Ausgang ihres Kampfes gegen den dortigen Feind. (russisches VI. Korps) So konnte das Armee-Oberkommando die Vernichtung der Samsonowschen Armee zunächst nur durch Angriff von Westen erstreben. Aber Zeit und Kräfte reichten nicht aus, um hierzu das wirksamste Mittel, die Umfassung mit starkem Südflügel, etwa über Soldau, anzuwenden. Daher schlug Generalmajor Ludendorff den Angriff gegen Front auf Usdau und weiter auf Neidenburg vor.
Die Schlacht begann mit einem "Durchbruch", dabei sollte der Angriff auf Usdau gleichzeitig die Abschnürung der russischen Mitte und des Nordflügels von ihren rückwärtigen Verbindungen einleiten. Erst vom Nachmittag des 27. August an bot sich die Möglichkeit, deren Einkreisung unter Mitwirkung der Ostgruppe zu betreiben. Diese Möglichkeit wurde sofort erfasst und die Einschließung, trotz mehrfacher Reibungen und Missverständnisse innerhalb der eigenen Armee und trotz neuer Gefährdung von außen, in weiteren viertägigen Kämpfen zum erfolgreichen Abschluss gebracht. Eine Reihe räumlich und zeitlich getrennter und zunächst mehr oder weniger selbständig durchgeführter siegreicher Einzelgefechte ist durch die Hand der oberen Führung schließlich zum Enderfolg ausgestaltet worden. Das Gelingen eines solchen Unternehmens, das Überwinden aller entgegenstehenden Schwierigkeiten wäre aber nicht denkbar gewesen ohne die verständnisvolle Selbsttätigkeit aller beteiligten Unterführer und die hervorragenden Leistungen der Truppe. Die ganze sechstägige Schlacht wurde durchgefochten unter dauernder Bedrohung des rechten Flügels von Warschau her und des linken durch die russische Njemen-Armee. Diese braucht nur anzutreten und der Kampf musste vielleicht unter großen Verlusten abgebrochen werden. Diese gefährliche Lage hat auf der deutschen Führung dauernd schwer gelastet und mehrfach Zweifel aufkommen lassen, ob man nicht stärkere Kräfte aus dem Kampf ziehen müsse, um sich gegen Rennenkampf zu decken.

Verluste
Die Größe des Erfolges wird klar, wenn man die beiderseitigen Verluste vergleicht. Die Gesamtverluste betrugen, einschließlich des Gefechts bei Lahna und Orlau am 23. August auf deutscher Seite etwa 12.000 Mann, auf russischer Seite mehr als das zehnfache.
Genaue Zahlen über russische Verluste gibt es nicht mehr. Während der Oktoberrvolution 1918 gingen viele Unterlagen der alten zaristischen Armee verloren. Nach Daten von deutscher Seite wurden 92.000 russische Soldaten gefangen genommen, darunter 13 Generale. Von den Kämpfen auf dem Schlachtfeld von Tannenberg wurden 6.739 tote russische Soldaten auf Ehrenfriedhöfen bestattet.
Während also auf deutscher Seite etwa 7% der fechtenden Truppe ausfiel, waren es auf russischer Seite etwa 75%. Dazu fielen als Beute etwa 350 Geschütze und eine große Anzahl von Pferden, Maschinengewehre, Feldküchen, Fahrzeuge aller Art und große Mengen an Verpflegung in die Hände der Sieger. Diese Beute gab die Möglichkeit, die Feldausrüstung vor allem der Landwehr- und Ersatztruppen, wesentlich zu verbessern und dadurch ihre Kampfkraft zu heben. Auch konnten die verhältnismäßig geringen Verluste an Offizieren und Mannschaften rasch wieder aufgefüllt werden. So stand die 8. Armee nach der Tannenbergschlacht im stolzen Bewusstsein des errungenen Sieges und in dem sicheren Gefühl der Überlegenheit über den russischen Gegner.

Anders auf russischer Seite. Der Armeeführer tot, sein Stab zu Fuß über die Grenze geflüchtet, zwei Kommandierende Generale gefangen, die drei anderen ihrer Stellung enthoben, von fünf Korps nur 2½ der Einkreisung entgangen, aber auch sie geschlagen und wegen ihrer großen Verluste in ihrer Kampfkraft schwer geschädigt. Diese Verluste aber konnten bei ihrem Umfang und den damals noch ungünstigen russischen Nachschubverhältnissen nicht so rasch ersetzt werden wie auf deutscher Seite. Die russische Narew-Armee war auf längere Sicht nicht einsatzfähig. Was aber noch schwerer wog war die Tatsache, dass unter dem Eindruck der ungeheuren Niederlage die schon vorher nicht allzu große Siegeszuversicht von Führung und Truppe schwand.

Für Ostpreußen war zunächst das Schlimmste abgewehrt. Im übrigen Deutschland verscheuchte der Sieg die Angst vor der "russischen Dampfwalze", die seit dem Rückzug von Gumbinnen schwer auf den Gemütern lastete. Mancherorts war man aber auch geneigt, die Tragweite des Sieges zu überschätzen. Seine unmittelbare Wirkung blieb doch auf den ostpreußischen Kriegsschauplatz begrenzt, wenn auch die Anfangsplanungen der Alliierten nun hinfällig waren. Aber was sagte schon der alte Moltke?: "Mit der ersten Feindberührung werden alle Pläne hinfällig." Von zehn Armeen, die Russland aufgestellt hatte, war erst eine geschlagen. Die ungeheuere zahlenmäßige Überlegenheit der russischen Truppen bestand weiterhin. An der Front der verbündeten K.u.K-Armeen hatte sich die Lage nicht gut entwickelt. So blieb wenig Zeit den siegreichen Truppen eine wohlverdiente Pause zu gönnen. Schließlich war im Norden des ganzen Geschehens noch Rennenkampf mit der 1. russischen Armee.