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Die Schlacht bei Tannenberg

26. - 30. August 1914

Das Gefecht bei Waplitz
am 28. August

Die 41. Infanteriedivision2 Bataillone und 2 Eskatrons bei der Abteilung Schmettau
III./18 (ohne 12. Komp.) beim Aufräumen des Gefechtfeldes vom 26. August
hatte am 27. August abends mit 9 ¼ Bataillonen, 2 Eskatrons und 13 Batterien in der 5 km breiten Frontlinie Januschkau - Albrechtsau - Südende Mühlensee halt gemacht. Aus Rodau war schwacher Feind vertrieben worden. Bei Adamsheide war der Stab des Feldartillerieregiments 79 bei einem Erkundungsritt in der Dämmerung von russischen Posten angeschossen worden. Ein Zug des Infanterieregiments 59 unter Leutnant von Seydlitz-Kurzbach durchkämmte die Gegend und vertrieb sie. Dies wurde beim Divisionsstab zunächst nicht bekannt.
Bei der Nähe des Feindes wurde in der vorderen Linie der ausgedehnten Stellung geschanzt. Erst spät in der Nacht kam die Truppe knapp verpflegt und todmüde zur Ruhe. Als um 23:30 Uhr der Korpsbefehl für den nächsten Tag (28. August) eintraf, war sich der Divisionskommandeur, Generalmajor Sontag, der Schwierigkeiten und Gefahren des ihm befohlenen Auftrags voll bewusst. Da er seine Bedenken schon nachmittags zur Sprache gebracht hatte, sah er von nochmaliger Vorstellung ab. Zeit war nicht mehr zu verlieren. Er hoffte, dass das kühne Unternehmen trotz allem gelingen werde. Der Generalstabsoffizier der Division, Major Weniger, schreibt: "Das Ignorieren des im Osten vermuteten Feindes war zweifellos möglich, solange es dunkel war, also bis 04:00 Uhr morgens. Der Erfolg hing zunächst lediglich davon ab, ob ein Überrennen des sich dem Vormarsch entgegenstellenden Feindes möglich war. Dieser wurde bei Waplitz vermutet, denn es war unwahrscheinlich, dass die Russen dieses große Geländevorteile bietende Defilee nicht sperren würden. Jede Erkundung, jede Vorbereitung hätte Zeit gekostet und damit die einzige Erfolgchance, die Überraschung des Gegners in der Dunkelheit, zunichte gemacht." Gen.Maj. Sontag entschloss sich, möglichst bald aufzubrechen. Um 23:45 Uhr gab er im Divisionsstabsquartier Wronowo folgenden Befehl:
1. ...
2. Die Division marschiert in einer Kolonne über Post Wittmannsdorf auf Waplitz, von da in drei Kolonnen auf Luttken, Paulsgut (Chaussee) und Ganshorn.
Truppeneinteilung:
Vorhut (später rechte Kolonne) Gen.Mj. Schaer (Inf.Reg.59, ½ Esk/Drag.10, I./Flda.79 mit l. Mun.Kol., 3./Pi.26)
1. Teil des Gros (später linke Kolonne):
Oberst von der Osten (I./148 m. M.G.Komp., ½ Esk./Drag.10, II./Flda.35 mit l. Mun.Kol., II. u. III./148)
2. Teil des Gros:(später mittlere Kolonne)
Gen.Maj. Reiser ( ½ Esk./Drag.10, I./152 mit M.G.Komp., I./Flda.35 mit l. Mun.Kol., II./152, ½ San.Komp.)
Nachhut: Oberst Geisler
(III./152, Stab u. II./Flda.79 mit l. Mun.Kol., schw.Battr., 12./18, 2./Pi.26, ½ Esk./Drag.10).
3. Die Vorhut sammelt sich um 02:30 Uhr östlich Wilhelmshof und marschiert sogleich über Post Wittmannsdorf - Waplitz auf Luttken. 1. Teil des Gros sammelt sich um 02:30 Uhr bei Albrechtau und folgt der Vorhut mit 300 Meter Abstand, indem er zunächst den Weg Albrechtau - Adamsheide bis zum Schnittpunkt mit dem Wege Seythen - Post Wittmannsdorf einschlägt. ...."

Dem 1. Teil des Gros sollte der 2. Teil folgen und diesem mit 500 Meter Abstand die Nachhut.
"Ich reite beim 2. Teil des Gros, später bei der Nachhut."
4. .....
5. ..... (es folgen Anordnungen über Aufklärung und Verhalten nach Durchreiten von Waplitz) "... So lange es dunkel ist, wird mit ungeladenem Gewehr marschiert; vollständige Ruhe und Stille,"
Gegen 02:00 Uhr in der Nacht verließen die ersten Einheiten, noch übermüdet, ihr Nachtquartier. Dicker Nebel. Die Artillerie, aber auch Infanterie, kamen oft verspätet zu den zugewiesenen Sammelplätzen. Die für den Vormarsch zugewiesenen Wege waren, mit Ausnahme der Straße Frankenau - Poststation Waplitz, Sandwege. Selbst bei Tage waren manche Wege leicht zu verfehlen.
Das Gelände bestand aus lauter kleinen Hügeln und Vertiefungen und war daher sehr unübersichtlich. Dies erschwerte die Orientierung noch zusätzlich. Die Vorhut schlug den Weg über Adamsheide ein, den Gen.Mj. Sontag gerade hatte vermeiden wollen, weil er dort noch russische Postierungen vermutete. Das Gros gelangte, statt bei der Poststation, schon 1200 m südlich davon auf die große Straße. So waren Vorhut und Gros ohne Verbindung und marschierten auf verschiedenen Wegen, fast zwei Kilometer voneinander getrennt durch die nebelige Nacht. Der Divisionskommandeur, Gen.Mj. Sontag blieb bei der Nachhut, um nötigenfalls rechtzeitig gegen Frankenau abdrehen zu können. Sie war noch in der Versammlung bei Wilhelmshof begriffen, da schallte schon Gefechtslärm aus Richtung Waplitz herüber.
Das Dorf Waplitz liegt in einer in West-Ost-Richtung verlaufenden Senke. Von den Höhen 1 km südlich des Ortes fällt das Gelände cirka 40 m tief gegen die Senke ab. Nördlich davon steigt das Gelände etwas flacher und nur etwa 20 m wieder an. An der Westseite des Ortes treffen sich die Straße von Frankenau und Adamsheide. Von da zieht sich das Dorf Waplitz beiderseits des Flüsschens Maranse als schmaler Streifen etwa 1 km nach Osten. Die Maranse ist nur westlich des Dorfes ein Hindernis, kann aber auch hier durchwatet werden.
Die ganze Kavallerie, 1. und ½ 2. Eskadron des Dragonerregiments 10 unter Obstl. von Lewinski, die nach dem Befehl auf die vier Teile der Division verteilt sein sollte, ritt in Dunkelheit und Nebel gegen Waplitz vor, ohne dass der Divisionsstab es wusste. Die ½ 2. Esk. unter Leutnant Merckel ritt an der Spitze. Als die Dragoner in Waplitz zur Orientierung anhielten, wurden sie aus Fenstern der Häuser von russischem Infanteriefeuer überschüttet. Sie ritten fluchtartig aus dem Dorf, zum Glück gab es keine großen Verluste. Stabs-Veterinär Rode fiel.

Bei der Vorhut
unter Gen.Mj. Schaer hatte 10./59 (10. Kompanie, IR 59) unter Hauptmann Tube die Spitze. Sie erhielt um 03:15 Uhr Feuer von einer russischen Feldwache, die sich dann zurückzog. Um 03:45 Uhr schlägt der Kompanie vor Waplitz starkes Gewehrfeuer entgegen. Oberst Sonntag, der Kommandeur des Infanterieregiments 59 (Freiherr Hiller von Gaertingen, 4. Posisches) setzt sein III. Bataillon unter Hauptmann Giese und links daneben das II. unter Hauptmann Balthasar zum Angriff an; das I. bleibt hinter der Mitte. Der Gegner scheint auf den Höhen nördlich der Maranse-Niederung zu liegen. Die 59er erreichen den Westeingang des Ortes und links anschließend die Maranse. Im heftigen feindlichen Feuer stockt der Angriff. Das I. Bataillon unter Major Zickhardt wird eingesetzt und reißt die anderen mit nach vorne. Teile des Regiments brechen von Westen her in Waplitz ein. Links von ihnen stoßen andere über die Maranse-Brücke nach Norden und verschwinden im Nebel. Aber die Russen geben nicht nach. Nur mit Mühe und unter Verlusten hält sich das Regiment. Je mehr der Nebel schwindet, um so unerträglicher wird die Lage, um so größer werden die Verluste. Teile weichen zurück. Es ist 05:00 Uhr vorbei, aber noch keine Hilfe zu spüren. Gen.Mj. Schaer reitet auf der großen Straße in Richtung Poststation nach Süden, um selbst zu nachzusehen, wo das Gros bleibt.
Die Artillerie der Vorhut, I./Flda.79 unter Major von Fuchs war bei der Domäne Adamsheide angehalten worden, da sich im Nebel keine Verwendungsmöglichkeit bot. Auf dem Gutshof hatten die 59er ihren Verbandsplatz eingerichtet. Dicht dabei hielt ihr Tross. Dahinter, auf dem Weg der hinter der Domäne vorbeiführt, standen die Batterien. So vergeht längere Zeit. Zur Infanterie bei Waplitz besteht keine Verbindung, aber man hört den Gefechtslärm herüberschallen. Verwundete und Versprengte bringen schlechte Nachrichten von vorn. Um der Infanterie wenigstens zu zeigen, dass die Artillerie zur Stelle ist und helfen will, lässt Major von Fuchs vordersten Zug der 2. Batterie unter Leutnant Domansky am Nordrand von Adamsheide auffahren und über Waplitz hinweg das Feuer eröffnen. Inzwischen war es 06:00 Uhr geworden. Die russische Artillerie schweigt noch immer. Da, ganz plötzlich, hebt sich der Nebel. Nun nahm russische Artillerie von Norden her auf nahe Entfernung Adamsheide unter schnell heftiger werdendes Schrappnellfeuer. Unter den Bagagen und den Verwundeten brach Panik aus. Fahrzeuge vom Tross der Infanterie rasen zurück, vorbei an den Batterien. Versprengte und Verwundete flüchten. Die hinterste (1.) Batterie unter Hauptmann Braun, die noch auf der Höhe hält, geht selbsttätig in Stellung. Die beiden anderen müssen auf schmalem Weg, von Gräben eingeengt, unter großen Schwierigkeiten im russischen Feuer kehrt machen. Ein Volltreffer schlägt in eine Protze der 3. Batterie. Stangen und Pferde nebst Fahrern fliegen durch die Luft. "Kein Laut, keine Unruhe in der Batterie. Nur ein kurzes Kommando. Als ich mich umsah wurden bereits Ersatzpferde herangeführt." So berichtet der Regimentskommandeur Obstl. Marcus. Unter Zurücklassung einiger Munitionswagen gelang es, die 2. und 3. Batterie etwa 1 km rückwärts in Stellung zu bringen. Inzwischen waren die 59er bei Waplitz dem russischen Druck erlegen. Artilleriefeuer, auch von Süden und Südwesten (wahrscheinlich eigene Artillerie), hatte ihren Widerstand gebrochen. Die Russen drängten auf Adamsheide nach. Gerade noch rechtzeitig bringt Leutnant Domansky seine beiden Kanonen in Sicherheit. Hauptmann Braun bringt in heftigem feindlichen Infanteriefeuer seine 1. Batterie (6 Kanonen) zurück. Die Reste der Maschinengewehr-Kompanie bilden eine Nachhutstellung etwa 500 m südwestlich der Domäne Adamsheide und halten sie. Nördlich der Domäne wird eine russische Artilleriestellung erkannt. Die 3. Batterie unter Hauptmann Rasmus schießt sich von Wilhelmsdorf gegen sie ein. Das Feuer der russischen Artillerie lässt nach. Da platzen über ihren Köpfen erneut Schrapnells.

Das Gros
hatte sich nicht so wie befohlen zusammengefunden. Der Kommandeur der 74. Infanteriebrigade, Gen.Mj. Reiser, hatte die nacheinander eintreffenden Teile bei Albrechtau gesammelt. Um 03:00 Uhr war er zunächst nur mit 4/148 und I. und MGK/152 angetreten. Nach und nach folgten weitere Einheiten. Um 04:00 Uhr war die Poststation erreicht. Im Norden hört man Gefechtslärm bei Waplitz. Gen.Mj. Reiser setzt die beiden vordersten Bataillone, die zur Hand hatte, östlich der Straße zum Angriff an. Major Marckstadt führt I./152 mit MGK längs der Straße vor. Links neben ihm wird 4./148 eingesetzt, rechts schließt sich der Rest des I./148 unter Major Freyberg an. Ohne Feuer und ohne Verluste kommt man im Nebel bis auf etwa 400 m an den Südrand von Waplitz heran. Weiter links vorne liegen die 59er. Teile von ihnen reichen aber auch bis über die Straße herüber nach Osten. Bald verlängert rechts III./148 unter Major Brehme, II./148 ist in zweiter Linie. Damit hat Oberst von der Osten sein 5. Westpreußisches Infanterieregiment Nr. 148 beisammen. Um 05:30 Uhr kommt Gen.Mj. Schaer von Waplitz her geritten und teilt Gen.Mj. Reiser selbst mit, dass seine Infanterie anfange zu weichen. Dieser lässt, um zu helfen, die II./Flda.35, die inzwischen bei der Poststation aufgefahren ist, nach Karte und Kompass in den Nebel hinein das Feuer auf Waplitz eröffnen. Vor Waplitz spitzt sich die Lage immer mehr zu. Beim I./152 hat Major Marckstadt das Signal "Seitengewehr aufpflanzen" und "Rasch vorwärts" blasen lassen, um das Abbröckeln der 59er zum Stillstand zu bringen. Seine MGK (Maschinengewehr-Kompanie) feuerte von einer Anhöhe auf Waplitz. Gen.Mj. Reiser (74.Inf.Brig.) lässt seine Infanterie zum Sturm antreten. Auch seine zwei letzten Bataillone, das II./148 und II./152 sollen ebenfalls antreten. II./Flda.35 hat ihr Feuer nach vorne zu verlegen, auch I./Flda.35 eröffnet das Feuer nach Norden. An Gen.Mj. Schaer (72.Inf.Brig.) wird mitgeteilt, die 74. Inf.Brig. sei im Begriff, mit vier Bataillonen Waplitz zu stürmen. An die Division geht die selbe Meldung. Im Nebel ist jedoch nicht zu erkennen, ob es wirklich vorwärtsgeht. Das I./152 hat schon den Friedhof bei der Kirche erreicht, da lässt es melden, es werde so stark von eigener Artillerie beschossen, dass es bis auf 800 m vom Dorfrand wieder zurückgegangen sei. Dort liege es jetzt zusammen mit den 148ern. Gen.Mj. Reiser lässt seine 6 Batterien sofort stoppen. Das Feuer vom Süden geht aber trotzdem weiter. Es ist jetzt 06:30 Uhr, der Nebel beginnt sich zu verziehen. Bald gibt es keinen Zweifel mehr, es schießt von Süden her auch russische Artillerie. Der Feind bei Bujaken, an dem man sich bei Nacht und Nebel hatte vorbeidrücken wollen, ist erwacht. Jetzt gehen von dort auch russische Schützen vor. Die Nahaufklärung hat im Nebel versagt. Ein Glück nur, dass die Brigade-Reserve II./152 die Bewegung nach Norden eben erst angetreten hat. Sie muss der eigenen Artillerie den Rücken decken und den Feind im Süden abwehren. Hier hatte man die Lage schon erkannt. Als Leutnant Beltz dem Bataillonskommandeur zuruft: "Herr Major, hinter uns russische Schützen." will Major von Koeckritz das nicht glauben. Doch auch Oberleutnant Schmitt, Chef der 5. Kompanie, hat die Gefahr erkannt, kehrt gemacht und entwickelt sich nach Süden. Vom Waldrand etwa 1700 m südlich der Poststation schießt russische Infanterie. Major von Koeckritz setzt seine 3 Kompanien gegen sie an. Dicht dabei steht die 1./Feldartillerie.35. Die Geschütze werden herumgeworfen, und schon blitzen drüben am Waldrand die Schrapnellwölkchen auf. Auch die weiter hinten stehende 3. Batterie hatte das Manöver der 1. gesehen und macht ebenfalls kehrt. Auf 1000 m schießen die Batterien, nur 500 m liegt die Infanterie vom Feind. Dieser wagt sich nach zweimaligem Versuch nicht weiter vor. Obstl. Wilke, Kommandeur Feldartillerieregiment 35, ist bei der Post selbst zur Stelle. Er lässt außer der I. Abteilung unter Major Weström auch Teile der II. Abteilung den Kampf gegen die feindlichen Batterien im Süden und Südosten aufnehmen. Die Lage ist einstweilen gerettet.

Die Nachhut,
die doch für alle Fälle gegen den Feind bei Bujaken bereit sein sollte, war noch weit ab im Anmarsch. Die Versammlung war um 03:00 Uhr bei Wilhelmsdorf angesetzt. Das III./152 war gestern bei Skottau im Kampfeinsatz und hatte dann in Thurau übernachtet. Inzwischen waren II./Flda.79 (leichte Haubitzen, Kaliber 10,5 cm) und 1./Res.Fßa17 (schwere Haubitzen, Kaliber 15 cm) unter Sicherung durch 12./18, 7./152 und 2./Pi.26 im Nebel auf dem Sammelplatz angelangt. Um 06:10 Uhr kam der erste Hilferuf des Infanterieregiments 59 von Waplitz, es könne sich ohne Unterstützung nicht mehr halten. Inzwischen wusste man von dem Angriff der 74. Inf.Brig. auf Waplitz. Die III./152 erhielt Waplitz als Vormarschziel. Neue Meldungen kommen von dort, sie zeigen den ganzen Ernst der Lage und veranlassen den Divisionskommandeur zu dem Entschluss, den weiteren Angriff aufzugeben. Die Truppen sollen sich halten, wo sie sind. Inzwischen war der Nebel völlig verschwunden. Schon zweimal hat das Artilleriefeuer aus nördlicher Richtung den Divisionsstab zum Stellungswechsel gezwungen, jetzt steht er bei Wilhelmshof. So nach und nach kommen die Schüsse auch aus Südosten. Die Infanterie meldet, sie werde von eigener Artillerie beschossen. Auf Befehl des Divisionskommandeurs wird das Artilleriefeuer gestoppt.
Der Regiments-Adjutant / Flda.79 berichtet: "Ich bekam diesen Befehl und fegte mit meinem Pferd zu den Batterien. Als ich, immer den Abschüssen nachreitend, in ihre Nähe kam, erheben sich plötzlich vor mir erdfarbene Gestalten, zwei - vier - zehn, eine ganze Schützenreihe feuert auf mich. Zurück, so schnell das Pferd laufen kann. Um mich pfiffen die Kugeln. Manch ein Wassergraben ist zu überspringen. Nur gut, mein Pferd war darauf geschult." Beim Divisionsstab wollte man es nicht glauben. Vor zehn Minuten erst ist wegen der Hiobsbotschaften aus Waplitz der Befehl ergangen, zu halten, wo immer man ist. Aber auch das scheint jetzt nicht mehr möglich, denn Reserven gegen den Feind im Süden sind nicht zur Hand. Major Weniger, Generalstabsoffizier/41.Inf.Div., schlägt eine Aufnahmestellung in der Linie Wronowo - Seythen vor, und so wird um 07:30 Uhr der Rückzug befohlen.
Inzwischen sind die vier Haubitzen-Batterien der Nachhut II./Flda.79II.Abteilung/Feldartillerie-Regiment 79 und 1./Res.Fsa.171.Batterie/Reserve-Fussartillerieregiment 17 östlich Wilhelmshof selbständig in Stellung gegangen und haben gegen russische Artillerie in Nord, Süd und Ost das Feuer eröffnet. Nach und nach kommen die Batterien der I./Flda.79I.Abteilung/Feldartillerie-Regiment 79 aus Adamsheide zurück und gehen nahe der II.Abt. in Stellung. Oberstleutnant Marcus lenkt das Feuer seines Regiments in geregelte Bahnen.

Zurück zum Infanterieregiment 59, das im Nebel fast drei Stunden alleine die Last des Kampfes gegen weit überlegenen Feind trug.
Lange bevor sie der Rückzugsbefehl erreichte, weicht die Infanterie von Waplitz schon zurück. Bei den 59ern fing es an und pflanzte sich nach und nach auf die 74. Infanteriebrigade fort. Die Front bröckelt ab. Verwundete kommen vorbei, einzeln, dann andere, die geführt, gestützt, getragen werden. Nun mischen sich schon Unverwundete ein, keine Munition. Vorwärts geht´s nicht mehr. Immer dichter fegen die russischen Schrapnells von hinten und von vorn, seit Mittag auch von der Seite her. Ein verwundeter Unteroffizier kommt vorbei: "Da vorn nur Tote. Ein Leutnant ist noch da von der MG-Kompanie und hält mit einem halben Dutzend Leute die Straße, sonst nichts!"
Schwer und verlustreich gestaltete sich der Rückzug aus der feindlichen Umklammerung. Artillerie, Maschinengewehre und Schützen, einander gegenseitig unterstützend, halten den Gegner nieder. Es scheint, als wäre dieser froh, dass er den Ansturm abgeschlagen hat, er drängt nur zögernd nach. Bis zuletzt hielten einzelne Batterien des Feldartillerie-Regiments 35 bei der Poststation und deckten das Zurückgehen der Infanterie. Die 4. Batterie unter Hauptmann Pitsch hatte sich schließlich verschossen. Die 5. war südlich der Post bis dicht an die eigenen Schützen herangegangen, auf 600 m lag der Feind gegenüber. Ein Geschütz musste die 5. Batterie unter Oberleutnant Gockisch liegen lassen, die 6. alle, denn ihre Protzen waren fort. Der I. Abteilung unter Major Weström hatte sich die feindliche Infanterie bereits auf 200 m genähert. "Die letzte kräftige Feuerwelle vor dem Abrücken und dann das Feuer der 2. Batterie ließ das völlig geordnete Zurückkommen aller drei Batterien gelingen." Unter dem Schutz der Artillerie, begünstigt durch das deckungsreiche Gelände und der Unentschlossenheit des Gegners, war es der Infanterie gelungen, sich der drohenden Gefahr der Einkreisung und völligen Vernichtung zu entziehen. Als letzte Batterie hielt, bis alles in Sicherheit war, die 6./Flda.79 unter Hauptmann von Borries in ihrer Feuerstellung südlich Wilhelmshof aus. Im ganzen blieben 7 Geschütze liegen. Da der Feind nicht folgte, konnten sie tags darauf an derselben Stelle in noch gebrauchsfähigem Zustand zurück geholt werden.
Auf den Höhen westlich der Straße Wronowo - Seythen konnte Gen.Mj. Neugebauer die Batterien seiner 41. Feldartilleriebrigade aufbauen. Hier konnte die zurück kommende Infanterie gesammelt und neu gegliedert werden um die Höhenstellung zu besetzen.

Ein junger Zugführer, Oberleutnant Schmidt, schrieb in sein Tagebuch:
"Gegen 3 Uhr morgens höre ich die gedämpfte Stimme unseres Adjutanten: "Alles hinter der Stellung sammeln!" Mit harter Gewalt werden die Schläfer geweckt, lautlos schleichen wir uns rückwärts. Am Wege findet sich die Kompanie zusammen. Der Feldwebel formiert Gruppenkolonne mit Front nach Norden.
Bitter ist es, dass wir mangels Wasser auf den Morgenkaffee verzichten müssen, bitterer noch, dass die Verpflegungswagen wieder kein Brot gebracht haben. Vorgestern ist zum letzten Mal dieses für den Soldaten wichtigste Nahrungsmittel ausgegeben worden.
Vor uns tritt jetzt die 8. Kompanie an, an die wir uns anhängen. Im Osten beginnt es zu dämmern, aber dichter Nebel verhüllt die oben aufgehende Sonne. Möglichst geräuschlos marschieren wir in nördlicher Richtung in den Nebel hinein, ins Ungewisse. Denn der übliche Befehl mit Nachrichten vom Feind und Mitteilung über unsere Aufgabe ist nicht ausgegeben worden.
Vermutlich marschiert vor uns das I. Bataillon. Eine gute Stunde mögen wir unterwegs sein, als in der Nähe einer von Süden nach Norden führenden Chaussee halt gemacht wird. Auf dieser Straße steht bereits eine Abteilung Feldartillerie, gleich uns im ungewissen über die Lage. Östlich der Chaussee setzen wir die Gewehre zusammen und warten der Dinge, die da kommen sollen. Unser Bataillon ist heute nur drei Kompanien stark, da die 4. als Bedeckung für Artillerie-Munitionskolonnen abgezweigt ist. Immer noch herrscht dichter Nebel, nur undeutlich schimmert der Ball der höher und höher steigenden Sonne durch das dicke Grau über uns. Plötzlich hören wir vor uns Geschützdonner und müssen lächeln bei dem Gedanken, dass die Artillerie etwas treffen will, wo sie doch absolut nichts sehen kann. Schnell nimmt trotzdem die Kanonade an Heftigkeit zu. Infanterie- und Maschinengewehrfeuer fällt ein. Auch dieses verstärkt sich von Minute zu Minute.
Das hitzige Gefecht vor uns entwickelt sich unserem Gefühl nach in dem Gelände zwischen unserem Standort und dem einige Kilometer nördlich gelegenen Dorf Waplitz. Die Ungewissheit über die Lage ist quälend. Unser Bataillonskommandeur, der keine Verbindung zum Regimentsstab hat, schickt den Adjutanten ab, ihn zu suchen und Befehl zu erbitten. Langsam schleichen die Minuten, indessen der Kampflärm immer mehr anschwillt. Unruhig geht unser Kommandeur, der seine drei Kompanieführer zu sich befohlen hat, auf und ab, auf und ab. Sicher ist vor uns Hilfe dringend erforderlich. Und wir halten hier die Hände im Schoß.
Allmählich lichtet sich der Nebel. Gott sei bedankt dafür. Nun werden wir bald Einblick in die Lage gewinnen. Da kommt endlich der Adjutant zurück. Er hat den Regimentsstab nicht finden können, aber festgestellt, dass das I. Bataillon, das bis vor kurzem noch vor uns war, verschwunden ist. Während der Adjutant noch berichtet, springt ein junger Artillerieoffizier vor und meldet, dass starke feindliche Kavallerie, von einigen Geschützen begleitet, in unserem Rücken aufgetaucht ist. In unserem Rücken? Und gerade jetzt? Der Teufel soll sie holen!
Einer der Batterien, die noch immer in unserer Nähe auf der Chaussee halten, geht beschleunigt hinter einer Bodenwelle, mit Front nach Süden, in Stellung. Mein I. Zug übernimmt deren Schutz in Front und linker Flanke. Der Nebel ist jetzt völlig gewichen, unverhüllt steht der Sonnenball am Himmel. Obschon die Uhr die Uhr erst die sechste Morgenstunde anzeigt, ist es schon drückend heiß und schwül wie in einem Badehaus. Jetzt können wir uns in unserer Umgebung orientieren.
Wir stehen hart südlich der Chaussee Frankenau-Waplitz, etwa halbwegs der beiden Orte. Nördlich schauend erblicken wir ein welliges Hügelgelände, hinter dem der Kampf um Waplitz tobt. Wir selbst befinden uns in einer Senke. Einige hundert Meter entfernt zieht sich eine von Norden nach Süden streichende Wiesenmulde hin, die ziemlich steile Böschungen hat. In diesem Wiesengrunde befinden sich zwei kleine Seen, deren Ufer nach Osten durch niedriges Gehölz abgeschlossen sind. Dahinter erhebt sich der Eichen-Berg. In unserem Rücken erstreckt sich in einer Entfernung von etwa 800 Metern eine Zone von Waldstücken, die den Ausblick fast völlig versperrt. Somit stehen wir in einem Geländeteil, der einen sehr geringen Rundblick gestattet. Namentlich in unserem Rücken, wo jetzt feindliche Kavallerie ihr Unwesen treibt, ist eine Beobachtung auf weitere Entfernung unmöglich. Eine lange, bange halbe Stunde verstreicht. Die Ungewissheit unserer Lage wird immer peinigender. Da naht ein Reiter. Wie erlöst atmen wir auf. Endlich kommt der so heiß ersehnte Befehl des Regimentskommandeurs, der uns Klarheit verschaffen wird. Die Weisung ist knapp, dringlich und lautet: "Das II. Bataillon tritt sofort an und marschiert parallel zur Chaussee nach Norden ab. Es kommt darauf an, dem schwer bedrängten Schwesterregiment Hilfe zu bringen."
Die Kompanien eilen an die Gewehre und werden über unseren Auftrag orientiert. Doch schon in demselben Augenblick bringt der Adjutant Gegenbefehle: "Die Kompanien kehrtmachen und je einen Zug mit der Front nach Süden entwickeln. Den Rand der Wiesenschlenke hier zur Rechten besetzen. Starke russische Infanterie im Anmarsch gegen unseren Rücken."
Wir glauben nicht recht zu hören. Was soll aus den 148ern werden, die uns in diesem Augenblick so nötig brauchen? Aber die Sorge um den Rücken geht natürlich allem anderen vor. Ordnungsgemäß wird der Befehl ausgeführt. Mein 2. Zug richtet sich an der grasbewachsenen Böschung zur Verteidigung ein. Patronen werden bereitgelegt, Entfernungen nach den vor uns liegenden Waldstücken geschätzt, jeder Mann schafft sich eine günstige Gewehrauflage. Alles geht wie auf dem Exerzierplatz. Rechts von mir liegt die 8., links die 6. Kompanie. Mein 3. Zug findet im Wiesengrunde Deckung. Dort lässt sich auch der Bataillonsstab nieder.
Nun liegen wir auf der Lauer. Das Kapfgetöse bei Waplitz hat womöglich noch zugenommen. Mit schwerer Sorge denken wir an unsere dort hart bedrängten Kameraden. Werden sie sich halten können? Wenn sie geworfen würden, säßen wir hier rettungslos in der Falle. In den Waldkulissen vor uns wird´s mit einem Male lebendig. Dorthin bohren sich seit einer halben Stunde unsere Augen, denn von dort muss der Russe kommen. Fiebernde Spannung öffnet Augen unnatürlich weit. Mit aller Willenskraft zwingt man die Hand zur Ruhe, die das Fernglas hält und zittern möchte. Der Atem geht schnell, und das Blut klopft in den Schläfen, aber jedes zage Gefühl ist verschwunden, seitdem wir unsere Aufgabe ganz eindeutig und klar vor uns sehen. Irgendwo von links her wird die Frage an mich gerichtet, ob wir nicht bald vorgehen. Gottlob! Der alte preußische Angriffsgeist von Leuthen und Saint-Privat ist auch in diesem Augenblick lebendig. Aber ein Draufgehen kommt nach Lage der Dinge jetzt nicht in Frage. Wir sind nur ein kleines Häuflein und müssen den Rücken unserer Division schützen. Wie viel Zeit vergeht, bis die Spannung sich endlich löst, vermöchte keiner von uns zu sagen, aber in einem gewissen Moment ist es Tatsache, dass der Russe vorbricht und wir ihm mit Visier 800 unser Feuer entgegen werfen. Wenn wir aber geglaubt haben, lichte Schützenlinien würden aus der Deckung ins Freie heraus spritzen, so haben wir uns über das russische Angriffsverfahren, mit dem wir ja auch heute erst Bekanntschaft machen, gründlich getäuscht. In dicken Schwärmen, hier Schulter an Schulter, dort geradezu in Haufen zusammen geballt, stürzen die braunen Gestalten auf uns zu. Noch ist die erste Welle im Vorwärtslaufen, da steht am Waldrand bereits eine zweite, womöglich noch dichtere auf und gewinnt das Freie. Wir beobachten durchs Glas, dass unser Feuer richtig liegt und Lücken reißt. Indessen ist die Entfernung doch noch so groß, dass die Ausfälle trotz der Dichte des Ziels nicht wesentlich sind. Anders sähe es beim Russen aus, wenn in unseren Reihen Maschinengewehre lägen und im Dauerfeuer seine Gewalthaufen von rechts nach links und links nach rechts abstreuten. Doch knapp hundert Meter rechts hinter uns steht zum Glück unsere mit modernsten Schnellfeuerkanonen und vorzüglicher Munition ausgerüstete Batterie. Sie wird jetzt ganze Arbeit machen. Und richtig! Gerade als die zweite Welle vorspringt, donnern die auf zischt die erste Lage feindwärts. Ja, das wirkt anders. Besser können die Sprengpunkte gar nicht liegen Tod und Verderben speien die Schrapnells in die braune Flut, die sogleich stutzt und sich platt auf die Erde wirft. Und nun hämmert die Batterie mit unvergleichlicher Präzision Schuss auf Schuss in den Feind, solange er liegt; rafft er sich aber zum Vorstürmen auf, so folgt Batteriesalve auf Batteriesalve. Bei der kurzen Entfernung zwischen Batterie und Ziel ist die Wirkung furchtbar. Unvergesslich wird mir dieses bleiben: Einer von den braunen läuft, während sich alles um ihn herum zu Boden wirft oder getroffen zu Boden stürzt, von Todesangst besessen im Kreise herum, sinkt dann ins Knie und wirft die gefalteten Hände wie zum Gebet über den Kopf. Schon zerkracht die nächste Batteriesalve über ihm, und weißlicher Dunst verhüllt das Bild menschlicher Unbarmherzigkeit. Bataillon über Bataillon muss der Feind durch den Wald gegen uns heranführen. Während die vorderste Welle trotz unserer guten Waffenwirkung ohne jeden Zweifel ständig Boden gewinnt, quellen immer aufs neue dichte Schützenschwärme aus dem durch Gehölz verdeckten Menschenreservoir hervor. Aber auch nach beiden Seiten hin dehnt sich der Russe zusehends aus. Augenscheinlich hat er bereits die Flügel unserer bescheidenen Frontausdehnung festgestellt.
Mittlerweile haben wir das feindliche Infanteriefeuer zu spüren bekommen. Zum Glück sind Maschinengewehre gegen uns bis jetzt nicht eingesetzt. Gleichwohl mehren sich die Verluste. Bald schallt hier, bald dort der Ruf: "Sanitäter" oder einer den´s gefasst hat, lässt sich die Böschung, die uns Deckung dient, herab gleiten. Einem jungen Unteroffizier, der wenige Schritte links von mir im Knien schießt, klatscht eine Kugel mitten vor die Stirn. Er sackt ein wenig in sich zusammen, bleibt aber als toter Mann im knienden Anschlag sitzen. Gellend schreit rechts ein bärtiger Reservist auf, dem ein Querschläger das Schienbein zerschmettert hat.

10:00 Uhr.
Glühend heiß brennt die Sonne auf uns nieder, aber man wird sich dessen kaum bewusst. Wenn die Zunge am Gaumen klebt und die Mundhöhle wie Feuer brennt, so mag das wohl vom Durst kommen, aber nicht allein davon. Mehr Schuld daran hat die ungeheure Erregung, in der Körper und Geist sich befinden. Die Kampflage zerrt an den Nerven: Unaufhaltsam wie das Verhängnis kommt der Russe näher. Schon längst sind unsere 2. und 3. Züge eingesetzt, sind die Patronentaschen leer, ist Ladestreifen auf Ladestreifen aus dem Vorrat, der in dem Tornister war, verschossen. Alles kommt darauf an, dass der Kampf der Division in unserem Rücken gut ausgeht. Ist das der Fall und schickt man uns zu gegebener Zeit Hilfe, vor allem Maschinengewehre und, wenn´s geht, etwas Artillerie, so kann schon alles gut gehen.
Auffallend spät ist auf russischer Seite Artillerie gegen uns in Tätigkeit getreten. Nun aber stehen hinter jenen Waldstücken, die heute eine große Rolle spielen, mehrere Batterien zu je 8 Geschützen, die es eilig zu haben scheinen, das Versäumte nachzuholen. Ihr Feuer geht im Augenblick noch über uns hinweg und richtet sich allem Anschein nach gegen deutsche Artillerie, die viel weiter nördlich steht und von der wir Näheres nicht wissen, denn von dort wird den Russen geantwortet. Und man bleibt ihnen wahrlich nichts schuldig. Wie in einem Hexenkessel faucht´s und pfeifft´s über unseren Köpfen hin und her. Manchmal vernimmt man ein Kreischen, als zerrisse jemand frische Leinwand. Dort oben kreuzen sich die Waffen dieses Artillerieduells.
Das Getöse verdoppelt und verdreifacht sich infolge des Echos, mit dem die zahlreichen Waldparzellen und Hügel in unserer Umgebung den Schall zurückwerfen. Dazu das Knattern des Infanteriefeuers. Man muss seine Stimme gewaltig anstrengen, wenn man einen Befehl durch die Schützenlinie durchbringen will. Als der Lärm vorüber gehend ein paar Minuten lang etwas abflaut, ist es mir, als habe das Kampfgewitter bei Waplitz erheblich nachgelassen. Gebe Gott, dass das ein günstiges Zeichen ist.
Immer kleiner wird unser Fähnlein, und immer näher arbeitet sich der Feind heran. Wo ein Mann fällt, springen zwei in die Lücke. Hätten wir nicht unsere schneidige Batterie, die feuert, dass die Rohre glühen, allerdings nur mehr mit drei Geschützen, sicher säße uns der Russe schon an der Kehle.
Nach gerade macht sich Munitionsmangel bei uns geltend. Der Himmel mag wissen, wo unsere Munitionswagen stecken. Aber noch eine andere, nicht minder beklemmende Beobachtung mache ich, mit dem Glas zufällig einmal vor die Front der 8. Kompanie spähend. Dort ist es dem Gegner nicht allein gelungen, seinen Angriff noch wesentlich näher heranzutragen, sondern er hat auch die freie rechte Flanke der unsrigen, in deren Nähe zu allem noch unsere Batterie in Feuerstellung steht, in einem weiten Bogen umfasst. Von dort her droht uns mithin eine Gefahr, die unsere Lage früher oder später unhaltbar machen muss, wenn zu unserer Entlastung nicht bald etwas geschieht.

11:00 Uhr.
Die Ereignisse überstürzen sich. Wenige Minuten genügen, um unserer kleinen, stark zusammen geschmolzenen Schar ein weiteres Ausharren unmöglich zu machen: Der Russe vor unserer 8. Kompanie rechts seitwärts von ihr und halb schon in ihrem Rücken, ist auf Sturmentfernung heran gekommen. Die Batterie, die uns bis jetzt so unersetzliche Dienste geleistet hat, fährt im Galopp ab, um ihre Geschütze dem Zugriff des Feindes zu entziehen. Der Gegner taucht plötzlich auch in unserer linken Flanke auf, wo bislang alles ruhig war, besetzt den Eichen-Berg und überschüttet uns aus einer Entfernung 400 bis 500 Metern von hinten-links mit Maschinengewehrfeuer. Eine Offizierspatrouille, die auf diesem sehr übersichtsreichen Geländepunkt postiert war, kommt in langen Sprüngen zurück gelaufen.
Und nun das Schlimmste. Eine verderben schwere Botschaft, die das Maß zum Überlaufen bringt: Der Bataillonskommandeur, der mich zu sich heran winkt, teilt mir in höchster Bestürzung mit, dass unsere Division bei Waplitz mit schweren Verlusten zurück geworfen und schon seit einer Stunde im Rückzug ist.
Grausam ist die Geisel, die der Kriegsgott über den zurück gehenden Kämpfer schwingt! Bilder bleiben dir im Gedächtnis, die dich noch oft aus dem Schlaf auffahren lassen und deinen Traum vergiften. Neben dir sinken Kameraden getroffen zu Boden, raffen sich blutend auf, brechen aber nach wenigen Schritten wieder zusammen und bleiben liegen, Verzweiflung und Qual im Auge. Um dich herum und über dich hinweg zischen die Kugeln, die der Feind triumphierend dir nach sendet. Vor dir liegt eine Anhöhe, die ohne Unterlass von Granaten aufgewühlt wird. Du musst über diesen Hügel hinweg. Dein Weg führt dich über Felder, auf denen vor dir Tausende deiner Kameraden in der gleichen Richtung sich dem Feind zu entziehen suchten. Zerschossene Geschütze, Reste von in die Luft geflogenen Munitionswagen und Bagagefahrzeuge, denen die Räder zerschmettert sind, kennzeichnen diesen Weg. Vorbei musst du an zusammen gekrümmten Leichen und an schwer Verwundeten, die dich um einen Tropfen Wasser anflehen. Aber du kannst ihre Qual nicht lindern, denn deine Feldflasche ist leer. In der Richtung geradeaus hat der Feind dir den Weg verlegt. Du biegst nach rechts ab, auch dort hat er bereits eine Barre vor dir aufgerichtet. Nun bleibt dir nur noch ein Ausweg nach links. Aber dort zieht sich ein heimtückischer Sumpf entlang. Ehe du deinen Fuß der schwankenden Decke anvertraust, schöpfst du mit deiner Hand von dem fauligen Wasser, den unerträglich brennenden Gaumen zu netzen. Dicht neben dir versinkt in dem Morast, der ihn nicht trägt, dein Gaul, im Wahnsinn der Todesangst verzweifelt mit dem zähen Brei kämpfend. Aber schließlich fühlst du wieder festen Boden unter deinen Füßen und erblickst vor dir eine Stellung, in der du Pickelhauben erkennst und wo Kameraden liegen, um dich aufzunehmen.

Nachmittag.
Hinter einer Verteidigungsstellung beiderseits des unweit von dem lang gestreckten Mühlensee gelegenen Dorfes Seythen, die von Teilen unserer Schwesterbrigade in aller Eile ausgehoben worden ist, hat sich unser Regiment, hat sich das Bataillon gesammelt. Wir liegen wohl gedeckt am schattigen Hang einer freundlichen Wiesenmulde und erhalten warme Mittagskost aus den Feldküchen der anderen Kompanien des Bataillons, weil unsere eigene vermutlich verloren gegangen ist. Jedenfalls hat sie sich bis jetzt nicht eingefunden. Ab und zu schlägt ein leichtes Schrapnell in den jenseitigen Abhang, ganz schlapp und matt, da es eine lange Reise hinter sich hat. Geradezu behaglich liegen wir hier und sind auf dem besten Wege, zu verwinden, was uns die letzten Stunden an Schwerem und Schmerzlichem brachten. Dazu trägt wesentlich die Nachricht bei, dass der Angriff unserer Schwesterdivision, die weiter östlich kämpft, seit Mittag gute Fortschritte macht. Einer meiner Leute, die von sich aus angefangen haben, ihre Gewehre zu reinigen, ruft mir bei dieser Freudenbotschaft die Frage zu, wann wir wieder angreifen.
Immer noch gelangen einzelne Angehörige der Kompanie an, die abgesprengt waren, aber schnell zu ihrem Truppenteil zurück gefunden haben. Die Züge werden rangiert und neu eingestellt, während der Feldwebel feststellt, was an Unteroffizieren und Mannschaften fehlt. Das ist, Gott sei´s geklagt, eine lange, lange Liste. Gleichwohl verbleibt der Kompanie noch eine ganz ansehnliche Gefechtskraft.
Da wegen unserer weiteren Verwendung bisher nichts verfügt ist, lullt die Sonne, die jetzt am Nachmittag nicht mehr so unbarmherzig brennt wie während der Stunden des Kampfes und ihre Strahlen in unser Wiesentälchen zu schicken beginnt, Offizier und Mannschaft in einen erquickenden Schlaf. Erst nach Einbruch der Dunkelheit weckt man uns, denn es ist Befehl zum Abrücken gekommen. Frisch gestärkt marschieren wir in die kühle Nacht hinein. Etwa zwei Stunden geht´s in südwestlicher Richtung. Dann beziehen wir Biwak bei Browienen, wo schon zahlreiche Truppenkörper aller Art lagern. Hell lodern die Wachtfeuer, während wir nach einigen Bechern wärmenden Tees auf reichlichem Strohlager unter dem Zelt langsam eindämmern."

Die 41. Infanteriedivision war schwer erschüttert. Neben der Masse der Artillerie waren lediglich das III./152 und III./18 verwendungsfähig. Der Kommandeur des III./18 hatte die Aufräumarbeiten auf dem Kampfplatz von Vortag selbsttätig eingestellt und auf den Kanonendonner zu marschieren lassen.
Die Gesamtverluste auf deutscher Seite werden mit 1300 Mann angeben. Nach russischen Angaben wurden 570 Gefangene gemacht. Davon wurden am Abend des selben Tages nördlich Waplitz von der 3. Reservedivision 180 Verwundete wieder befreit und am Tag darauf bei Jedwobno 400 Mann durch die 36. Infanteriedivision. Sie wurden mit russischen Beutewaffen ausgerüstet und konnten gleich wieder eingesetzt werden.