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27. August 27. August / I.AK 27. August / XX.AK

Die Schlacht bei Tannenberg

26. - 30. August 1914

Die Ereignisse am 27. August 1914

Die Westgruppe
Die Ostgruppe
Die Russen

Die Kämpfe des I. und XX.AK (Westgruppe)

Die Nacht zum 27. August verlief völlig ruhig. Zu allen Verbänden waren Offiziere des Oberkommandos entsandt worden, um bessere Nachrichtenübermittlung zu gewährleisten. Der Angriff sollte um 04:00 Uhr morgens beginnen. Am heutigen Tag sollte die Entscheidung fallen. Der Oberbefehlshaber Paul von Hindenburg wollte dem Geschehen nahe sein und das Zusammenwirken des I. und XX.AK selbst beobachten und regeln. Er hatte dazu seinen Gefechtsstand am Südende des Großen Damerau-Sees einrichten lassen, da dieser Standort eine weite Übersicht des Geländes ermöglichte. Unmittelbar vor der Abfahrt dorthin meldete das I.AK, Usdau sei seit 05:00 Uhr genommen. Beim Eintreffen auf dem Gefechtsstand aber stellte sich heraus, dass die Meldung auf einem IrrtumBei der Einnahme des Ortes Seeben wurde
dieser voreilig mit Usdau verwechselt.
beruhte.
Der inzwischen zum Generaloberst beförderte Hindenburg konnte von seinem Standort aus selbst sehen, wie auch jetzt noch starkes Feuer von eigener Artillerie auf dem erhöht gelegenen, nur 7 km entfernten Ort Usdau lag.

Das I.AK
Der Angriff kam auch am 27. August nicht so früh in Gang, wie befohlen. Die 2.ID stand pünktlich um 04:00 Uhr bereit und eröffnete das Feuer. Gen.Lt. von Falk hatte in der Nacht seine Truppen näher an die feindlichen Linien herangeschoben.
Die Artillerie der 1.ID musste jedoch erhebliche Verzögerungen hinnehmen. Mehr als die Hälfte der Batterien kam erst in der Nacht an und standen um 04:00 Uhr noch nicht bereit.
Bei der neu gebildeten Abteilung Schmettau, die erst in der Nacht aus einzelnen Bataillonen der 41. und 37.ID (XX.AK) zusammengestellt wurde, gelang die Versammlung erst um 06:00 Uhr östlich Bergling.

Inzwischen gelang es dem Kommandierenden General des I.AK, Hermann von François, konzentriertes Artilleriefeuer aus 113 Rohren auf die russischen Stellungen zu lenken. Anscheinend gelang es in der Nacht einen Großteil der Artillerie heranzuschaffen
Die Russen erwiderten das Artilleriefeuer seit 04:30 Uhr lebhaft. Bald darauf wurden von der östlich Usdau streifenden Kavallerie der 41.ID russische Schützen und Kolonnen im Zurückgehen von Usdau nach Osten beobachtet. Die angreifenden deutschen Truppen erfuhren aber davon zunächst nichts. Die Infanterie drängte in weit umfassendem Angriff die russischen Vortruppen immer mehr zurück, während das Artilleriefeuer mit unverminderter Heftigkeit auf den russischen Stellungen an den Bahnanlagen südlich Usdau und dem Ort selbst lag.
So fand die stürmende Infanterie schließlich nur noch geringen Widerstand, als sie um 11:00 Uhr von Westen und Norden in den brennenden Ort eindrang. 200 Gefangene vom russischen IR 85 fielen noch in ihre Hände. Nachdem Gen.Lt. von François die Meldung von der Einnahme Usdaus erhalten hatte, befahl er der 1.ID weiter auf Neidenburg vorzugehen.
Der russische Südflügel (2 Regimenter der 22.ID) unter Einsatz neu eingetroffener Verstärkungen (Teile der 3.Garde-ID und der 1.Schützen-Brigade) war in der gleichen Zeit, als Usdau fiel, zum Angriff angetreten. Der russische Stoß traf die 5.LwBr und den Südflügel der 2.ID. Die Landwehr - Brigade war infolge der ersten irrtümlichen Meldung über die Einnahme von Usdau schon früh morgens auf Borchersdorf angesetzt worden. Gleichzeitig hatte die 2.ID Befehl erhalten, nicht länger abzuwarten, sondern ihren Angriff zu beschleunigen. So stieß der deutsche Angriff auf den russischen und wurde in der Flanke gefasst. Damit entspann sich auf dem Südflügel des I.AK ein besonders schwerer Kampf.
Die 5.LwBr unter Gen.Lt. von Mülmann war mit den pommerschen Landwehr - Regimentern 2 und 9 von Heinrichsdorf über Kuttkowitz zum Angriff auf Skurpien angetreten. Westlich dieses Ortes kam ihr Vorgehen unter erheblichen Verlusten im russischen Infanterie- und Artilleriefeuer zum Stehen. Von Süden wurden sie von russischer Kavallerie bedrängt.
Gen.Lt. von Falk, Kommandeur der 2.ID, hatte die Infanterie seines linken Flügels (4 Bataillone der 4. Brigade) um 05:00 Uhr südlich der großen Straße auf Usdau vorgehen lassen. Dieser Angriff war aber im heftigen feindlichen Abwehrfeuer bald liegen geblieben. Südlich der 4. Brigade hatte die auf 8 Bataillone verstärkte 3. Brigade, unter Gen.Mj. Mengelbier aus der Gegend nördlich Heinrichsdorf die Richtung auf Groß-Tauersee genommen. Der russische Stoß traf dieses Vorgehen direkt in der Flanke. Artilleriefeuer von verdeckt stehenden Batterien unterstützten diesen Stoß wirksam. So kamen die deutschen Schützen der 3.Infanterie - Brigade nur bis 2 km südwestlich von Groß-Tauersee. Auf ihrem Südflügel wurden zwei zugeteilte Bataillone des IR 45 durch diesen feindlichen Angriff in Richtung Skurpien abgedrängt und kämpften dort im Anschluss an die 5.Landwehr - Brigade.

Um der schwer ringenden deutschen Infanterie zu helfen, führte der Kommandeur des 2. Litthauischen Feldartillerie - Regiments Nr. 37, Oberstleutnant von der Lippe, seine Batterien bis dicht hinter und in die Schützenlinie vor, konnte aber deren allmähliches Abbröckeln nicht mehr verhindern.
Die Brigade wurde schließlich im Schutz der Artillerie an die Waldränder östlich und nördlich Heinrichsdorf zurückgenommen.
Es konnte nicht geklärt werden, ob dieser Vorstoß des Südflügels des russischen I. Korps zu einer geplanten Angriffsoperation gehörte oder nur der Sicherung des begonnen Rückzuges der Masse des Korps nach Süden diente.

Inzwischen hatte Gen.Lt. von Conta (1.ID) nach der Einnahme Usdaus sofort die Verfolgung des entlang der großen Straße nach Soldau zurückweichenden Russen aufgenommen. Dabei ließ er seine Truppen auf die südlich von Usdau noch aushaltenden Teile der russischen Front einschwenken. Unmittelbar daneben ging weiter östlich die Abteilung Schmettau vor.

Flieger hatten bei Soldau "anscheinend eine Infanteriebrigade" und auf den Bahnhöfen Illowo und Mlawa je etwa 12 Eisenbahnzüge und einen weiteren bei Zjechanow gemeldet. General von François gab den Vorstoß auf Neidenburg auf. Die Gefahr auf dem Südflügel des I.AK war zu groß. Nach aufgefangenen russischen Funksprüchen musste es sich um die 3. Gardedivision handeln. (XXIII. Korps)
Er ließ dem Armee - Oberkommando um 11:20 Uhr melden, dass das I.AK, mit Rücksicht der Lage auf dem rechten Flügel und bei Soldau, nach Süden und Südosten abgeschwenkt sei, um den Angriff in diese Richtung fortzusetzen.

Mit dieser Tatsache musste man sich beim Oberkommando abfinden. Das tat man um so leichter, als man inzwischen wusste, dass der Gegner vor dem Südflügel des XX.AK schon in der Nacht weit nach Osten ausgewichen war. Auch hatte die Ostgruppe am Tag zuvor den Gegner (VI.Korps) bei Bischofsburg geworfen und konnte wahrscheinlich schon am nächsten Tag (28. August) gegen den Feind vor dem XX.AK (XIII. und XV. russisches Korps) eingesetzt werden.
So erging um 11:30 Uhr Befehl an das I.AK: "I.Armeekorps und Abteilung Schmettau werfen den Feind in Richtung Soldau - Klein-Koslau über die Neide

Der Gegner südlich Usdau hatte sich der Bedrohung seiner Flanke und Rückens aber so rechtzeitig entzogen, dass es nicht gelang, wesentliche Teile zu umfassen. Die 1.ID drängte durch ihr Vorgehen aus Richtung Norden die 2.ID bald aus der Front heraus. Ihre Truppen kamen erst vor den russischen Auffangstellungen, zwischen Niostoy und Klenzkau, nördlich Borchersdorf zum Stehen.
Da der russische Rückzug sich an den Brücken bei Soldau stauen musste, setzte General von Conta seine Truppen sofort zu neuem Angriff an. Aber die Fortsetzung des Angriffs bis dorthin hätte weitere schwere Kämpfe erfordert. Es war nach Stallupönen und Gumbinnen der dritte schwere Kampftag innerhalb 10 Tagen, den das I.AK siegreich bestanden hatte. Die Kräfte waren erschöpft.
So setzte General von Francois in einem um 15:45 Uhr gegebenen Befehl das Ziel, "eine Stellung zu gewinnen, von der aus wir den Rückzug über Soldau erschweren." Die Kavallerie der 1.ID und der Abteilung Schmettau sollten sich hinter dem linken Flügel dieser Abteilung sammeln und für die Verfolgung bereit halten. Der Gegner war vor dem deutschen Angriff bis südlich Soldau zurückgegangen, nur die Nachhut hielt noch nördlich des Ortes.

Hinter dem weichenden Feind erreichte die 5. Landwehr - Brigade (Gen.Lt. von Mülmann) abends Hohendorf.
Die 1.ID kam bis 1 km südlich Borchersdorf, die Abteilung Schmettau bis südlich Klenzkau und bis Schönwiese. Hinter ihrem Ostflügel waren 6 Schwadronen Kavallerie bei Groß-Schläfken vereinigt.
Die 2.ID hatte ihre Truppen nach schwerem und verlustreichem Kampf hinter der Front bei Groß-Tauersee gesammelt.

Nach den vorliegenden Meldungen rechnete man beim I.AK für den nächsten Tag mit der Möglichkeit eines neuen russischen Vorstoßes von Soldau her.
Hätte man den Inhalt einer Meldung der Festungs-Fliegerabteilung Graudenz gekannt, wäre man diese Sorge los gewesen. Die Meldung war selbst dem Armee - Oberkommando erst um 01:35 Uhr in der Nacht bekannt geworden: "Flieger sahen 5.30 Uhr nachmittags nördlich Soldau mehrere feindliche Batterien von unserem Feuer zugedeckt. Südlich Soldau bis Illowo dichte Kolonnen im Rückmarsch. Bei Illowo anscheinend größere Stockung oder unordentliche Biwakseinrichtung. Sieben Flugzeuge im Begriff abzufahren. Zwischen Illowo und Mlawa wenig Truppen, die, soweit erkennbar, gleichfalls zurückgehen."
In Unkenntnis dieser Verhältnisse ordnete General von François für den 28. August früh an, dass 8 schwere Batterien Feldhaubitzen und 15 leichte Batterien unter einheitlicher Leitung des Kommandeurs der 1. Feldartillerie - Brigade, Gen.Mj. Moewes, die bei Soldau festgestellten russischen Batterien mit Feuer eindecken sollten. Die gesamte Infanterie des Korps sollte um 06:00 Uhr zum Angriff bereit stehen.

Beim XX.AK
General von Scholtz hatte um 04:00 Uhr die Fortsetzung des Angriffs südlich Mühlen befohlen. Die 41.ID hatte den Auftrag erhaltenin Übereinstimmung mit dem I.AK anzugreifen. Dieses Korps war schon durch die Gruppe Schmettau verstärkt worden.
Der Angriff der 37.ID sollte durch Teile der 20.Landwehr - Brigade (Abteilung Unger) und durch die 70.LwBr unterstützt werden.
Nördlich des Mühlen - Sees sollte der Drewenz - Abschnitt durch den Rest der Festungstruppen gehalten werden. Die 3.Reserve- Division (RD) wurde angewiesen, von Reichenau auf den linken Korpsflügel nach Klein-Pötzdorf vorzurücken.
Dieser Korpsbefehl kam jedoch nicht zur Ausführung.

Die 41.ID unter Gen.Mj. Sontag trat um 04:00 Uhr beiderseits der Straße Gardienen - Skottau wieder an. Die Truppen hatten am Tag zuvor den Angriff bis in die Dunkelheit fortgeführt und waren kaum zur Ruhe gekommen. An diesem Morgen stießen sie aber ins Leere. Weit und breit war kein Russe mehr zu finden. Wie es weiter im Norden bei der 37.ID stand war nicht bekannt. Nur aus südlicher Richtung hallte Kanonendonner herüber. Es waren die Geschütze des I.AK, die den Angriff auf Usdau vorbereiteten und die russischen Stellungen unter Feuer nahmen.
Gen.Mj. Sontag hielt es für wahrscheinlich, dort oder auch bei der 37.ID helfen zu müssen. Er ließ deshalb seine Infanterie - Division anhalten, auch um nicht weiter ins Leere zu stoßen. Er meldete dies dem Generalkommando, das damit einverstanden war.

Bei der 37.ID unter Ge.Lt. von Stabs kam der Angriff auch nicht so recht in Gang. Man war besorgt wegen eines russischen Durchbruchs bei Mühlen. Die dort befindlichen Teile der 37.ID und die 70.LwBr konnte man deshalb nicht abziehen. Nur die südliche, die 75. Infanterie - Brigade, konnte am Angriff südlich des Mühlen - Sees teilnehmen. Sie erreichte fast ohne Kampf gegen 09:00 Uhr die Linie Konti-See - Seythen und nahm das Feuer gegen russische Stellungen bei Januschkau auf.
Die 73.IBr gelangte ohne Kampf von ihren Stellungen nördlich des Laubener Sees bis nach Thymau.

Die 41. und 37.ID hatten östlich des Kownatken - Sees bei Skottau und Januschkau tatsächlich nur noch Reste der am Tag zuvor geworfenen russischen 2.ID unter Gen.Lt. Mingin vor sich.
Die russischen Truppen hatten hier anscheinend keine Kampfkraft mehr, denn die 2. Brigade dieser Division wurde bei Skottau lediglich durch das 3.Bataillon des Deutsch Orden-Regiments Nr.152 (41.ID) zum Rückzug auf Neidenburg veranlasst. Dieses Bataillon hatte den Befehl zum Anhalten nicht erhalten und war daher weiter vorgestoßen.
Die andere Brigade der russischen 2.ID versuchte bei Januschkau das deutsche Artilleriefeuer zunächst zu erwidern. Sie wurde aber bald in ihrer Südflanke bedroht und durch das Erscheinen deutscher Kavallerie in ihrem Rücken wurde die Gefahr der Umfassung immer größer. Die Brigade zog sich auf Befehl des Divisionskommandeurs ebenfalls in östlicher Richtung zurück.

Während diesen Vorgängen südlich des Mühlen-Sees bereiteten sich nördlich davon die Russen für den erwarteten Angriff vor. Die deutsche Verteidigungsstellung zog sich hier vom nordwestlichen Ende des Mühlen-Sees nach Nordwesten. Die Verteidigung dieses Abschnitts war keine leichte Aufgabe. Das Gelände wies bis zu 40 Meter tiefe Einschnitte auf. Auch vor der Front liegende große Wälder, besonders der Forst Jablonken im Norden, ermöglichten dem Feind verdeckte Bereitstellung und Annäherung.
Seit 04:30 Uhr lag feindliches Feuer auf den deutschen Stellungen bei Mühlen. Es dehnte sich bald nach Norden aus. Eine weitere Verschiebung von Truppen nach Süden innerhalb des XX.AK auf den Angriffsflügel war damit in Frage gestellt; auch wenn inzwischen die 3.Reserve - Division unter General von Morgen bei Klein-Pötzdorf und Kirsteinsdorf eingetroffen war. Das russische Artilleriefeuer griff schließlich auch auf die Front dieser Division über. Ein aufgefangener Funkspruch bestätigte die Absicht des russischen XV.Korps, in Richtung Mühlen anzugreifen.

Trotz dieser Bedrohung hatte General von Scholtz den Gedanken eines Angriffs südlich des Mühlen-Sees nicht aufgegeben. Die Ereignisse dieses Tages schufen eine ständige Veränderung der Lage beim XX.AK. So erging an die 37.ID Befehl, um 08:30 Uhr um das Südende des Mühlen-Sees auf Waplitz, in den Rücken des angreifenden Feindes vorzugehen.
Bei der 41.ID hatte man unterdessen einen Vorstoß in den Rücken des Gegners bei Usdau vorbereitet, um den Angriff des I.AK im Süden zu unterstützen. Die Ausführung wurde angehalten, als um 10:30 Uhr bekannt wurde, dass des Gegner schon seit 07:00 Uhr von Usdau im Rückzug nach Südosten beobachtet worden war. Um 11:00 Uhr wurde dann auch vom I.AK (François) die Einnahme Usdaus gemeldet.
Nun glaubte man beim XX.AK mit beiden Divisionen (37. und 41.) auf dem Südflügel angreifen zu können, um in Flanke und Rücken des angreifenden Gegners bei Mühlen zu kommen.
Dem entsprechend befahl Generaloberst von Hindenburg um 11:00 Uhr, gleichzeitig mit dem Befehl für das Abdrehen des I.AK nach Süden: "XX.AK schwenkt östlich des Kownatken-Sees nach Norden, um dem hier befindlichen Gegner den Weg nach Süden zu verlegen."
Zeitgleich mit diesem Armeebefehl, der den Angriff auf dem Südflügel des XX.AK in Fluss bringen sollte, gingen hier auch Meldungen über einen russischen Durchbruch bei Mühlen ein. So musste, außer der halben 3.RD, die 37.ID aus ihrer aussichtsreichen Angriffsrichtung zum Gegenstoß gegen die Flanke des feindlichen Einbruchs herbeigerufen werden. So bleib die 41.ID für den vom Armee - Oberkommando befohlenen Angriff allein verfügbar.
Um 12:15 Uhr erhielt ihr Kommandeur, Gen.Mj. Sontag, den Befehl, sofort auf Waplitz zu marschieren. Dieser war besorgt wegen der inzwischen bei Frankenau und Bujaken gemeldeten feindlichen Truppen. Der gerade beim Divisionsstab eingetroffene Oberquartiermeister des Armee-Oberkommandos, Gen.Mj. Grünert, sprach hier von "Trümmern" der am Tag zuvor geschlagenen russischen Einheiten des XXIII.Korps.

Es war ein drückend heißer Nachmittag, die Wege tief sandig, die Truppe noch nicht verpflegt. So musste schon bei Thurowken wieder längere Zeit gerastet werden. Darauf hin entschloss sich Gen.Mj. Sontag, auch mit Rücksicht auf die geringe Stärke seiner Division (9 Bataillone) und den gemeldeten Feind bei Frankenau, die Linie Januschkau - Südspitze des Mühlen-Sees an diesem Tag nicht zu überschreiten. Auch ein weiterer Korpsbefehl, auf Drängen des Armee-Oberkommandos, "unter Aufbietung aller Kraft heute noch über Waplitz" vorzugehen, kam nicht mehr zur Ausführung. Damit war der Angriff des XX.Armeekorps für den 27. August endgültig eingestellt.
Inzwischen hatte sich herausgestellt, dass der gemeldete feindliche Durchbruch bei Mühlen übertrieben war. Tatsächlich war nur eine kleine russische Abteilung bis gegen den Bahnhof Mühlen vorgedrungen. Der allgemeine russische Infanterieangriff hat bei und nördlich Mühlen erst um 16:00 Uhr eingesetzt. Er brach überall schon im deutschen Abwehrfeuer zusammen. Gegen Abend ergaben sich die nahe der deutschen Front in Deckung liegenden russischen Soldaten. Das Landwehrregiment 5 und Ersatzbataillone der stellvertretenden 69.Infanteriebrigade machten dabei 1000 Gefangene von beiden Divisionen des russischen XV.Korps.

Im Norden des XX.AK machte sich immer mehr eine feindliche Umfassung fühlbar. Schon am frühen Nachmittag lagen Nachrichten über weiteres Ausholen des Gegners vor. Unter anderem war der Anmarsch einer russischen Kolonne aller Waffen über Gilgenau (6 km nordwestlich Hohenstein) - Wittigwalde gemeldet, die 3.RD weit überflügelnd. Funksprüche bestätigten die bisherige Annahme, dass das russische XIII.Korps nach Westen abgedreht sei. Das Ziel sollte Kalwa sein. (ein Gehöft 2 km südlich Reichenau)
Seit dem Vormittag war zwar schon die Ausladung der vom Küstenschutz in Schleswig - Holstein abgezogenen Landwehrdivision Goltz in Osterode und Bissellen im Gange, der Zeitpunkt ihrer Einsatzfähigkeit konnte jedoch noch nicht mit Sicherheit festgelegt werden. So entschloss sich General von Scholtz, die Masse der 37.ID zur Abwehr hinter den linken Flügel der 3.RD zu schieben. Nur ein Teil dieser Division sollte zur Sicherung der Stellung bei Mühlen zurückbleiben. Die Ausführung dieser Bewegung wurde auf die frühen Morgenstunden des 28. August festgelegt. Die Nacht über blieb die ganze Division westlich Mühlen.(Mielno)
Die 3.RD hatte am Vormittag nur leichtere russische Angriffe aus Richtung Dröbnitz abzuwehren. Am Nachmittag fühlte der Feind auch durch den Forst Jablonken vor und erschien gegen Abend mit Schützen auf den Höhen östlich Reichenau. Am Abend lag die 3.RD mit 4½ Bataillonen am Drewenz - Abschnitt, 7½ Bataillone lagen rechtwinklig zurückgebogen längs der Straße Kirsteinsdorf - Geierswalde, mit Front gegen Reichenau.

So war am Ende des 2. Tages der Schlacht bei Tannenberg auch auf dem Südflügel der 8. Armee, beim I.AK, der Durchbruch gelungen. Der südliche Teil der Zangenbewegung begann. Und die Mitte hielt.(XX.AK) Genau das war der Plan Hindenburgs, auch wenn manches anders lief als vorgesehen. Das Grundprinzip wurde eingehalten.

Die Westgruppe
Die Ostgruppe
Die Russen

Die Kämpfe des I.RK und XVII.AK (Ostgruppe)

In der Nacht zum 27. August lag das deutsche I. Reservekorps (RK) mit je einer Division bei Wartenburg und nördlich des Dadey-Sees. Das XVII. Armeekorps (AK) mit beiden Divisionen östlich von Groß-Bössau. Man freute sich des Sieges des vergangenen Tages über das russische VI.AK. In den Stäben der beiden Korps und auch bei der Armee war man sich bewusst, dass der Gegner dem großen Schlag noch rechtzeitig ausgewichen war. Man rechnete für den heutigen Tag mit erneuten schweren Kämpfen. Flieger meldeten Schanzarbeiten für eine ausgedehnte Abwehrstellung südlich Bischofsburg, die von Raschung bis Sorquitten reichte.
Das XVII.AK hatte keine Verbindung mehr zur Armeeführung, weder über Draht noch über Funk. Es bezog seine Anweisungen über das I.RK, das Verbindung zum Armeestab hatte. Auch Meldungen und Lageberichte in umgekehrter Richtung mussten über diesen Umweg gehen. Zum Teil wurden Befehle und Meldungen mit Flugzeugen überbracht.
Die Generale von Mackensen (XVII.AK) und von Below (I.RK) kamen überein, die Taktik des vergangenen Tages erneut anzuwenden. So sollte das XVII.AK frontal aus Richtung Norden angreifen, während das I.RK die Westflanke des russischen VI.AK attackierte.
Beim Oberkommando der 8.Armee hatte inzwischen ein russischer Funkspruch den schon von der Festung Lötzen (Oberst Busse) gemeldeten Vormarsch des russischen II.AK nördlich um den Mauer-See herum bestätigt. Die Ostgruppe der 8. Armee kam dadurch in eine äußerst schwierige Lage. Sie hatte plötzlich auch feindliche Truppen im Rücken, nur einen Tagesmarsch entfernt.
Trotzdem zögerte Generaloberst von Hindenburg (inzwischen befördert) nicht, den Plan der beiden Korps zu genehmigen, gemeinsam das russische VI.Korps südlich Bischofsburg anzugreifen.
Die 1. Kavalleriedivision (Gen.Lt. Brecht) hatte weiterhin die Aufgabe, den Abmarsch der beiden Korps nach Süden zu verschleiern. Auch die Festung Königsberg (Gen.Lt. von Pappritz) sollte durch Täuschungen möglichst viele feindliche Truppen der 1. russischen Armee (Rennenkampf) auf sich ziehen.

Am frühen Morgen setzten beide Korps die Angriffsbewegung über Wartenburg und Bischofsburg nach Süden fort. Nur die 6.Landwehr-Brigade und eine kleine Abteilung vom XVII.AK wurden zur Sicherung nach Norden in der Gegend um Lautern zurückgelassen. Nach und nach stellte sich heraus, dass das VI. russische Korps an keinen Widerstand mehr dachte und in vollem Rückzug in Richtung Ortelsburg war. Wie der damals beim Infanterie-Regiment 176 stehende Hauptmann Kleine schildert, kam es zu einer eifrigen Verfolgung der Russen: "Im Handumdrehen hatten sich übergenug Freiwillige gemeldet, diese Verfolgung in vorderster Reihe mitzumachen. Infanteristen hielten sich an den Steigbügeln der Reiter oder kletterten auf Geschütze und Protzen. Jede Ermüdung war geschwunden. Zwanglos und ohne die Enge der Marschkolonne, freier atmend, bald trabend, bald im Schritt, eilte alles trotz Hitze und Staub jubelnd vorwärts, den fliehenden Feind noch einzuholen und ihm möglichst Abbruch zu tun."
Auch die Meldungen über das II. russische Korps bei Rastenburg im Norden stellten sich als übertrieben heraus. Es waren lediglich kleinere Abteilungen, die hier vorfühlten.
Hindenburg: "...Des weiteren überblickt man, dass Rennenkampf nur in der Phantasie eines Fliegers in unseren Rücken marschiert. In Wirklichkeit bleibt er in langsamem Vorgehen auf Königsberg. Sieht er nicht, oder will er nicht sehen, dass das Verderben gegen die rechte Flanke Samsonows schon im vollen Vorschreiten ist, und dass es auch gegen dessen linken Flügel andauernd wächst?..."
Die Armeeführung hatte auf diesen Moment gewartet. Nun konnte die Ostgruppe zum größten Teil nach Westen und Süden, in Flanke und Rücken Samsonows, eingesetzt werden.
Mittags ging eine Meldung des Postamtes Allenstein ein, dass Russen in die Stadt einrücken. (XIII.AK) Das Armee-Oberkommando befahl darauf hin dem I.RK, es solle mit der Masse nach Westen abdrehen und in der Gegend von Patricken (9 km südlich Wartenburg) sich bereitstellen zur Verwendung am 28.August "gegen Allenstein oder in südlicher Richtung."
Das XVII.AK wurde auf die Fährte des nach Süden weichenden Gegners gesetzt. Eine kleine Abteilung (1 Bataillon, ½Schwadron, 1 Batterie) erreichte weit vor der Front des Korps in der Nacht zum 28. August um 02:15 Uhr Passenheim.
Hindenburg: "...Mag nunmehr die feindliche Mitte weiter nach Allenstein - Hohenstein vordringen, sie findet dort nicht mehr den Sieg, sondern nur noch das Verderben. Soll doch Samsonow in Allenstein Lorbeeren ernten, wir werden sie ihm auf dem Schlachtfeld wieder entreißen."

Die Westgruppe
Die Ostgruppe
Die Russen

Die 2. russische Armee.

Auf russischer Seite hatte man nicht erkannt, dass die deutschen Korps der Ostgruppe nach Süden abgebogen waren. Ernstere Gefahr für die Narev-Armee wurde aus östlicher Richtung nicht erwartet.
Das Oberkommando wurde schon am Tag zuvor von Ostrolenka nach Neidenburg verlegt. General Samsonow hatte, wie schon erwähnt, dem VI.AK befohlen, nach Allenstein heranzurücken. Das Korps sollte "sofort ... zur Unterstützung des XIII.Korps" auf Allenstein vorrücken und in die linke Flanke der Deutschen stoßen.
Der Befehl kam nicht zur Ausführung, sondern der Kommandierende General des VI.AK, General Blagowjeschtschenski meldete seinen Rückzug bis südlich Bischofsburg. Die benachbarten Korps (II. von der 1.Armee östlich und XIII. westlich) erfuhren davon nichts. Dann setzte er am 27. August seinen Rückzug bis südöstlich Ortelsburg fort. Davon erfuhr aber auch das Armee-Oberkommando nichts. Dort glaubte man immer noch, diese zwei deutschen Korps seien im Rückzug nach Westen. In Wirklichkeit folgte das deutsche XVII.AK dem russischen VI., und das deutsche I.RK marschierte in die Gegend östlich Allenstein. Sie kamen somit in Flanke und Rücken der Kernmasse der 2.Armee (XV., XIII. und ½XXIII.AK).
Das XIII.AK unter General Klujew wandte sich nordwärts gegen Allenstein und besetzte dieses gegen Mittag ohne Kampf. Nachrichten über deutsche Truppen 15 km östlich der Stadt (wahrscheinlich I.RK bei Patricken), wurden nicht für möglich gehalten und nicht weitergegeben. Man vermutete dort das eigene VI.AK.
Das XV.AK unter General Martos litt noch unter den Verlusten vom 23.August. Es kam gegen die Front des deutschen XX.AK nur langsam voran und scheiterte im Laufe des Nachmittag endgültig.
Das XXIII.AK, von dem nur eine Division (2.ID) vor Ort war, hatte durch den unglücklichen Kampf am Tag zuvor stark an Halt verloren. Der geplante Flankenschutz für das I.Korps im Süden bei Usdau kam deshalb nicht zur Wirkung.
Da aber die deutsche 41.ID ihren Vormarsch schon am Morgen wieder anhielt (man stieß ins Leere), konnte sich die 1.Brigade der Division bei Bujaken und Frankenau wieder zur Abwehr einrichten. Der dort eintreffende Kommandierende General dieses Korps, General Kondratowitsch, zog von Mlava anrückende Teile seiner 3.Garde-Infanteriedivision nach Rontzken heran. Es handelte sich um das Leibgarde-Regiment Kexholm unter Oberst Sirelius. Der versprengten 2.Brigade der 2.ID wurde Neidenburg als Sammelpunkt zugewiesen.
Das XXIII.AK unter General Kondratowitsch verfügte somit in der Linie Bujaken - Neidenburg über 5 Regimenter.
Das russische I.AK war bei Usdau geschlagen worden. Von dessen Rückzug über Soldau auf Mlawa bekam der Oberbefehlshaber der 2. Armee, General Samsonow, aber erst am Abend Nachricht. Sein VI.AK, von dem er mittags die Nachricht erhalten hatte, dass es bis südlich Bischofsburg zurückgegangen sei, setzte er nun auf Passenheim statt auf Allenstein an, also mehr südlich.
Das XIII.AK sollte dem XV. zu Hilfe auf Hohenstein marschieren, und dann sollten beide Korps zusammen unter dem einheitlichen Befehl des Generals Martos "...mit Tagesanbruch in der allgemeinen Richtung auf Gilgenburg - Lautenburg energisch vorgehen, um den Feind vor der Front des XXIII. und I. Korps in Flanke und Rücken zu fassen." Diese beiden Korps sollten ihre Stellungen um jeden Preis halten.
Die Meldung vom Rückzug des I.AK auf Mlawa war dann eine schwere Enttäuschung. General Samsonow hatte sich fest darauf verlassen, dass dieser Flügel halten werde. Der Kommandierende General Artamanov wurde seiner Stellung enthoben. Bei dem Entschluss, den Angriff am 28. August fortzusetzen, blieb es aber.