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Klein Boessau

Die Schlacht bei Tannenberg

26. - 30. August 1914

Das Gefecht der 6. Landwehr-Brigade bei
Klein-Bössau
am 26.August 1914

Beim I.Reservekorps hatte GenLt. Otto von Below am 26. August frühzeitig ein gutes Bild vom nächtlichen Vormarsch der Russen. Das Reserve-Ulanenregiment 1 hatte schon um 02:30 Uhr gemeldet: "Die von einigen Patrouillen in und um Bischofsburg gemeldeten feindlichen Truppenverbände (Div. oder Brig.) marschieren Bischofsburg - Groß-Bössau - Lautern. Das Groß scheinbar gegen 02:00 Uhr Groß-Bössau." Dann hatten vom selben Regiment gemeldet: Lt. Schmidt von Schmidtseck, dass der Gegner von Groß-Bössau auch westlich der Seen auf Klein-Bössau marschiere, über Klein-Bössau und Sauerbaum sei er aber nicht mehr weit hinausgegangen, und aus der Gegend westlich des Dadey(Daddai)-Sees bei Tagesanbruch Lt. Winkelhausen: "in südöstlicher Richtung kein Biwakfeuer gesehen."
Um 10:00 Uhr sollten die Truppen des I.Reservekorps dicht südlich ihres Unterkunftraumes bereit stehen. Dazu erreichte die 1.Res.Div. unter Gen.Lt. von Förster mit dem Anfang Alt-Vierzighufen, die 36.Res.Div. unter Gen.Mj. Kruge 3 km östlich davon Kirschdorf, die 6. Landwehr-Brigade unter Gen.Mj. Krahmer von Lautern her links rückwärts gestaffelt Bürgerdorf. Diese Brigade war durch ihren Nachtmarsch von 12 km schon etwas mitgenommen. Alle Teile des Korps rasteten zunächst etwa zwei Stunden an den erreichten Punten.
Der um 12:00 Uhr von General von Mackensen (XVII.AK) gemachte Vorschlag für die Führung des Angriffs entsprach auch den Absichten des Gen.Lt`s. von Below. Dieser sah seine Hauptaufgabe auch vorher schon im Druck südlich um den Dadey-See herum gegen die Rückzugslinien des russischen VI.Korps.
Um 12:30 Uhr befahl er das Vorgehen der 1.Res.Div. und der Masse der 36.Res.Div. dicht nebeneinander nach Süden gegen die Enge zwischen Pissa-See und Südende des Dadey-Sees. Gen.Mj. Kruge sollte mit "Nebenkräften" seiner 36.Res.Div. und mit der 6. Landwehr-Brigade "dem nördlich Groß-Bössau gemeldeten Gegner in die Flanke" gehen.
Gen.Mj. Kruge, mit Hptm. Boelcke als Genst.Off., entschloss sich aber für die ihm gestellte Sonderaufgabe sofort starke Kräfte seiner eigenen Division zu verwenden. Er setzte die 69. Res.Inf.Brig unter Gen.Mj. von Homeyer und das Reserve-Feldartillerieregiment 36 über Sauerbaum gegen Groß-Bössau zum Angriff an. Die 6. Landwehr-Brigade auf Klein-Bössau. Gleichzeitig erwirkte er beim Generalkommando die Erlaubnis, auch die zunächst nach Süden angesetzte 70.Res.Inf.Brig. rechts neben der 69. nach Osten einzudrehen.
Der Angriff war durch stark gewelltes und deckungsreiches, aber wenig übersichtliches, meist bewaldetes Gelände zu führen. Am Bahnhof westlich Sauerbaum befahl Gen.Mj. von Homeyer die Entfaltung seiner Brigade (69.) aus der Marschkolonne nach der linken Flanke. Reserve-Infanterieregiment 61 sollte den anscheinend schwach besetzten Ort Sauerbaum nehmen, Res.Inf.Reg 21 sich rechts daneben setzen. Östlich und westlich vom Bahnhof gingen die Abteilungen des Reserve-Artillerieregiments 36 unter Obstl. Lannert in Stellung. Mit kurzem Brennzünderschießen belegte die 1. Batterie eine russische, die gegen das deutsche XVII. AK im Osten feuerte und ihr den Rücken zudrehte. Die Führung des russischen 6. Korps wusste anscheinend nichts von der Existenz des deutschen I.RK im Westen der Seen. Andere russische Artillerie belegte die Entfaltung der deutschen Infanterie mit Schrapnellgranaten. Der Kommandeur der 21er, Obstl. Heyn fiel. Oberst Immanuel führte das Res.Infanterieregiment 61 rechts daneben vor. Nach kurzem Feuergefecht wichen Kosaken aus Sauerbaum zurück.
Gen.Mj. von Homeyer war gleich zu Beginn des Gefechts schwer verwundet worden. Oberst Immanuel übernahm die Führung der Brigade. Durch die Artillerie der 36er wirksam unterstützt, gewann die Infanterie gegen Groß-Bössau rasch weiter an Boden. Der Gegner begann nachzugeben. Kurzschüsse der erst spät und von weit hinten feuernden schweren Feldhaubitzen des Res.Fußartillerieregiment 4, hielten das Vorgehen vorübergehend auf. Sobald dieses Feuer vorverlegt war, konnte die Infanterie Groß-Bössau nehmen. Im Pfarrhaus erbeutete Hptm. Cebrian (1.Komp./61) die Akten des Stabes der russischen 4.Infanterie-Division.
Im Norden war der Angriff weniger glatt verlaufen. Da die 6. Landwehrbrigade noch nicht heran war, hatte der linke Flügel der 61er unter russischem Flankenfeuer von links zu leiden. Der Brigadeführer drehte daher das II.Bataillon, die 11.Kompanie und die Maschinengewehr-Kompanie dorthin ab. Er veranlasste auch, dass später auch die Artillerie (Res.Flda.Rgt.36) in mehr nördlicher Richtung wirkte.
Ab 16:30 Uhr machte sich dann auf diesem Flügel auch das Vorgehen der 6.Landwehrbrigade aus Nordwesten bemerkbar.
Die 6.LwBr.
Gen.Mj. Krahmer, unterstützt vom Generalstabsoffizier Hptm. Giehrl, hatte die 6.Landwehrbrigade im Wald westlich Klein-Bössau zum befohlenen Angriff entfaltet. Rechts das Landwehr-Infanterieregiment 49 unter Obstl. Kimming (III. Btl. vorn, I. und II. als Brigadereserve rechts dahinter), links Landwehr-Infanterieregiment 34 unter Obstl. Freiherr von Dalmigk zu Lichtenfels (I. und III. Btl. in vorderer Linie, II. links dahinter).
Als die Bataillone um 16:00 Uhr aus dem Waldrand westlich Klein-Bössau heraustraten, schlug ihnen lebhaftes Schrapnell- und Gewehrfeuer entgegen. Die Führer versuchten ihre Leute aus dem Wald und aus dem feindlichen Feuer heraus zu bekommen. Jetzt begannen auch noch russische Maschinengewehre zu schießen. Ihr fürchterliches hämmern wirkt lähmend auf die angreifenden deutschen Truppen. Sie selbst hatten keine Maschinengewehre. Noch immer ist nichts vom Feind zu sehen. Die Verluste mehren sich durch einen unsichtbaren Gegner. Als einer der ersten fällt Major Gronefeld Edler von Ottberger, Kommandeur I.Bataillon/Ldw.34. Es ist kaum möglich, einen gezielten Schuss anzubringen. Zu allem Unglück schlägt über den See aus Richtung Norden Artilleriefeuer des XVII. Armeekorps in die Reihen der Landwehr, die man dort offenbar für Russen hält.
Weithin sichtbar beherrschte vor dem Ldw.Rgt.34 etwa 1200 Meter westlich Klein-Bössau eine ausgedehnte Kiesgrube mit ihren hochragenden Erdschüttungen das Feld wie eine mächtige Schanze. Von dort schießt der Gegner aus sicherer Deckung, wie sich jetzt herausstellt. Das II.Btl./Ldw.34 unter Major von Joeden versucht die Kiesgrube von Norden her zu umfassen. Nur mühsam gelingt es, die Wehrleute vorwärts zu bringen.
"Ich schoss selbst mit und mein braver Gefreiter Hatt, der mich im Gefecht nicht einen Augenblick verließ und den anderen dauernd Mut zusprach, unterstützte mich dabei." schrieb er damals seiner Frau.
Da endlich kommt die Erlösung: Die beiden Batterien der Landwehrbrigade sind bis dicht hinter die Infanterie vorgekommen und nehmen die Kiesgrube unter Feuer. Der Angriff kommt endlich in Schwung, als von Süden das Eingreifen des II.Btl/Res.61 mit seiner MG-Kompanie unter Hptm. von Eckartsberg und die Umfassung des II.Btl/Ldw.34 Wirkung zeigt.
Selbst verwundet stürmt Obstl. von Dalwigk seinen Wehrleuten voran: "Kameraden, soll ich allein die Schanze nehmen?" - "Das Beispiel des verehrten Führers wirkt mitreißend. Alles springt auf, Trommeln und Hörner rufen zum Sturm." (Aus dem Kriegstagebuch des Landwehr-Infanterieregiments 34)
500 Russen ergeben sich und 8 MG´s werden erbeutet.
Die 6. Landwehrbrigade verlor bei diesem Gefecht 470 Mann, davon 38 Offiziere. (Tot oder verwundet). Insgesamt verloren bei diesem Gefecht 310 Deutsche und 220 russische Soldaten ihr Leben.