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gedanken

Die Schlacht bei Tannenberg

26. - 30. August 1914

Meine Gedanken vor der Schlacht

"In der Brieftasche eines gefallenen russischen Offiziers war ein Schriftstück gefunden worden, aus dem die Absichten der gegnerischen Führung hervorgingen. Danach hatte die Armee Rennenkampff, die Masurischen Seen nördlich umgehend, gegen die Linie Insterburg - Angerburg vorzurücken. Sie sollte die hinter der Angerapp angenommenen deutschen Streitkräfte angreifen, während die Narewarmee über die Linie Lötzen - Ortelsburg den Deutschen die Flanke abzugewinnen hatte.

Die Russen planten also einen konzentrischen Angriff auf die 8. Armee, für welschen die Armee Samsonov aber jetzt schon erheblich weiter nach Westen ausholte, als ursprünglich beabsichtigt war.
Was sollen, ja was können wir gegen diesen gefährlichen feindlichen Plan tun? Gefährlich weniger wegen der Kühnheit, mit der er erdacht, als wegen der Stärke mit der er ausgeführt werden soll, wenigstens mit der Stärke an Streitern, hoffentlich nicht mit der gleichen Stärke an Willen.
Führte doch Russland im Laufe der Monate August und September nicht weniger als 800.000 Soldaten und 1.700 Geschütze gegen Ostpreußen heran, zu dessen Verteidigung nur 210.000 deutsche Soldaten mit 600 Geschützen verfügbar gemacht werden konnten.
Unser Gegenplan ist einfach. Ich will versuchen, ihn dem Leser, auch wenn er kein Fachmann ist, in allgemeinen Umrissen verständlich zu machen:

Wir stellen zunächst der dichten Masse Samsonows eine dünne Mitte gegenüber. Ich sage dünn, nicht schwach. Denn Männer sind es mit stählernem Herzen und stählernem Willen. In ihrem Rücken die Heimat, Weib und Kind, Eltern und Geschwister, Hab und Gut! Es ist das XX. Korps, brave West- und Ostpreußen. Mag diese dünne Mitte unter dem Druck der feindlichen Massen sich auch biegen, wenn sie nur nicht bricht.
Während diese Mitte kämpft, sollen zwei wuchtige Gruppen an deren beide Flügel zum entscheidenden Angriff heranrücken. Die Truppen des I. Armeekorps, durch Landwehr vertärkt, auch alles Kinder des bedrohten Landes, werden von rechts her aus dem Nordwesten, die Truppen des XVII. Armeekorps und I. Reservekorps zusammen mit einer Landwehrbrigade, werden von links her aus dem Norden und Nordosten zur Schlacht herangeholt. Auch die Soldaten des XVII. Armeekorps und I. Reservekorps, ebenso wie die Männer der Landwehr und des Landsturms haben alles, was das Leben lebenswert macht, in ihrem Rücken.
Nicht mit einfachem Sieg, sondern mit Vernichtung müssen wir Samsonoff treffen. Denn nur dadurch bekommen wir freie Hände gegen den zweiten Feind, der zur Zeit Ostpreußen plündert und versengt, gegen Rennenkampff. Nur so können wir das alte Preußenland wirklich völlig befreien, und nur so gewinnen wir Freiheit für weitere Taten, die man noch von uns erwartet, nämlich für des Eingreifen in den mächtig entbrennenden Entscheidungskampf zwischen Russland und unserem österreichisch - ungarischen Verbündeten in Galizien und Polen. Wird unser erster Schlag nicht durchgreifend, dann bleibt die Gefahr für unsere Heimat wie eine schleichende Krankheit bestehen, ungerächt bleibt das Brennen und Morden in Ostpreußen, und vergeblich wartet der Bundesgenosse im Süden auf uns.

Also ganzes Handeln! Dazu muß alles heran, was im Bewegungskrieg einigermaßen brauchbar ist und irgendwo entbehrt werden kann. Was die Festungswälle von Graudenz und Thorn noch an kampftauglicher Landwehr beherbergen, wird herangezogen. Auch aus den Schützengräben, die zwischen den Masurischen Seen unsere jetzige Operation im Osten decken, rücken unsere Wehrmänner ab und übergeben die dortige Verteidigung einer verschwindenden Minderzahl braver Landstürmer. Gewinnen wir die Feldschlacht, dann brauchen wir die Festungen Thorn und Graudenz nicht mehr und sind die Sorgen um die Seenengen ledig.

Gegen Rennenkampff, der wie ein Alpdruck aus dem Nordosten auf uns lasten könnte, soll nur unsere Kavalleriedivision sowie die Hauptreserve Königsberg mit zwei Landwehrbrigaden stehenbleiben. Doch können wir an diesem Tage noch nicht überblicken, ob diese Kräfte auch wirklich genügen. Sie bilden in ihrer Kampfkraft ja nur einen leicht zerreißbaren Schleier, vorausgesetzt, dass Rennenkampffs Massen marschieren, dass seine übermächtigen Reitergeschwader reiten sollten, so wie wir es befürchten müssen.

Vielleicht tun sie das aber nicht; dann genügt der Schleier zur Deckung unserer Schwäche.
Wir müssen es wagen in Flanke und Rücken, um an der entscheidenden Front stark zu sein. Hoffentlich gelingt es uns, Rennenkampff zu täuschen; vielleicht täuscht er sich selbst. Der starke Waffenplatz Königsberg mit seiner Besatzung und unsere Reiter können sich in der Phantasie des Feindes zu machtvolleren Größen erweitern.

Wenn sich aber auch Rennenkampff zu unseren Gunsten in falschen Vorstellungen wiegt, wird ihn nicht seine Oberste Heeresführung vorwärtstreiben in starken Märschen nach Südwesten und in unseren Rücken?
Muß ihn nicht ein Hilfeschrei Samsonovs in Bewegung aufs Kampffeld setzen?
Und wird nicht, selbst wenn der Ruf menschlicher Stimme vergeblich verhallen sollte, der mahnende Donner der Schlacht bis zu den russischen Linien im Norden der Seen, ja selbst bis zum feindlichen Hauptquartier dringen?
Vorsicht gegen Rennenkampf bleibt also nötig, wir können ihr aber nicht durch Zurücklassung starker Kampftruppen Rechnung tragen, sonst werden wir auf dem Schlachtfeld noch schwächer als wir es ohnehin sind.

Berechnen wir die gegnerischen Stärken, zählen wir zu der unsrigen auch die beiden Landwehrbrigaden, die zur Zeit von Schleswig-Holstein her aus dem Küstenschutz heranrollen und wohl noch rechtzeitig zur Schlacht eintreffen werden, so gibt ein Vergleich mit den wahrscheinlichen russischen Kräften immer noch große Verschiedenheiten zu unseren Ungunsten, auch wenn Rennenkampff nicht marschieren, nicht mitkämpfen will. Dazu kommt, dass in unseren vordersten Reihen viel Landwehr und Landsturm fechten muß. Alte Jahrgänge gegen beste russische Jugend. Ferner spricht gegen uns, dass die Mehrzahl unserer Truppen und, wie es die Lage fügt, gerade jene, die voraussichtlich den entscheidenden Stoß führen müssen, aus schweren und verlustreichen Kämpfen herankommen. Hatten sie doch den Russen das Schlachtfeld von Gumbinnen überlassen müssen. Die Truppen marschieren daher nicht mit dem stolzen Gefühl der Sieger. Und doch rücken sie zur Schlacht frohen Sinnes und fester Zuversicht.

Der Geist ist gut, so wird uns gemeldet, also berechtigt er zu kräftigen Entschlüssen, und wo er etwa gedrückt sein sollte, da wird er durch diese kraftvollen Entschlüsse emporgerissen. So war es von je her, sollte es diesmal anders sein? Ich hatte keine Bedenken wegen unserer zahlenmäßigen Unterlegenheit.
Wer in die Rechnung des Krieges nur die sichtbaren Werte einsetzt, rechnet falsch. Ausschlaggebend sind die inneren Werte des Soldaten. Auf diese baue ich mein Vertrauen.

Mag der Russe auch in unser Vaterland einmarschieren, mag die Berührung mit deutscher Erde sein Herz höher schlagen lassen, sie macht ihn nicht zum deutschen Soldaten, und die ihn führen, sind keine deutschen Offiziere.
Auf den mandschurischen Schlachtfeldern hatte der russische Soldat mit dem größten Gehorsam gefochten, so fremd ihm auch die politischen Absichten seiner Regierung am Stillen Ozean gewesen waren. Es schien nicht ausgeschlossen, dass bei einem Krieg gegen die Mittelmächte die Begeisterung der russischen Armee für die greifbaren Kriegsziele des Zarentums größer sein würde. Trotzdem nahm ich an, dass der russische Soldat und Offizeir auch auf dem europäschen Kriegsschauplatz im großen und ganzen keine höheren militärischen Eigenschaften zeigen würde als auf dem ostasiatischen, und glaubte daher, statt des Minus unserer zahlenmäßigen Unterlegenheit ein Plus an innerer Kraft in der Berechnung der Stärkeverhältnisse zu unseren Gunsten aufnehmen zu können.

So ist unser Plan, sind unsere Gedanken vor der Schlacht und für die Schlacht. Wir fassen dieses Denken und Wollen am 23. August in einer kurzen Meldung aus Marienburg an die Oberste Heeresleitung zusammen des Inhalts:
'Vereinigung der Armee am 26. August beim XX. Armekorps für umfassenden Angriff geplant.'"