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Gumbinnen Rueckzug

Die Schlacht bei Gumbinnen

20. August 1914
Im Vorfeld der Schlacht bei Tannenberg

Der Entschluss zum Rückzug

Das Armee-Oberkommando hatte den ganzen Tag über in Verbindung mit den Generalkommandos der Korps gestanden und war über den Stand der Schlacht dauernd unterrichtet. Die Erfolge des I.AK und das rasche Vordringen des XVII.AK hatte im Laufe des Vormittags eine siegessichere Stimmung erzeugt. Sie wurde gedämpft, als man erfuhr, dass der Angriff des I.AK (im Norden) zum Stehen gekommen sei, und als die ersten Nachrichten von Rückschlägen beim XVII.AK (Mitte) eintrafen.

Am Nachmittag des 20. August hatte man beim Oberkommando folgendes Bild von der Lage:
Auf dem Nordflügel war die 2. Landwehrbrigade von der Inster nach Westen abgezogen (In der Folge des überraschenden Zusammentreffens mit der russischen Kavallerie am Tag zuvor.)
Von der 1. Kavallerie-Division fehlten Nachrichten, seit sie am Morgen zur Verfolgung vorgegangen war. Vermutlich beherrschte die mehr als dreifach überlegene russische Kavallerie die Lage im Norden der beiderseitigen Armeen. Dem russischen Nordflügel konnten im übrigen mit der Bahn jederzeit Verstärkungen zufließen. So schien es trotz der Erfolge der 2. Infanterie-Division keineswegs sicher, dass durch Fortsetzung des Angriffs auf diesem Flügel am folgenden Tag die Entscheidung zu erlangen war.
In der Mitte konnte man sich von einem neuen Angriff der Hauptreserve Königsberg und des XVII.AK nicht mehr viel versprechen. Ein Sieg schien danach an diesem Tage kaum noch zu erhoffen. Als man auch noch erfuhr, dass das Korps hinter die Rominte zurückgehe, und die Nachrichtenoffiziere den Zustand der weichenden Truppen in düsteren Farben schilderten, entstanden beim Oberbefehlshaber und seinen Generalstabschef auch Zweifel, ob es möglich sein werde, den Angriff am nächsten Tage mit Aussicht auf Erfolg fortzusetzen. Es schien, dass man zufrieden sein musste, wenn die Mitte ihre Stellungen hielt.
Auch das I.Reservekorps und die 3. Reservedivision auf dem Südflügel standen vermutlich einem gleich starken Gegner gegenüber. Man rechnete damit, dass hier noch weitere russische Kräfte im Anmarsch seien. Und selbst wenn der Flankenangriff der 3.RD am nächsten Morgen auf dem Südflügel einen vollen Erfolg brachte, konnte das auf die Gumbinner Kampffront an dem selben Tag noch keine Wirkung haben.
So schien ein rascher und entscheidender Erfolg gegen die Njemen-Armee zwar nicht unmöglich, aber doch keineswegs wahrscheinlich oder gar sicher.
Daher erwog Generaloberst von Prittwitz und Gafron schon gegen 17:00 Uhr, die Schlacht abzubrechen und zurückzugehen.

Die Verhältnisse an der ostpreußischen Südgrenze drängten zu baldigem Abschluss bei Gumbinnen: Aus russischen Funksprüchen war zu erkennen gewesen, dass das I., VI., XIII., XV. und XXIII. Korps sowie die 15. Kavallerie-Division zur 2.(Narev-) Armee gehörten. Die bisher bei Lomsha und Ostrolenka beobachteten Kräfte hatten den Vormarsch am 19. und 20. August fortgesetzt und von Friedrichshof bis Chorshele die Grenze erreicht. Außerdem war neuer Feind weiter westlich bei Prasnysch erkannt worden. Als Generaloberst von Prittwitz um 14:30 Uhr persönlich am Fernsprecher beim Generalkommando des XX. Armeekorps anfragte, meldete ihm der Generalstabschef des Korps, Oberst Hell, man schätze den Gegner bis jetzt auf 2 bis 2½ russische Korps und 2 Schützen-Brigaden. Das XX.AK rechne auf keine Unterstützung. Die Hauptsache sei, dass bei Gumbinnen gesiegt werde, "hier werden wir schon halten". Dazu wollte der Kommandierende General von Scholtz seine Kräfte nach Neidenburg verschieben, um den russischen Westflügel anzugreifen.

Aber um 19:00 Uhr erhielt das Oberkommando eine weitere Nachricht von Generalmajor von Unger, dem Befehlshaber der Festungstruppen bei Soldau: Flieger hatten am Mittag den Vormarsch langer Kolonnen auf der Straße Warschau - Pultesk - Zjechanow bis 10 km südlich Mlava erkannt, außerdem Truppen bei Nassjelsk. Hier war mindestens ein weiteres Korps im Anmarsch.

Diese Meldungen warfen alle bisherigen Berechnungen des Armee-Oberkommandos über den Haufen: Die ganze Narev-Armee schien jetzt in vollem Anmarsch, sie dehnte sich viel weiter nach Westen aus, als man bisher angenommen hatte. Das XX.AK und die Festungstruppen waren alleine nicht imstande, acht russische Divisionen und zwei Schützen-Brigaden aufzuhalten.
Die schon im Bericht an die Oberste Heeresleitung vom 9. August für den Angriff auf die Njemen-Armee geforderte Voraussetzung, dass eine Bedrohung aus der Linie Prasnysch - Ostrolenka ausgeschlossen sein müsse, war nicht mehr gegeben. Die Basierung der Armee auf die Weichsel war in Frage gestellt. Man konnte nach Königsberg abgedrängt werden.
Generaloberst von Prittwitz und sein Chef des Stabes, Generalmajor Graf von Waldersee, erinnerten sich auch der Warnung die ihnen der Generalstabschef der Obersten Heeresleitung (OHL), Generaloberst von Moltke, gerade in dieser Hinsicht mit auf den Weg gegeben hatte, unter allen Umständen die Armee zu erhalten. Beide waren daher sofort entschlossen, den Kampf bei Gumbinnen, an dessen erfolgreichen Ausgang sie ohnehin zweifelten, abzubrechen und die Armee nach Westen über die Weichsel zurückzuführen.
Der Oberquartiermeister, Generalmajor Grünert, und der 1. Generalstabsoffizier, Oberstleutnant Hoffmann hatten diesen Entschluss kommen sehen. Sie glaubten, dass die Schlacht bei Gumbinnen am 21. August durchaus zu gewinnen sei und daher durchgekämpft werden müsse. Sie wiesen darauf hin, dass man beim Zurückgehen ohnehin nicht mehr kampflos an der Narev-Armee vorbeikomme, denn diese habe den bei weitem kürzeren Weg zur Weichsel. Man werde ihr gegenüber aber ganz anders dastehen, wenn man vorher die Njemenarmee geschlagen und dadurch Rückenfreiheit habe.

Prittwitz wies diese Einwendungen zurück und blieb bei seinem Entschluss zum Rückzug. In seiner Auffassung wurde er noch bestärkt durch eine etwas später eingehende Fliegermeldung über zahlreiche feindliche Truppen bei Stallupönen und den Marsch einer Kolonne von Schilleninken auf Pillkallen. (Vermutlich ist diese Kolonne die deutsche 1. Kavallerie-Division gewesen, mit ihren 800 russischen Gefangenen. Das konnte man zu diesem Zeitpunkt nicht wissen, da über den Verbleib der 1. KD nichts bekannt war.) Man sah in ihnen Verstärkungen für den russischen Nordflügel. Es konnte das russische Gardekorps sein, das man nach Agentenmeldungen in dieser Gegend erwartete.

Auch aus strategischer Sicht gibt es Argumente für eine Fortführung der Schlacht:
Die deutsche 8. Armee hatte ja gerade jetzt erreicht, was das Ziel gegen einen zahlenmäßig überlegenen Gegner sein müsste. Sie hatte eine der russischen Armeen in der Vereinzelung zum Kampf gestellt. Eine günstigere Konstellation würde sich nicht wieder bieten. Noch waren die beiden russischen Armeen durch die geographischen Gegebenheiten (Masurische Seen) getrennt und waren nicht in der Lage, gemeinsam zu operieren.
Gelang der Sieg gegen Rennenkampf, würde sich dann Samsonow weiter nach Norden vorwagen? Wenn er es tat, war sein Rückzug genau so bedroht wie der der deutschen 8. Armee.

Hätte Generaloberst von Prittwitz für den 21. August an einen Sieg geglaubt, dann hätte er weiter gekämpft, trotz der Bedrohung durch die Narev-Armee. So aber kam beides zusammen: Ein, nach seiner Auffassung, fraglicher Schlachtausgang und die Gefahr im Rücken. Der Entschluss zum Rückzug bei Kenntnis der Lage, wie sie das Armee - Oberkommando damals hatte, ist demnach nicht zu beanstanden. Er entsprach der militärischen Logik, die Armee nicht zu gefährden. Von besonders viel Wagemut zeugt die Entscheidung nicht.

Trotz einiger Verzögerungen störten die Russen den Abzug nicht. Sie waren durch den vorhergehenden Kampf noch schwer mitgenommen und daher völlig überrascht, als sie am 21. August bei Tagesanbruch den Abzug bemerkten.