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Lage 19. August

Die Schlacht bei Gumbinnen

20. August 1914
Im Vorfeld der Schlacht bei Tannenberg

Der Ansatz zur Schlacht

Generaloberst von Prittwitz und Generalmajor von Waldersee wollten sich zunächst gegen die russische Armee wenden, die zuerst in Reichweite kam. War das die 2.(Narew)Armee, dann konnte man sie angreifen, ohne dass dabei die eigenen rückwärtigen Verbindungen gefährdet wurden. Ein solcher Angriff, der etwa in Richtung gegen den Narew erfolgen würde, entsprach den Wünschen der österreichischen Verbündeten und deckte am wirksamsten auch die Wege nach Posen.
Kam der Gegner hier aber nicht, so lief man Gefahr ins Leere zu stoßen. Inzwischen konnte die russische 1.(Njemen)Armee den deutschen Kräften in den Rücken kommen.
Daher musste man sich gegen die Njemen-Armee wenden, falls diese zuerst auftrat, während die Narew-Armee sich noch zurückhielt. Dass dieser Fall eintreten wird, hielt man beim Oberkommando der 8. Armee für wahrscheinlich. Beide Bedingungen mussten zutreffen, um nicht in die von Graf Schlieffen 1898 geschilderte Lage zu kommen, der zufolge man hinter die Weichsel zurückgehen müsste. Die Njemen-Armee unter Rennenkampf musste also rasch und vollständig besiegt werden, bevor die aus Süden anrückende Narew-Armee unter ins Geschehen eingreifen konnte.
Der Chef des Stabes der 8. Armee, Generalmajor Graf von Waldersee, meldete an die Oberste Heeresleitung das vorsichtige Verhalten der russischen Kavallerie gegen die ostpreußische Südgrenze sowie Eisenbahn- und Brückenzerstörungen des Gegners vor dessen linkem Flügel. Dies lasse ein Vorgehen der 2. russischen Armee vom Narew her vorerst unwahrscheinlich erscheinen. Er erwarte dagegen ein Vorgehen der hinter der Linie Suwalki - Wirballen angenommenen 1.(Njemen) Armee. (Manchmal auch Wilna-Armee genannt) Der Oberbefehlshaber wolle daher seine Armee bereitstellen, um "bei dem Anmarsch der Wilna-Armee, unter Ausnutzung des Seen-Geländes aus der Gegend der Angerapp nördlich Angerburg einen Schlag zu führen", und sich später, nachdem dieser Feind abgeschüttelt sei, je nach Umständen gegen Süden wenden.
Dem entsprechend verschob das Oberkommando in den nächsten Tagen die 3. Reserve-Division und die 6. Landwehrbrigade aus der Gegend südlich Bromberg nach den Masurischen Seen in das befestigte Lötzen, wo sie am 12. und 13. August eintrafen. Die Festung Lötzen, deren Anlagen durch Feldbefestigungen erst erweitert werden mussten, sowie die 6. Landwehrbrigade wurden dem Befehl des Kommandeurs der 3. Reserve-Division, Generalleutnant von Morgen unterstellt. Im Anschluss an die Seen nach Norden hatte das 1. Reservekorps die Angerapp-Stellung auszubauen.
So blieben die deutschen Kräfte östlich der Weichsel wie folgt verteilt:

Mir der Front nach Süden:
Die 70.Landwehrbrigade
XVII. und XX.Armeekorps.

Im Seengebiet bei Lötzen:
3.Reservedivision
6.Landwehrbrigade.

Mit der Front nach Osten:
I.Reservekorps
I.Armeekorps
1.Kavalleriedivision
2.Landwehrbrigade

Der 17. August hatte beim Oberkommando der deutschen 8. Armee Klarheit über die Frontausdehnung der Russischen Njemen-Armee gebracht. Die Versammlung der 8. Armee war, wie am 14. August befohlen, durchgeführt worden. Das XVII. Armeekorps wurde vom südlichen Grenzabschnitt bei Neidenburg nach Nordosten, hinter die Angerapp, südlich Insterburg verlegt. Hier fehlten noch Truppenteile, deren Ablösung sich aus dem südlichen Grenzschutz verzögert hatte. Sie trafen erst am Abend des 18. ein.
Das I.AK befand sich nun endlich etwa in dem Raum, der ihm ursprünglich angewiesen wurde. Die Voraussetzungen aber, unter denen die Armee hinter die Angerapp befohlen wurde, trafen jetzt nicht mehr zu. Generaloberst von Prittwitz hatte angenommen, dass der feindliche Nordflügel nur bis zur Romintschen Heide reichte und der Gegner am 14. August die Grenze überschreiten würde. Darauf hatte man die Absicht gegründet, den russischen Nordflügel aus der Gegend von Gumbinnen - Insterburg zu umfassen. Nun aber reichte dieser feindliche Flügel bis über Schirwindt hinaus und der Gegner hatte erst am 17. August den Vormarsch angetreten. Durch die Eigenmächtigkeit des Generals Hermann von François (I.Armeekorps) war dieser Vormarsch weiter verzögert worden.
(Näheres hierzu auf der nächsten Seite)
Die Lage hatte sich räumlich und zeitlich ganz anders entwickelt als das Armee-Oberkommando am 14. angenommen hatte. Es war fraglich geworden, ob die Umfassung des russischen Nordflügels noch gelingen könne und ob die Zeit reichen würde, die Entscheidung gegen die 1. (Njemen) Armee herbeizuführen, bevor der Vormarsch der 2. (Narew) Armee aus Richtung Süden sie unmöglich machte. Schnelles Handeln war geboten.

Lage am 19. August 1914, nachmittags
Gegen die Südgrenze Ostpreußens nahm der Aufmarsch der 2. russischen Armee (Narew-Armee) seinen Fortgang. Von Ostrolenka und Lomsha schienen die vorderen Teile im weiteren Vormarsch mit Hauptrichtung auf Ortelsburg. Eine unmittelbare Bedrohung schien aber noch nicht gegeben.
Das russische II. Armeekorps hatte die Gegend um Lyck erreicht.
Bei Marggrabowa und in der Romintschen Heide war kein Feind erkannt worden, dagegen hatten die Flieger im Raum südlich und östlich Goldap ca. 2 Divisionen Infanterie gemeldet, die sich gegen Darkehmen zu wenden schienen. Bei Wischtynjez wurde starke Kavallerie festgestellt.
Daraus gewann das Oberkommando der 8. Armee den Eindruck, dass man es bei Gumbinnen mit einer starken, von der übrigen Armee abgetrennten Gruppe zu tun hatte, während andere Kräfte südlich der Romintschen Heide noch weiter zurück seien. In dieser Lage gaben die Meldungen vom I. Armeekorps den Ausschlag. Man konnte François nicht abermals alleine gegen den Feind stehen lassen.

Entschluss zum Angriff
So entschloss sich Generaloberst von Prittwitz, jetzt mit den übrigen Korps anzutreten. Dieser, der Anregung des Generals von François zu verdankende Entschluss entsprach um so mehr der Lage, als die Russen auch am 20. August noch nicht an der Angerapp erschienen wären, sondern frühestens am 21. Sie ließen sich Zeit und waren vorsichtig.
Wäre die deutsche 8. Armee noch länger stehen geblieben, um die Russen an die Angerapp anlaufen zu lassen, so wären unersetzbare Tage verloren gegangen und der Vormarsch der 2. russischen Armee aus dem Süden hätte sie zum Rückzug gezwungen, bevor sie zum Schlagen kam.

Taktik:
Generaloberst von Prittwitz wollte zunächst die nördliche Gruppe der russischen 1. Armee bei Gumbinnen angreifen, während er sich gegen den von Goldap erwarteten Feind durch starke Staffelung nach rechts sicherte. Erst nachdem die Gumbinner Gruppe geschlagen war, wollte er sich gegen den Goldaper Feind wenden.
Hierzu befahl das Armee-Oberkommando dem XVII. Armeekorps unter General der Kavallerie August von Mackensen um 16:40 Uhr sofort den Vormarsch in zwei Kolonnen gegen die Linie Walterkehmen - Perkallen - Plicken anzutreten.
Nach Ansicht der Lage musste dieser Vorstoß den Teil des Gegners, der dem I. AK bei Augustupönen gegenüberstand, aus wirksamster Richtung treffen. Das XVII. AK erschien stark genug, um hier die Entscheidung zu bringen. Alle übrigen Kräfte wurden daher zum Schutz der Flanke dieses Armeekorps ausgeschieden:
Das I. Reservekorps (südlich des XVII.AK) sollte gegen den Feind bei Goldap decken, dessen Spitze nachmittags schon bei Kleschowen angenommen wurde.
Die 3. Reservedivision, (in Lötzen) sollte zunächst nur bis Kutten, 20 km nordöstlich Lötzen, vorrücken.
Auf die Mitwirkung der 6. Landwehrbrigade wurde verzichtet. Sie sollte weiterhin die nördlichen Seeengen sichern.

Der Vormarsch der russischen 1. Armee

Am 18. August hatte Rennenkampf den Abzug des deutschen I.Armeekorps unter General der Infanterie Hermann von François nach dem Gefecht bei Stallupönen schon in der Nacht erkannt. Eine unmittelbare Verfolgung unterblieb aber. Der Vormarsch wurde für 8:00 Uhr morgens befohlen, teilweise auch für später. Einigen Quellen zu Folge sollen die Russen erst nach 14:00 Uhr angetreten sein. Nur der Nordflügel der Armee erreichte die für diesen Tag gesteckten Ziele:
Das Kavalleriekorps des Khan Hussein bis nach Mallwischken, dahinter die 28. Infanteriedivision bis Kussen. Bei allen Truppen aber, die am Tage vorher bei Stallupönen im Gefecht gestanden hatten, machten sich die Nachwirkungen des Kampfes derart fühlbar, dass sie über die Bahnlinie Pillkallen - Stallupönen - Pillupönen nur wenig hinauskamen. Der am Gefecht nicht beteiligte Südflügel (IV.Korps mit 5. Schützenbrigade und 1. Kavalleriedivision) blieb sogar ganz stehen, vermutlich um in sich aufzuschließen.

Am 19. August setzte die 1. russische Armee den Vormarsch auf der ganzen Front fort:
Das Kavalleriekorps wandte sich nordwestlich gegen Kraupischken, hinter ihm rückte die 1. selbständige Kavalleriebrigade von Schillehnen heran.
Vom XX. Korps (Gen.d.Inf. Smirnow) rückte mit der 28. Infanteriedivision nur ein kurzes Stück nach Westen und Südwesten vor, bis sie mit den Truppen der 1. deutschen Infanteriedivision (I.AK) in Berührung kam. Alle übrigen Teile der Armee rückten einen vollen Tagesmarsch westwärts.
Von diesen Kräften räumlich getrennt erreichte die Südgruppe der 1. russischen Armee:
Ein Regiment der 40. Infanteriedivision den Westrand der Romintschen Heide (Waldgebiet), die 30.ID und die 5. Schützenbrigade Goldap und Groß-Wronken, die 1. Kavalleriedivision Gollubien.
Das der 2. Armee unterstehende, gegen Lötzen durch schwere Artillerie verstärkte II.Armeekorps (Gen.d.Kav. Scheidemann) blieb am 19. August bei Lyck stehen.
Die Auffassung des deutschen Armee-Oberkommandos, dass der Gegner durch die Romintsche Heide in 2 Gruppen getrennt sei, war im Grunde zutreffend, nur war die südliche Gruppe schwächer als zunächst angenommen.
Für den 20. August befahl General von Rennenkampf seiner Armee mit Rücksicht auf die Ermüdung der Truppen und die Regelung des Nachschubs nur so weit vorzurücken, als dies ohne ernsteren Kampf möglich sei.
Die Entscheidung über Ort und Zeit hing aber nicht mehr vom russischen Oberbefehlshaber ab. General von Prittwitz hatte die Initiative an sich gerissen. An der Front war es inzwischen schon zu Zusammenstößen gekommen.