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russischer Aufmarsch

Die Schlacht bei Tannenberg

26. - 30. August 1914

Der russische Aufmarsch

Russland hatte beim Aufmarsch wie bei der Führung der Operationen auf das Zusammenwirken mit dem verbündeten Frankreich Rücksicht zu nehmen. Zwischen beiden Staaten bestanden seit 1892 feste militärische Abmachungen für den Kriegsfall. Es fanden regelmäßige Besprechungen der Generalstabschefs statt. Frankreich drängte auf möglichst frühen und starken Einsatz russischer Kräfte nach einem Kriegsbeginn gegen Deutschland.
Der russische Generalstab stellte mindestens 800.000 Mann für diesen Fall in Aussicht, die durch ihren Angriff 5 bis 6 deutsche Armeekorps mit den entsprechenden Reserve- und Landwehrverbänden binden sollten. Ihr Angriff könne nach dem 15. Mobilmachungstag beginnen.
Den Plänen des russischen Generalstabs entsprechend wurden gegen Ostpreußen 2 Armeen angesetzt. Nach Vernichtung oder Zurückweichen der deutschen 8. Armee hinter die Weichsel sollten diese beiden Armeen zusammen mit der bei Warschau in Bildung befindlichen 9. russischen Armee in Richtung Berlin vorgehen. So sollte die deutsche Oberste Heeresleitung gezwungen werden, starke Verbände aus seiner Westfront abzuziehen. Dies würde Frankreich die nötige Entlastung bringen um seinerseits offensiver operieren zu können.

Die 1. Armee
unter General Pavel von Rennenkampf versammelte sich westlich des Njemen zwischen Kowno bis Grodno. Sie sollte nördlich der Masurischen Seen in westlicher Richtung vorgehen.
Das III., IV. und XX. Armeekorps waren in den genannten Bereitstellungsräumen aufmarschiert und standen hierfür zur Verfügung. Das XVIII. Korps und ein Gardekorps wurden noch herangeführt.
Daneben standen noch 5½ Kavallerie-Divisionen zur Verfügung

Die 2. Armee
unter General Alexander Samsonow sammelte sich am Narev von Grodno bis südwestlich Lomsha. Sie sollte von Süden her westlich der Seen in Richtung Norden vorgehen.
Samsonow standen 5½ Korps zur Verfügung.
Das I.AK, von der 9. Armee bei Warschau abgegeben. Das II., VI., XIII., XV. und eine Infanterie-Division des XXIII. Korps und 4 Kavallerie-Divisionen.

Über diese beiden Armeen wurde ein Kommando gestellt, das sogenannte "Oberkommando Nordwestfront". Hier sollte das Zusammenwirken der beiden Armeen koordiniert werden. Der russische Oberbefehlshaber, Großfürst Nikolai Nikolajewitsch (der Jüngere), berief General Jakov Shilinski zum "Oberbefehlshaber Nordwestfront". Zum Chef des Stabes wurde der bisherige Chef des Warschauer Militärbezirks, General Oranowski, bestimmt. Er galt als Kenner der deutschen Armee.
Shilinski bestimmte die kleine Kreisstadt Wolkowysk (südöstlich Grodno) zum Standort seines Stabes. (Ein historisch bedeutender Ort, denn hier wurde im Jahre 1386 Jagiello zum polnischen König gekrönt. Unter seinem Oberbefehl besiegte das polnisch-litauische Heer im Jahre 1410 das Heer des Deutschen Ritterordens bei Tannenberg)
Für Shilinski war der Ort wegen seiner günstigen Verkehrslage von Bedeutung. Hier kreuzten sich die Eisenbahnlinien Bialystok - Baranowitschi und Ssjedlez - Polosk.
Die Aufgabe Shilinskis wurde durch den Großfürsten wie folgt umrissen:
"Es ist nur möglich, die Bewegungen der Armee Rennenkampf und Samsonow in Übereinstimmung zu halten und auf ein gemeinsames Ziel zu vereinigen, wenn genaue Befehle gegeben und befolgt werden. In diesem Sinne fasse ich die Aufgabe des Kommandierenden der Nordwestfront dahin zusammen:
Die in Ostpreußen zusammengezogenen deutschen Truppen sind zu schlagen, und nachdem dies geschehen, der Vormarsch zur Weichsel anzutreten. In Übereinstimmung mit diesem Ziel soll die Armee Rennenkampf die Masurischen Seen von Norden her umgehen und die Armee Samsonow ihren Vormarsch in der Weise ausführen, dass sie die erwähnten Seen östlich von sich liegen lässt. Da die Armee Samsonow infolge ihrer Lage am Bobr und Narev als Rückendeckung der gegen Österreich angesetzten Armeen betrachtet werden muss, so hat sie die ergänzende Aufgabe, diese Stellung an den Flüssen um jeden Preis zu halten."

Das ständige drängen des französischen Botschafters, Monsieur Paléologue, auf ein schnelleres Vorgehen störte die ruhige Entwicklung des Aufmarsches. Der französische Militärattaché, Brigadegeneral Marquis de Laguiche, wurde dem Stab Shilinskis zugeordnet.
General Shilinski schätzte die deutschen Kräfte richtig auf vier Korps ein. Auch seine Mutmaßung, dass die Vorhuten an die Grenze vorgeschoben sind und die Hauptkräfte hinter den Masurischen Seen stehen, war ziemlich zutreffend. Aus dieser Annahme heraus erscheint klar das Ziel:
Die deutschen Truppen von Königsberg abschneiden, die Rückzugswege zur Weichsel besetzen und den Marsch nach Berlin antreten.

Stawka
Der Sonderzug des Großfürsten Nikolai Nikolajewitsch kommt nur langsam vorwärts, in Pskow ist ein Aufenthalt von mehreren Stunden, weil hier Truppentransporte nach Pernau die Strecke kreuzen. Der Großfürst hat Anordnung gegeben, dass auch weiterhin alle Militärzüge vor ihm abgefertigt werden sollen. In Dünaburg muss der Zug aus dem gleichen Grunde auf ein Nebengleis geleitet werden. Auf dem Bahnhof in Wilna meldet sich der General v. Rennenkampf mit seinem Stab. Mit Befriedigung nimmt der Großfürst die Nachricht entgegen, dass die 1.Armee die deutsche Grenze bereits überschritten habe. Zu dem neben ihm stehenden englischen General Williams sagt der Großfürst mit sichtlichem Stolz: "Sie sehen, unsere Mobilmachung hat wie ein feines Räderwerk funktioniert. Genau nach der Uhr tragen wir den Angriff gegen den Feind vor."
Erst am Abend erreicht man Lida, wo sich ein Teil des Stabes des Oberkommandos Nordwestfront befindet. Dieser trifft von Wolkowysk gegen Mitternacht in Begleitung des Generals de Laguiche in Lira ein. Der Großfürst ist in bester Stimmung und schüttelt dem Franzosen freudig die Hände: "Ich habe soeben Ihrem Herrn Botschafter nach Petersburg gedrahtet, dass ich nach den Eindrücken hier mit voller Zuversicht den kommenden Ereignissen entgegensehe. Die Konzentration unserer Truppen vollzieht sich bedeutend rascher, als ich es zu hoffen gewagt habe. Die Offensive ist in vollem Gange." Die Beratung im Salonwagen zieht sich bis zum frühen Morgen hin. Shilinski berichtet von den Eindrücken, die er durch Gefangene und auch durch Agenten gewonnen hat: "Es muss als sicherer Beweis gelten, dass durch Verletzung der belgischen Neutralität die deutschen Hauptkräfte an der französischen Front versammelt werden. Wir brauchen daher auch keine Landungsoperationen an der baltischen Küste mehr zu befürchten, wie sie in den Gehirnen der Petersburger herumspuken. Wir wissen längst, dass das Stettiner und Posener Korps im Westen sind. Uns können also von aktiven Korps nur das I., XVII. und XX. gegenüberstehen. Unter diesen Umständen haben wir zweifellos die überwältigende Mehrheit an Truppen für die kommende Schlacht." Kurz vor der Abfahrt von Lida zieht Nikolai Nikolajewitsch General Shilinski zur Seite und prägt ihm zusammenfassend nochmals seine Meinung ein: "Mit Ihren Maßnahmen für die Rennenkampf - Armee bin ich vollkommen einverstanden. Die Samsonow - Armee aber muss trotz ihres größeren Anmarsches ebenso schnell entwickelt werden und in wenigen Tagen aus der Linie Augustowo - Myzyniec - Chorzele auf die Front Lötzen - Arys - Rudczanny - Ortelsburg vorgehen, wobei die Hauptkräfte aus der Linie Myzyniec - Chorzele über Rudczanny und Passenheim die Front Rastenburg - Seeburg angreifen sollen."
Am 16. August gegen Mittag trifft der Zug des Generalissimus in Baranowitschi ein.